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Stadtschreiber in Bergen

Eine verschwiegene Form von Dankbarkeit

Wie überlebt man als Künstler, wenn vor einem immer ein Entscheider steht, der zwar Kunst sagt, "aber Ware meint". Ulrich Peltzer stellt sich selbst als Stadtschreiber in Bergen vor. Von Jamal Tuschick

Von Jamal Tuschick

Zurzeit rechnet man überall mit Verschlechterungen. Keinen Hinweis auf den globalen Lochfraß boten allerdings die seit Jahr und Tag fugenfesten Begleitumstände der Inthronisierung des Stadtschreibers zu Bergen. Im Hof des Stadtschreiberhauses bot sich ein vertrautes Bild mit Kaffee und Kuchen. Neu war es nur für den Neuen, den gebürtigen Krefelder und Wahlberliner Ulrich Peltzer. Er erwehrte sich der Wespen in Gesellschaft seiner Vorgänger Friedrich Christian Delius und Reinhard Jirgl.

Bewährt stellte sich alles Weitere dar, bis hin zum Festzelt auf dem Berger Marktplatz. Die dort herrschende temporäre Harmonie macht es Politikern leicht, wie Blinde über Farben zu reden. Sie müssen sich Blößen geben, das gehört zur Belustigung des Auditoriums. Ortsvorsteher Helmut Ulshöfer hielt sich an Goethe fest, der mal wieder Geburtstag hatte. Kulturdezernent Felix Semmelroth redete wie aus der Bütt. Er bescheinigte Bergen "den Charme eines gallischen Dorfs". Frankfurt legte er Peltzer ans Herz, indem die topografische Überschaubarkeit der Stadt mit ihren Kontrasten verkettete. Dem Publikum pries er Peltzers Bücher als unausweichliches Lesevergnügen.

Die Festrede hielt Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung als Brandrede gegen den Überwachungsstaat. Er zitierte Peltzer mit den Worten "Bleiben Sie wachsam", um endlich der realistischeren Aufforderung "Werden Sie wachsam" einen Vorsatz geliefert zu haben. Der klassische Rechtsstaat habe sich in einen Präventivstaat verwandelt, der den Bürger zum "Beobachtungsobjekt" degradiert. "Der Terrorismus besetzt das Denken."

Delius brachte eine 1759 bei Bergen geschlagene Schlacht, "Franzosen und Preußen stritten vor dem Stadtschreiberhaus", in einen witzigen Zusammenhang mit den aktuellen Schlachten "um die Wertberichtigungen auf den Finanzmärkten". Ebenso wie heute in New York sei es in Bergen um die Weltherrschaft gegangen.

Nach diesem Aufmarsch des gesellschaftskritischen Engagements, bedurfte es einen Augenblick der Besinnung, um Peltzers persönlich gehaltenen Antrittsvortrag seinen Reiz abgewinnen zu können. Peltzer verknüpfte Stimmungen aus Curzio Malapartes Neapel-am-Boden-Roman "Die Haut" mit dem u.a. in Malapartes Villa auf Capri gedrehten, den in der Kommerzlogik begründeten Konflikt zwischen einem Produzenten und einem Regisseur schildernden Godard-Film "Die Verachtung" - und eigenen Italienbildern. Die Frage hinter dem Vorhang der Ausführungen lautete: Wie überlebt man als Künstler, wenn vor einem immer einer mit Entscheidungsgewalt steht, der zwar auch gern Kunst sagt, "aber Ware meint".

Das war eine elegante, wenn auch verschwiegene Lösung, sich für den Preis zu bedanken. - Denn in Bergen wird dem Autor forderungsfrei nur gegeben. Zum guten Schluss muss unbedingt das Christoph Oeser Trio erwähnt werden. Zum ersten Mal sprengte das musikalische Rahmenprogramm der Amtseinführung seine Begrenzungen. Die Leute verlangten Zugaben, hingerissen von wuchtigem Boogie Woogie und sensationeller Spielfreude.

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