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ich war 14 jahre alt, als ich zum ersten mal das grab von hafez in schiras besuchte.

hafis und goethe

eine pilgerreise nach schiras

goethes dichterischer brückenschlag, der „west-östliche divan“, ist seit 200 jahren aktuell. Von SAID.

die straße, die zu meiner schule führte, hieß goethe-straße. auf meine frage antwortete der vater: er war ein großer deutscher dichter, und fügte hinzu, goethe sei ein bewunderer von unserem hafez gewesen. anfang der sechziger jahre war kein deutscher autor in teheran präsent. nur schiller mit „die jungfrau von orleans“ in einer übersetzung von 1941. erst viele jahre später wurde „faust“ ins persische übersetzt, aus dem französischen. der übersetzer äußerte sich dazu: „ich liebe ‚faust‘, kann aber kein deutsch.“ diese bewundernswerte wie problematische logik beherrscht noch heute die ethik der iranischen übersetzer.

erst als ich 1965 nach deutschland kam, geriet ich in berührung mit der deutschen literatur. es hat dann eine weile gedauert, bis ich mich zu den klassikern durchringen konnte. das erste buch, das ich von goethe gelesen habe, war natürlich „der west-östliche divan“. „Gesteht’s! die Dichter des Orients sind größer.“ schon damals wusste ich: es gibt heute keinen westen und keinen osten. der okzident ist mit sich selbst beschäftigt. der orient gibt seinen charakter auf, um den okzident nachzuäffen. und was von jenem orient übrig geblieben ist, missversteht den deutschen dichterfürst und seine haltung, weit entfernt von gönnerhaftigkeit gegenüber nichteuropäischer kultur. „Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

es dauerte noch eine weile, bis ich mich an „faust“ wagte. als wüsste ich, dass ich dazu eine gewisse reife benötigte. kein werk der weltliteratur hat mich so gefangengenommen wie dieses. hier wird die deutsche tragödie antizipiert: es braucht erst einen mephisto, damit faust aus seiner gelehrten stube herauskommt. „Mein guter Freund, das wird sich alles geben,/ Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.“ er verliebt sich in das goldene haar von margarete, begeht einen mord und taugt nicht mehr für die liebe. „Mein Freund, so kurz von mir entfernt,/ Und hast’s Küssen verlernt?“

seit ich mich erinnern kann, war hafez bei uns im haus zugegen. sein divan stand, in dunklen samt eingeschlagen, im wohnzimmer in der wandnische. sichtbar wie eine ikone, die tröstet. mein vater wusch seine hände, wie für das gebet, führte seinen divan an den mund und küsste ihn. dann schloss er die augen und teilte hafez seine bitte mit. er öffnete das buch und las das ghasel laut vor. in der überzeugung, nichts entgeht dem dichter. wer sich ihm öffnet, dem offenbart sich hafez. goethe wusste davon. „An Hafis/Was alle wollen weißt du schon/Und hast es wohl verstanden“.

aber versteht man seine antworten heute noch nach vielen jahrhunderten? hafez spricht auch die straße an. ganz im sinne von friedrich hölderlin, der lange nach ihm schrieb: „Sprache der Liebenden, sei die Sprache des Landes,/ Ihre Seele der Laut des Volkes!“

doch will man hafez überhaupt verstehen? oder wünscht man seinen propheten nur zu begreifen, um ihm dann zu gehorchen? wenn der leser ein gedicht von hafez betritt, verwandelt er sich in ein neues wesen. vorausgesetzt: er legt seine vermummung ab und tritt hafez nackt unter die augen. auch davon weiß goethe zu berichten: „Daß du nicht enden kannst das macht dich groß,/Und daß du nie beginnst das ist dein Los./ Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,/Anfang und Ende immerfort dasselbe“.

wer aber ist dieser barfüßige, der seit jahrhunderten durch die verschiedenen epochen der iranischen geschichte wandert wie eine blanke metapher. der das jüngste gericht verneint, den gott „liebe“ und den teufel „vernunft“ nennt? der den machthabern trotzt, die prediger der lüge und die frömmler der heuchelei bezichtigt? „jene mahner, die auf kanzeln/sich gebärden mit gepränge,/handeln anders im geheimen,/als sie reden vor der menge“.

wer ist dieser mann, den die ganze welt mit seinem nom de plume kennt? „Mohamed Schemseddin sage,/Warum hat dein Volk, das hehre,/Hafis dich genannt?“ die frage des deutschen dichters dürfen wir getrost als ein zeichen der annäherung verstehen. denn er weiß, wie frei sein kollege aus schiras ist. „ich sag es laut und öffentlich/und freue mich dabei:/ich bin der liebe sklav’, und drum/von beiden welten frei.“ aus weimar meldet sich der unerschütterliche sekundant, um die worte des fernen und doch so nahen freundes zu bestätigen: „Weiß der Sänger, dieser viere/Urgewalt’gen Stoff zu mischen,/Hafis gleich wird er die Völker/Ewig freuen und erfrischen.“

wer ist dieser mann, dessen divan in vielen häusern oft das einzige buch neben dem koran ist? die zwei propheten stören sich nicht, und der leser berührt seinen hafez voller ehrfurcht.

unter der schar der europäischen hafez-verehrer war der geheimrat der einzige, der ihn wirklich erfasst hat. fasziniert von den übersetzungen von joseph von hammer-purgstall, eröffnete sich der 60-jährige dichter eine neue welt. in deutschland war der napoleonische rausch verebbt. nun herrschte der indifferente geist des biedermeiers, begleitet von staatlicher zensur. war der west-östliche divan nicht ein aufschrei gegen die zeit und ihr diktat?

„Offenbar Geheimnis/Sie haben dich heiliger Hafez,/Die mystische Zunge genannt,/Und haben, die Wortgelehrten,/Den Werth des Wortes nicht erkannt.“

seine dichtung beflügelte goethe im herbst seines lebens, nach einer schaffenskrise. im juni 1818 schrieb goethe an ottilie: „Die Wirkung dieser Gedichte empfindest du ganz richtig, ihre Bestimmung ist, uns von der Gegenwart abzulösen und uns für den Augenblick dem Gefühl nach in eine grenzenlose Freiheit zu versetzen. Dies ist zu einer jeden Zeit wohltätig, besonders zu der unseren.“

selten hören wir den geheimrat so schwärmerisch von freiheit sprechen. hafez hat goethe den rahmen geliefert, damit sich der klassiker noch einmal austoben kann. hafez ist in goethe eingewandert, und goethe hat ihn aufgenommen. mit dem alphabet des weltgeists nähert sich goethe unserem propheten. „Nord und West und Süd zersplittern,/Throne bersten, Reiche zittern“. und der weimarer dichter, ansonsten nicht gerade sehr freundlich zu kollegen, geht noch einen schritt weiter. „Herrlich ist der Orient/Ueber’s Mittelmeer gedrungen,/Nur wer Hafis liebt und kennt/Weiß, was Calderon gesungen.“

goethe vergleicht nicht, wertet nicht. er sucht nur den bogen, der das gebäude der weltkultur zusammenhält. beseelt von jener erkenntnis, dass kulturen sich stets gegenseitig gestützt haben. die geschichte hat den beiden dichtern einen sehr glücklichen moment vergönnt. und goethe reagierte wie ein mystiker. im moment der schwäche öffnet er sich nach außen und pilgert nach schiras – „Hafis hat mich fleißig besucht“ –, um dann mit jener bescheidenheit, die nur großen dichtern eigen ist, zu sagen:„Hafis, dir sich gleich zu stellen,/ Welch ein Wahn!“

hafez ist um 1320 in schiras geboren. er ist noch ein jüngling, als meister eckhart sein „rechtfertigungsbuch“ herausbringt und dafür von der inquisition verfolgt wird. schon in jungen jahren befasste sich hafez mit persischer und arabischer poesie, mit theologie und koranexegese. mehr wissen wir nicht über sein leben; der rest liegt im dunklen. ist es ein zufall, dass der dichter aus dem verborgenen agiert?

Der Autor

SAID wurde 1947 in Teheran geboren und kam 1965 nach München. Nach dem Sturz des Schahs 1979 betrat er zum ersten Mal wieder iranischen Boden, sah aber unter dem Regime der Mullahs keine Möglichkeit zu einem Neuanfang in seiner Heimat. Seither lebt er wieder im deutschen Exil. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Civis-Hörfunkpreis, der Hermann-Kesten-Medaille; dem Adelbert-von-Chamisso-Preis, der Goethe-Medaille sowie dem Friedrich-Rückert-Preis.
Auf Wunsch des Autors veröffentlichen wir seinen Text, der vor den jüngsten Ereignissen im Iran verfasst wurde, in radikaler Kleinschreibung.
Zuletzt erschien 2018 der Gedichtband „vom wort zum haus“ im Rimbaud Verlag. 104 S., 15 Euro.

„lessan al-gheib“, die sprache der verborgenen, nennen iraner ihren propheten. der geheimrat räsonniert darüber: „Wollen wir den Unterschied zwischen Poeten und Propheten näher andeuten, so sagen wir: beyde sind von einem Gott ergriffen und befeuert, der Poet aber vergeudet die ihm verliehene Gabe im Genuß um Genuß hervorzubringen ..., [er] sucht mannigfaltig zu seyn, sich in Gesinnung und Darstellung gränzenlos zu zeigen. Der Prophet hingegen sieht nur auf einen einzigen bestimmten Zweck; [...] Irgend eine Lehre will er verkünden und, wie um eine Standarte, durch sie und um sie die Völker versammeln. Hiezu bedarf es nur daß die Welt glaube, er muß also eintönig werden und bleiben. Denn das Mannigfaltige glaubt man nicht, man erkennt es.“

als wollte hafez seinen deutschen kollegen bestätigen, sagt er von sich: „morgens kam von gottes throne/stimmschwall; und der verstand sprach:/traun, das tönt, als rezitierten/engel hafezens gesänge“.

er wollte ein teil gottes werden: das ziel aller mystiker. gott ist ein teil von hafez geworden. „gottlob, dass noch ein jedes ding,/das ich von gott begehrt,/wenn ernstlich ich danach gestrebt,/mir immer ward gewährt!“ und als ob es noch nötig wäre, stimmt goethe seinem zwillingsbruder zu: „Du aber bist mystisch rein,/Weil sie dich nicht verstehn,/Der du, ohne fromm zu seyn, selig bist!/Das wollen sie dir nicht zugestehn.“

und der heilige hafez sekundiert: „o lass den pfaffen reden. lausche du/der nachtigall; sie predigt:/liebe, liebe“. mit einem mystischen abstand verstand hafez den islam als einen der wege, die zu gott führen. „wenn das der islam ist, was hafez ausübt, wehe uns beim jüngsten gericht.“ um dann, an einer anderen stelle, sich selbst folgendes zu verschreiben: „hafez, deine pflicht ist zu beten/unbekümmert, ob du erhört wirst oder nicht“.

der islam ist „nur“ sein ausgangspunkt, die poesie sein pfad; das ziel die liebe. ist das ein zufall, dass goethe sein herz für marianne von willemer öffnete, als er sich hafez ausgeliefert hat? marianne wird im divan verewigt, im buch suleika, im eigentlichen kern des werks. goethe ließ zudem drei ihrer gedichte in sein werk einfließen. eine ausnahme bei dem ansonsten so selbstgefälligen geheimrat.

das verhältnis vom dichter zum machthaber ist ambivalent und bekannt. wie aber nahmen die fürsten in jenen finsteren zeiten hafez auf? einige waren gönner der poesie und förderten hafez. andere wiederum hatten mehr sinn für blutrünstige justizakte, schrieben selbst verse und tyrannisierten nebenher die dichter. mit wachen augen verfolgt goethe das schicksal seines kollegen, so in „Fetwa“: „Hafis’ Dichterzüge, sie bezeichnen/Ausgemachte Wahrheit unauslöschlich;/Aber hie und da auch Kleinigkeiten/Außerhalb der Gränze des Gesetzes./Willst du sicher gehn, so mußt du wissen/Schlangengift und Theriak zu sondern –/Doch der reinen Wollust edler Handlung/ Sich mit frohem Muth zu überlassen,/Und vor solcher, der nur ew’ge Pein folgt,/Mit besonnenem Sinn sich zu verwahren,/Ist gewiß das beste um nicht zu fehlen.“

hafez diente nicht einmal gott; er führte nur eine zwiesprache mit ihm. und als er starb, verhinderten die mullahs folglich, dass er auf einem muslimischen friedhof in schiras begraben wurde.

„ich sah einen mufti trunken in der schenke/ich sagte ihm: gelobt sei dein islam“.

er wurde außerhalb der stadt bestattet. heute ist sein grab eine nationale wallfahrtsstätte. hier treffen sich noch liebende, orakeln mit hafez für ihre liebe und hoffen auf bessere antworten als die der regierungen. als würde der dichter dieses bild kennen, schreibt er: „verliebte später tage, naht euch/dem grab des hafez ohne furcht. der pfaffe/verdammte mich: es kümmert euch nicht!“

ich war 14 jahre alt, als ich zum ersten mal das grab von hafez besuchte. mein vater, offizier der kaiserlichen armee, zog seine stiefel aus: „mein sohn, man geht nicht zu hafez, man pilgert dorthin.“ – „zur wallfahrtsstätte wird mein grab einst werden/für alle echten erben dieser welt./aus himmlischen gefilden dann schaut hafez/lächelnd hernieder auf der pilger schar“.

wie ein ozean steht hafez jedem zur verfügung. ich erinnere mich an die anfangszeit der islamischen revolution. plakate wurden an den geduldigen mauern teherans angebracht. darauf das konterfei vom schah und das von chomeini. darunter eine zeile von hafez: „wenn der dämon verschwindet, erscheint der engel“.

als dann die mullahs ihre macht mit einem beispiellosen terror gefestigt hatten, zeigten sie ihr wahres gesicht. sie griffen hafez an, den weintrinker, den abtrünnigen. bald aber kam der krieg, wie immer nach einer revolution. der irak überfiel iran. und „der heilige kampf zur rettung des vaterlandes“ begann. fortan schmückte eine zeile von hafez als motto die wochenzeitung der revolutionsgardisten. „besessen musst du sein vor dem ersten schritt“.

mein vater war einige jahre mitglied eines lesekreises. hier wurde hafez gelesen – einmal im monat. lehrer, angestellte, bäcker, professoren, offiziere, landfahrer waren mitglieder dieses kreises. sie trafen sich und nannten sich: hafez-ergebene. ja, man muss sich hafez ergeben, um seine gnade zu erfahren. so will es der göttliche. „Und mag die ganze Welt versinken,/Hafis mit dir, mit dir allein/Will ich wetteifern! Lust und Pein/sey uns den Zwillingen gemein!/Wie du zu lieben und zu trinken/Das soll mein Stolz, mein Leben seyn.“

wie reagiert aber die wohlfühl-gesellschaft auf den west-östlichen divan? eine handvoll hochkarätiger intellektueller schätzt das werk. fack-ju-göhte ist populärer. neulich zelebrierte ein kulturzentrum in münchen „faust“ als pantomime. das schönste deutsch wird ausgeblendet, zugunsten der bilder. will sagen „action“.

und in iran bewundert eine elite das werk des deutschen klassikers. die jugend hat andere probleme, meint sie. derweil flüstern zeugen hinter geschlossenen türen von ayatollah chameniy. als junger mullah trug er hafez vor und begleitete sich selbst mit der tar – ob der jetzige führer der revolution sich noch an die zeit erinnert?

„Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident!“ schrieb goethe. mögen die modernen götter dem weimarer freund glauben schenken.

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