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Eine Art Selbstgleichschaltung

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Die Universität Freiburg erinnert an jüdische Mitarbeiter, die bis 1933 an der Hochschule angestellt waren.
Die Universität Freiburg erinnert an jüdische Mitarbeiter, die bis 1933 an der Hochschule angestellt waren. © picture alliance / Rolf Haid

Die „nationale Revolution“ wurde von der akademischen Elite mehrheitlich begrüßt: Vom Umgang der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit jüdischen Wissenschaftlern, ein Buch von Karin Orth.

Von Knud von Harbou

Das Schweigen hielt an. Bis jetzt die Freiburger Historikerin Karin Orth die Frage aufwarf, wie sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gegenüber jüdischen/„nicht-arischen“ oder auch NS-kritischen Wissenschaftlern verhielt und was die Biographien der betroffenen Forscher dazu aussagen. Lapidar vermerkt Orth, dass es hierzu bis auf eine Ausnahme keine Untersuchung gebe. Immerhin handelt es sich bei der DFG um die größte deutsche wissenschaftliche Selbstverwaltungsorganisation, 1920 gegründet als „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“, weil „die Militärmacht vernichtet“, die Wirtschaft aufs äußerste geschwächt“, allein die Wissenschaft „noch immer aufrecht“ stehe.

Die ersten Konzeptionen planten die Schaffung einer von Staat und Industrie zwar finanzierten, aber doch selbstverwaltenden Körperschaft. Ziel war eine über ihre Fachgremien abgewickelte materielle Förderung von Forschungsvorhaben, jedoch keine Beschäftigung von Wissenschaftlern.

Die Vergabepolitik der DFG erwies sich als ideologisches Paradigma, so sollten z. B. Gemeinschaftsarbeiten mit „vaterländischen Aufgaben technisch-wissenschaftlicher Art“ bevorzugt werden; unterstützt wurden 1926 z. B. Arbeiten wie das radikal antisemitische Werk „Rasse in den Geisteswissenschaften“.

Besonders die SPD monierte die Bewilligungspraxis für explizit antisemitische und nationalsozialistische Wissenschaftler, statt dass Vorhaben etwa der Soziologie oder des Arbeitsrechts gefördert worden seien. Trotz einzelner Versuche um mehr Mitsprache der Reichsregierung sollte sich im Verhältnis zwischen Staat und Wissenschaft, Innenministerium und Notgemeinschaft, bis zur Krise 1929 nichts ändern, außer einer Namensumbenennung mit der Folge, dass man jetzt nur noch von der DFG sprach und einer erheblichen personellen Veränderung der zentralen Gremien.

Enorm schwierige Quellenlage

Maßgeblich war das enge Einvernehmen zwischen dem Präsidenten Friedrich Schmidt-Ott (1920-1934), einer „quasi-monarchischen Institution“, und dem Innenministerium, ohne schriftliche Richtlinien. Damit entzog sich die DFG der Kontrolle des demokratischen Staates. 291 vorwiegend Ordinarien waren zur Zeit der Weimarer Republik in den DFG-Fachausschüssen vertreten.

Um angesichts einer enorm schwierigen Quellenlage die Frage zu beantworten, wie viele dieser durchweg bedeutenden Repräsentanten nach 1933 aus rassistischen oder politischen Gründen verfolgt und aus dem DFG-Zirkel ausgeschlossen wurden, legte Karin Orth eigens eine Datenbank an (eine Studie über die Biographien ist in Arbeit). Den neuen Machthabern genügten einfachste Denunziationen, Diffamierungen, um sich der aus ihrer Sicht unpolitischen Gelehrten einer alten Zeit zu entledigen. 62 Prozent der insgesamt Vertriebenen emigrierten, was heißt, dass ein Drittel der Entlassenen im Reich blieb. Offenbar waren sie keiner weiteren Verfolgung ausgesetzt und konnten sich ihren Lebensunterhalt sichern. Der Vertreibung aus rassistischen Gründen spielte in die Karten, dass die Mehrzahl der akademischen Eliten nationalkonservativ, antirepublikanisch und auch antisemitisch dachte, was sich auch seit Ende der 1920er Jahre in einer nationalistischen Förderpolitik widerspiegelte.

Orth räumt dem Antisemitismus der DFG-Kreise „keine exkludierende Rolle“ ein, was sie anhand von Einzelfällen überzeugend nachweist, gleichwohl konstatiert sie eine nur sehr restriktive Aufnahme von Juden in ihre Fachzirkel. Sie konkretisiert dies mittels eines Sozialprofils von 46 Wissenschaftlern, die vor 1933 Förderanträge bei der DFG gestellt hatten und danach von den rassistischen NS-Gesetzen betroffen waren: Jeder zweite überlebte die NS-Zeit nicht, 23 starben durch Suizid oder wurden umgebracht. Auf der Basis von Opportunismus (Vertreibung und Verbrechen wurden mit Stillschweigen übergangen), vorauseilendem Gehorsam, „wohl auch Antisemitismus“ wollte Schmidt-Ott seine eigene Macht stabilisieren.

Deprimiert hält die Autorin die völlige ideologische Übereinstimmung mit der Förderpolitik des NS-Regimes fest. Die „nationale Revolution“ wurde von der akademischen Elite mehrheitlich begrüßt, lediglich das äußere Erscheinungsbild kritisiert. Aus eigener Initiative gab die DFG schon im Frühjahr 1933 ihre Prämissen Universalität, Internationalität, Freiheit der Wissenschaft auf, gültig blieben nur rassistische Kriterien. Bislang anerkannte Begutachtungskriterien wurden durch politische Stellungnahmen ersetzt, die alten Fachausschüsse bedeutungslos. 1934 bis 1936 amtierte der Physiker Johannes Stark als Präsident, die Einsetzung des SS-Oberführers Rudolf Mentzel als Nachfolger markiert zugleich das formale Ende der Fachausschüsse als kompetentes Leitungszentrum wie auch die Gleichschaltung. Leider erfährt man in der Studie über sein Wirken nichts.

Der zweite Teil der Studie verlagert die Perspektive und ermittelt in mühseliger Kleinarbeit, was aus verschiedensten Quellen über die Lebensläufe der vertriebenen und ausgegrenzten Forscher bekannt ist. Hier tauchen in allen Facetten die strukturellen Rahmenbedingungen ihrer neuen Existenz auf, aber auch die Bewältigungsformen neuer Akkulturation, die gewandelten Denk- und Praxisstile, der Erhalt von Netzwerken. Demonstriert wird dies in einem eigenen Kapitel über das Exilland Türkei.

Die Verschränkung von DFG-Organisationsgeschichte und Erfahrungsgeschichte verfolgter Wissenschaftler erweist sich als sehr ergiebig, wird doch die historische Dimension von Akteuren und Opfern dadurch äußerst transparent. Das gilt auch für die frühe Bundesrepublik, wo sich die DFG weder zu einer Mitverantwortung für das NS-Unrecht bekannte noch sich um Rehabilitation von verfolgten Wissenschaftlern bemühte. Aufgearbeitet wurde die Wechselbeziehung zwischen Ausgrenzung aus dem DFG-Forschungsbereich und erlittenem Schicksal insgesamt noch nicht, Karin Orth füllt jedoch mit ihrer wegweisenden Studie eine Leerstelle der Wissenschaftshistorie – gedruckt immerhin mit Unterstützung der DFG.

Karin Orth: Die NS-Vertreibung der jüdischen Gelehrten. Wallstein Verlag, 2016. 480 Seiten, 44 Euro.

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