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Ausgerechnet in Tokio findet er die Stille: Blick auf Wolkenkratzer und den Fujijama.

Literatur

Eine Raubkopie Gottes

Philipp Weiss lässt sein Romandebüt so ausufernd erscheinen wie eine Internetseite.

Dieses Romandebüt ist mit dem Wort „ungewöhnlich“ nur unzulänglich beschrieben. Die Begegnung damit kann nicht anders als staunend beginnen, denn man hält einen Pappschuber mit fünf Büchern darin in der Hand. Der Name des Autors Philipp Weiss steht außen über dem Titel: „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“. Aber nur dort.

Weiss, geboren 1982 in Wien, hat vor zehn Jahren am Ingeborg-Bachmann-Preis teilgenommen und seither einige Theaterstücke zur Uraufführung gebracht. Nun kommt er laut Genrebezeichnung des Verlags mit einem Roman und sprengt damit die herkömmlichen Vorstellungen: Das Werk besteht nicht nur aus fünf Teilen, hier kommen fünf verschiedene Herangehensweisen zusammen.

Eine Nummerierung oder andersartige Leseanleitung gibt es nicht, außer der werbenden Notiz auf dem Rücken der Pappbox: „1000 Seiten, 5 Bände – ein Roman.“ Jedes der broschierten Bücher trägt einen eigenen Autorennamen, ist anders in der Haltung seinem Gegenstand gegenüber, in der Schreibweise und Gestaltung. Das alte Medium Buch schwingt sich hier zu einer multiplen Nutzbarkeit auf, als wollte es mit dem online ständig verfügbaren Informationsstrom konkurrieren: Stoff ist in Fülle vorhanden, Ablenkung lauert überall.

Mitverantwortlich ist die Buchgestalterin Pauline Altmann. Sie wählte für die Erzählung des Jona Jonas, der auf der Suche nach seiner Geliebten in Japan in ein Erdbeben gerät, eine elegante Serifen-Schrift. Die Diktiergerät-Protokolle des neunjährigen Akio, der in Fukushima verlorengeht, setzte Altmann in Buchstaben wie von einer elektrischen Schreibmaschine, das (vorgeblich) Dokumentarische unterstreichend.

Die „Enzyklopädie eines Ichs“, verfasst von einer Paulette Blanchard Ende des 19. Jahrhunderts, ist wie ein altes Lexikon strukturiert und illustriert. Ignoriert man die Stichwort-Markierungen, liest es sich als die Welteroberung einer jungen Frau aus der Zeit großer Umwälzungen. Paulettes Ururenkelin Chantal Blanchard ist das schwarze Notizbuch („Cahiers“) zugeschrieben, das Reisebeobachtungen, historische Recherche und Selbsterforschung enthält. Hier kommt die Typografie mehrfach ins Tanzen, wechseln Schriftarten und sogar blockweise die Platzierung der Zeilen.

Den Comic schließlich unter dem Titel „Die glückseligen Inseln“, in dem die Japanerin Abra dem Phantomschmerz in ihrer Armprothese nachgeht, zeichnete Raffaela Schöbitz. Bewegt sich die Figur anfangs in einer gewöhnlichen Bildfolge, verlassen die Zeichnungen bald den Rahmen, verdreht sich Schwarzweiß in Weißschwarz, kommt es gar zu abstrakten farbigen Gebilden. „Ich lösche das Universum. Es ist schlecht konstruiert“, heißt es dann handschriftlich, „womöglich der missglückte Entwurf irgendeines gelangweilten Gottes. Oder dessen Raubkopie.“

Der Orientierung suchende Leser mag sich für den Start zu Jona Jonas’ Buch „Terrain vague“ hingezogen fühlen. Als „Erzählung“ bezeichnet, wirkt es am zugänglichsten. Ausgerechnet in der Mega-Metropole Tokio sagt das Ich: „Als ich die Stille das zweite Mal erlebte, kam sie über mich ohne jede Vorwarnung.“ Er verliert sich, sein Gehör und seine Sprache. Und wenn er jener Comic-Abra mit dem Metallarm begegnet, wenn er im Anblick des Himmels glaubt, seine große Liebe Chantal Blanchard zu sehen, dann scheint in diesem Buch auch der Schlüssel für die anderen zu liegen.

Solche Zeichen und Bezüge finden sich dann aber in jedem Band. Der schlaue Akio, der in einem verschlungenen Erzählstrom vom Alleinsein, von seinen Sehnsüchten und Visionen nach der Reaktor-Katastrophe spricht, trifft auf denselben Mann, dem der Ich-Erzähler beim Sterben zusieht. Bei Chantal geistert nicht nur Jona durch die Notizen, sondern auch ihre Ururgroßmutter. So verkehrt sich auch bei der skeptischen Leserin die Abwehr gegen das Unfassbare an diesem Buch-Kunstwerk in Entdeckerfreude.

Es ist frappierend, wie Bilder und Zeichen durcheinanderrauschen. Und es ist berauschend, welche Gedanken Philipp Weiss durch die Zeiten jagt. Doch Vorsicht: Nach der Lektüre kann sich ein leichter Kater einstellen wie nach zu langem Surfen im Netz.

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