Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Eine Schöne findet Meßmer überall

Fremd bleibt er sich trotzdem: Martin Walser nimmt nach fast zwei Jahrzehnten seine Selbstbetrachtungen wieder auf

Von Ina Hartwig

Grundsätzlich gesprochen, hat sich seit den Zeiten Rousseaus nicht viel geändert. Das bürgerliche Ich interessiert sich nach wie vor brennend für sich selbst, und es strebt danach, dieses Interesse in Worte zu fassen und der Allgemeinheit zur Kenntnis zu bringen. "Ich will meinen Mitmenschen einen Mann zeigen in der ganzen Wahrheit der Natur, und dieser Mann bin ich", schrieb Rousseau in den Confessions. Der Überzeugung des Genfer Aufklärers, über eine einzigartige (wenn auch keineswegs glückliche) Subjektivität zu verfügen, drückt sich inzwischen gern in Form raffinierten Selbstzweifels aus: "Er erzählt immer, dass er etwas nicht über sich bringt. Aber er erzählt es natürlich so, als hasse er sich dafür, dass er dergleichen nicht über sich bringt. (. . .) Das ist überhaupt ein Erzählprinzip bei seinen Suaden. Zu erzählen, was gegen ihn spricht, damit es für ihn spreche."

Die Sätze entstammen Martin Walsers Buch Meßmers Reisen, das dieser Tage in die Buchhandlungen kommt. Es ist ein bemerkenswerter Wiederauftritt nach dem im letzten Jahr heiß diskutierten, vom Verdacht des Antisemitismus umwehten Schlüsselroman Tod eines Kritikers, jenem Buch, in dem Marcel Reich-Ranicki - darin zumindest herrschte Einigkeit - bösartig karikiert worden war.

Mit Meßmers Reisen knüpft Walser direkt an den gefeierten Band Meßmers Gedanken von 1985 an - nicht nur der Titel deutet die Fortsetzung an, auch die Form. Wieder tritt Walser mit dem fiktiven Namen seines Alter ego Meßmer auf, wieder legt er ein - über einen langen Zeitraum entstandenes - Gemisch von Sinnsprüchen und kleinen Erzählungen vor, von Aphorismen und Anekdoten, halb Tagebuch, halb Notizbuch. Wieder geht Walser auf Reisen, diesmal nicht nur in das eigene, zerklüftete Innere, sondern in die Welt hinaus, wo er, letzten Endes, doch wieder nur das eigene Ich entdeckt. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entkommt man sich nicht mehr: "Das Alter ist der Nachteil des Lebens."

Jemand geht hier in Deckung. Wenn man auch nicht genau weiß, wovor, so ahnt man doch, dass es wohl nötig ist. Denn Martin Walser ist ein für Aggression begabter Mensch, eine Aggression, die sich keineswegs nur gegen andere, sondern ebenso gegen ihn selbst richten kann: "Sein Ehrgeiz: So lange seine Hände trainieren, bis er sich selber erwürgen könnte." Diese abgründige Feststellung, vielleicht die abgründigste des ganzen Buchs, schwankend zwischen Bitterkeit und Koketterie, gehört dem dritten und letzten Teil von Meßmers Reisen an, in dem es, einer versteckten Selbstdeutung gemäß, um den "verspäteten Hass" geht.

Ist es ein Hass, der nicht kommt zur rechten Zeit, der zuschlägt, wenn er dem Anlass gar nicht mehr angemessen ist? War Tod eines Kritikers so ein Akt des verspäteten Hasses? Derlei Fragen drängen sich unweigerlich auf, ohne dass sie eindeutig zu beantworten wären. Walser seinerseits verrät: "Wer mich verachtet, der soll wieder verachtet werden." Das ist mehr als nur eine Anspielung, es ist ein Bekenntnis, allerdings ein Bekenntnis mit beschränkter Haftung: "Das klappt einfach nicht", trägt Walser nach. Es klappt nicht, andere zu verachten. Wirklich nicht? Jedem steht es frei, Meßmers Selbstdeutungen zu akzeptieren oder nicht. Die Freiheit, sich für ein in zu großer Freundlichkeit verbrachtes Leben zu bedauern, nimmt sich dafür der Schriftsteller.

Mögen muss man diesen larmoyanten, seltsam antiquierten Ton nicht, aber gemocht werden will Meßmer andererseits gar nicht. Die Frage, ob er sympathisch wirkt oder nicht, ist falsch gestellt. Was Meßmer quält, wäre vielleicht die höflichste Frage an dieses Buch. Nun, die Antwort ist so einfach wie ausufernd. Es quält ihn, in der Reihenfolge der Kapitel: Älterwerden und Tod (I), die vorbeiziehende Liebe (II), der unrechtzeitige ("verspätete") Hass (III). Und unter der Oberfläche dieser allzumenschlichen Großkomplexe brodelt die vergnügte Verzweiflung beziehungsweise das verzweifelte Vergnügen, nicht mit sich identisch zu sein: "Bleib dir fremd." Walser hat seinen Freud und seinen Adorno seit Jahrzehnten drauf. "Ich will absehen von mir", hieß es bereits in Meßmers Gedanken, die teilweise wörtlich zitiert werden in Meßmers Reisen. Dennoch ist die neue Selbstbefragung und -darstellung weniger geschmeidig, weniger konsistent als in dem vor fast zwei Jahrzehnten erschienenen Gedanken-Buch.

Nicht nur eine bewegte politische Entwicklung liegt zwischen damals und heute; die deutsche Vereinigung und, wie Walser spätestens seit der Paulskirchen-Rede lamentiert, die Übernahme der öffentlichen Macht durch die Guten ("das waren noch Zeiten, als die Heuchler rechts waren"). Der Tugendterror macht ihm zu schaffen, was weder neu ist noch falsch, doch durch die spezifische Walser'sche Paranoia einen unangenehmen, egozentrischen Hautgout bekommt. Die moralische Besserwisserei linker Heuchler, lüstern beschworen von angewiderten Altlinken (wie Walser) und von Konservativen sowieso, nimmt dieser Schriftsteller so persönlich, dass er sich sogar ein auf ihn angesetztes Mordkommando zusammenphantasiert: ". . . ehrwürdige Männer. Dass sie nachts Erschießungskommandos befehligen, würde man ihnen am Tag überhaupt nicht zutrauen." Dabei könnte Walser doch ganz gemütlich in seinem schönen Haus am Bodensee den Fernseher ausgeschaltet lassen. Aber Meßmer sieht halt gern fern.

Der Mann ist außerdem älter geworden, und das dauert ihn besonders in eroticis. Und weil es ihn dauert, so muss man sich das wohl erklären, verliert er gelegentlich die Kontrolle, sowohl stilistisch als auch libidinös: "Tatsächlich ist die Identität am wenigsten problematisch beim Geschlechtsverkehr." Oder: "Das Geschlechtsteil der Frau ist das einzige, das nichts eingebüßt hat von seinem Reiz, seiner Gewalt." Und, besonders jugendlich: "Schön, wenn man beim Ficken zu zweit ist." Meßmers Reisen folgen der Devise, dass Reisen "angewandte Trauer" sei, und man darf sagen: Diese Trauer zeigt sich ganz schön männlich-triebhaft. Vielleicht der wichtigste Unterschied zu Meßmers Gedanken, dem wohltemperierten Vorgängerbuch.

Wie soll der Leser, wie die Leserin auf die verbale Erektion reagieren? Anerkennend? Oder bloß grinsend? Oder peinlich berührt? Verschweigen wir nicht, dass Walser seine Aphorismen auch mit ein paar Brocken gender trouble würzt, wenn er etwa von dem "Weiblichen in mir" spricht oder auf einen dicken, schmalzigen Bistrokellner im Zug scharf zu sein vorgibt. Alles in allem: kein homogenes Buch. Warum auch, die Substanz des Ichs zeigt sich vielmehr zeitgemäß dissoziiert und zerstreut. So weit, so gut, so richtig.

Was an Walsers Schreiben - nicht nur in diesem Buch - irritiert, ist eher das wacklige Verhältnis zwischen überraschender Einsicht und Allgemeinplatz, zwischen ausgeflippter Phantasie und Ängstlichkeit, zwischen der weltläufigen Abgeklärtheit des Promis und einer süddeutsch-studienratesken Biederkeit. Diese Irritation bezieht sich vor allem auf die reinen Sinnsprüche - ratlos schaut man diesem Schwanken zu und fragt sich, was sie im Inneren zusammenhält. Es werden ein paar selbstmitleidige Erkenntnisse angeboten, nah an der Küchenpsychologie, auf die man gern verzichtete: "Verletzte wollen verletzen. Als wären sie dann weniger verletzt." Oder: "Die Decke, die wir über das Grauen werfen, ist hauchdünn."

Am vergnüglichsten liest sich der mittlere, zugleich der untypischste Teil des ganzen Meßmer-Projekts. Hier verlässt Walser das Genre der Notate, um eine Passage mit stark erzählerischen Elementen einzuschieben. Sofort spürt man die sprachliche Sicherheit. Ist Meßmer im ersten Teil vornehmlich im Zug durch Deutschland unterwegs (Ost und West), meist zu öffentlichen Auftritten, die ihn mit der Absurdität des politischen, moralischen und akademischen Lebens in Berührung bringen, so fliegt Meßmer nun in die Vereinigten Staaten, um an der UCLA in Los Angeles eine Gastprofessur wahrzunehmen. Er lässt die ihn quälenden Verkrampfungen seines Heimatlandes hinter sich, um einzutauchen in neue, amüsantere Verkrampfungen und um sich zu suhlen in, nun ja, sexuellen Herausforderungen.

Denn eine Schöne findet Meßmer immer. Auf den obligatorischen Partys, aber auch im Seminar, das er unterrichtet. Walser hat in Philip Roth natürlich einen viel zu starken Konkurrenten und wagt es dennoch, sich auf das kitzlige, durch sexual harassment-Verdächtigungen überhitzte Terrain zu begeben: "Wie sich aus allen eine plötzlich heraushebt. Nur noch diese braunen Beine. (...) Ihn interessierten ohnehin Brüste und Beine mehr als Gesichter." Um es kurz zu machen: Anders als Roths ebenfalls vom Alter geplagter akademischer Schürzenjäger David Kapesh, der es mit seiner bildschönen, rassigen Studentin Consuela ausgiebig treibt (in Das sterbende Tier), bleibt der deutsche Gastprofessor Meßmer seiner zu Haus gebliebenen Ehefrau treu; aus "Zufall", wie er am Ende seines Trips halb erleichtert, halb bedauernd notiert. Meßmer beschleicht die Ahnung: "Offenbar ist jeder Mann eine Parodie des Männlichen."

Das ist der Ton einer traditionellen Moralistik, nicht im Sinne von Moral, sondern von Sittenbild. Ausgerechnet in dem USA-Kapitel gelingt es diesem so deutschen Schriftsteller am überzeugendsten. Unvergessen, wie Bruno Bettelheim auftritt mit seinem "schönen Vogelkopf"; brillant die Parodie des unerfüllten Über-Nietzsche-Reden-Wollens-seines-Vaters. Man wünschte sich mehr exzentrische Traumlogik in diesem Buch, weniger Ausweichmanöver und Larmoyanz. So wahrhaftig Walser mit sich und seinem Alter ins Gericht gehen mag, es haftet diesen Notaten doch etwas Tricksterhaftes an. Und das hat mit der politischen Unschuld zu tun, die Meßmer für sich reklamiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare