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Regierungserklärung des Reichskanzlers Adolf Hitler am 21. März 1933.

NS-Zeit

Eine Revolution gegen die Revolution

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Der Historiker Hans-Ulrich Thamer analysiert in seiner „Biographie eines Diktators“ die Karriere Hitlers.

Mit Hitler werden wir so schnell nicht fertig. Diesen Satz hat Hans-Ulrich Thamer an das Ende seines jüngsten Buches gesetzt. Es beginnt mit dem Satz: „Er ist immer noch da.“ Ein Gespenst? Thamer hat eine Lebensbeschreibung von Adolf Hitler vorgelegt. Und zunächst meint man: Was soll da noch an neuen Erkenntnissen kommen?

Der Historiker selbst nennt sein Buch die „Biographie eines Diktators“. Aber Hitler ist doch nicht nur „ein Diktator“, er ist „der Diktator“ gewesen. Vielleicht macht Thamer die Verkörperung des Bösen nach all den Jahren ein bisschen kleiner, vermutet man. Vielleicht stellt der Historiker ihn in eine Reihe mit Despoten wie Hitlers Vorbild Mussolini. Hans-Ulrich Thamer vermerkt, wie Hitler von dem Essayisten Arthur Moeller van den Bruck, Autor des Buches „Das Dritte Reich“, danach gefragt worden sei, wie er sich selbst und sein Wirken einschätze. Als „Trommler und Sammler“, sagte Hitler. Das war im Juni 1922. Moeller van den Bruck gilt bis heute als Vordenker der „Konservativen Revolution“.

Zu dem Zeitpunkt ist der Erste Weltkrieg längst zu Ende, Hitler, der frühere Gefreite, jedoch weiterhin nicht fertig damit. Er pflegte Kontakte etwa zu dem Hauptmann Ernst Röhm und dem Fliegerhelden Hermann Göring. Und wusste sie zu nutzen. Mit Röhm für die SA, um die Truppe für Freikorps interessant zu machen und perspektivisch die Unterstützung der Reichswehr und vaterländischer Verbände zu finden. In dieser Zeit zu Beginn der 20er Jahre gewann die NSDAP ihre Mitglieder „vorwiegend aus mittelständischen Schichten“, vermerkt Thamer. Sie fürchteten um ihren gesellschaftlichen Status. In Hitlers Anfangsjahren nannte ihn noch nicht das ganze Land, wohl aber seine Parteigänger den „Führer“. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist für Thamer deutlich, dass „Hitlers Griff nach der Macht nur unter einer doppelten Voraussetzung möglich ist“: durch die Krise der liberal-demokratischen Ordnung und durch die Unterstützung der konservativen, republikfeindlichen Kräfte.

Doch zunächst scheiterte der Putsch-Versuch. Hitler musste 1924 in Haft. Im Gefängnis von Landsberg habe er für seine Gefolgsleute Hof gehalten, so dass der Aufenthalt atmosphärisch „einem politischen Salon“ glich. Hitler habe die Zeit genutzt, um „eine Wunschbiografie zu entwerfen“. Was die Schrift „Mein Kampf“ jedoch nicht enthalte, merkt Thamer an, sei „ein Masterplan für Hitlers spätere Eroberungs- und Vernichtungspolitik“. Unmissverständlich sei in der Schrift allerdings: „Die Rassenfrage war für ihn der Schlüssel zur Weltgeschichte.“

Das einstweilige Ende des Ringens um die Macht war für Hitler erreicht mit dem „Tag von Potsdam“, aus der Sicht Thamers „erster Höhepunkt der Verheißungen einer nationalen ,Volksgemeinschaft‘“: Nach dem Brand des Reichstags am 27./28. Februar 1933, der „das Ende des Rechtsstaates und den endgültigen Durchbruch zur Diktatur“ bedeutete, nutzte Propagandachef Joseph Goebbels die Gelegenheit, die Eröffnung des am 5. März neu gewählten Reichstags an einen anderen Ort zu verlegen. Von Berlin nach Potsdam in die Garnisonskirche, diesen bedeutenden Ort der Geschichte Preußens. Damit sollte politische Legitimation bekommen, was die Nationalsozialisten „nationale Erhebung“ nannten. Von Anfang an habe „diese Revolution“ große Wirkung entfaltet, hebt Thamer hervor.

Sieben Kapitel, gut 300 Seiten „Biographie eines Diktators“. Man könnte auch sagen: Hans-Ulrich Thamer notiert, was man über Hitler wissen sollte. Thamer, inzwischen emeritierter Professor für Zeitgeschichte, legt einen kompakten Bericht über das Leben des Diktators vor. Er liefert die Grundlage künftiger Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus in einer Gesellschaft, die klären muss, wen sie darüber aufklären will.

An sich sehen Kritiker Erzählungen aus dem Leben des Diktators mit Verdruss: Als würde es daran mangeln, als ließen sich die biographischen Anmerkungen über den Mann, den die Welt als böse kennt, nicht schon nach Dutzenden zählen. Thamer befasst sich mit früheren Biographen. Er stellt die Arbeit des Publizisten Joachim Fest aus den 70er Jahren an den Anfang „einer vielversprechenden Forschung“ und lobt die Studie von Ian Kershaw als richtungsweisend. Spätestens seit diesem umfangreichen Werk, erschienen vor anderthalb Jahrzehnten, habe sich die Forschung viele Details vorgenommen, um dem Gespenst Hitler näher zu kommen.

Thamer selbst legt sich in seiner Biographie die Frage vor, „wieso ein politisch unbeschriebenes Blatt wie Hitler eine solche persönliche Machtfülle erobern und eine ungeheure Zerstörung ins Werk setzen konnte“. Er beschreibt die „komplexe Wechselwirkung“, die sich aus der „Kombination von persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Politikers Hitler mit den politischen und mentalen Bedingungen und Erwartungen einer Gesellschaft“ ergeben habe.

Seine Biographie stützt sich auf eine „Hitler-Ausstellung“ genannte Dokumentation im „Deutschen Historischen Museum“ in Berlin. Diese Ausstellung, die der Historiker begleitete, baute auf Thamers grundlegendem Werk zum Nationalsozialismus auf: „Verfügung und Gewalt“. Es erschien in der Zeit, als die Republik auf der Grundlage des Disputs zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas über den Umgang mit der Vergangenheit stritt. Die Kontroverse ging als „Historikerstreit“ in die erinnerungspolitischen Annalen ein – noch vor der Debatte über „Niederlage“ und „Befreiung“ zum Kriegsende und den Auseinandersetzungen um die Wehrmachtsausstellung. Thamer stellte in dem Band seine grundlegende These vor, an die er in seiner aktuellen Veröffentlichung anknüpft: „Der nationalsozialistische Aufstand gegen die Moderne war eine Revolution gegen die Revolution“ – und ihre Errungenschaften für ein freies Gemeinwesen.

Für Thamer geht es darum, an der Aufklärung weiterhin festzuhalten. Er wirbt in seiner lesenswerten Biographie für die Historisierung, also den Versuch, Hitler und den Nationalsozialismus „in die deutsche und europäische Geschichte einzuordnen“. Auf diese Weise könnte es gelingen, es „als einen zwar singulären, aber dennoch mit historischen Fragestellungen zu erklärenden Prozess zu verstehen“. Damit nimmt der Autor eine Wegweisung vor. Denn es geht darum zu verstehen, wie leicht Demokratie zugrunde gerichtet werden kann.

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