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Im Gespräch über "Nichts, was uns passiert": Bettina Wilpert (l.) und taz-Autorin Doris Akrap auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage

Buchmesse ? Debüt

Eine Nacht, die alles verändert

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Bettina Wilpert macht in "Nichts, was uns passiert" eine Vergewaltigung zum Thema. Oder war es doch einvernehmlicher Sex? In ihrem Debüt erzählt sie eine brisante Geschichte mit größtmöglicher Objektivität ? und bekommt dafür einen Preis nach dem anderen.

Eine Partynacht endet für zwei junge Menschen im Bett. Beide sind betrunken, sie noch ein wenig mehr als er. Was dann passiert, wird sie schwer traumatisieren und ihm das Leben, wie er es geführt hat, komplett auf den Kopf stellen. Sie nennt es „Vergewaltigung“, er „einvernehmlichen Sex“. Zwei Sichtweisen, zusammengeführt in einem Roman, in dem es nicht darum geht, ob hier nun gelogen oder etwas vertuscht wird. Der Autorin geht es vielmehr darum, wie der Verdacht der Vergewaltigung im Kreis der Familie, unter Freunden und bei eigentlich vollkommen Unbeteiligten zu extremen Reaktionen führt.

„Nichts, was uns passiert“ ist das Debüt von Bettina Wilpert und es wird als kleine Sensation gehandelt. Am zweiten Messetag hat die junge Autorin, Jahrgang 1989, dafür den aspekte-Literaturpreis bekommen, der alljährlich für das beste Erstlingswerk verliehen wird. Dotiert mit 10.000 Euro. Einen Tag später kann ihr Verlag, der Verbrecher Verlag, für das Buch den Melusine-Huss-Preis mit nach Hause nehmen – einen 4000-Euro-Druckgutschein.

Die Sprache ist sachlich, betont unelegant

Wiederum einen Tag später sitzt Bettina Wilpert auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage, um über ihr Buch zu sprechen und daraus vorzulesen. Um sie herum tost der Besucheransturm des ersten Tages, an dem die Messe für jedermann und -frau geöffnet ist. Bettina Wilpert wirkt entspannt und freundlich, eine zierliche Frau mit kurzem Pony und schwarzgerahmter Brille, die über ihre Herangehensweise an das Buch Auskunft gibt.

Es sei ihr relativ schnell klar gewesen, dass sie verschiedene Perspektiven drin haben will, sagt sie. Nicht nur die der beiden Hauptfiguren, sondern auch die des Umfeldes, gebündelt durch eine Erzählinstanz: „eine Person, die objektiv ist und mit allen sprechen kann“, wie Bettina Wilpert es formuliert.

Da ist es, ihr Schlüsselwort im literarischen Umgang mit dem Thema Vergewaltigung: Objektivität. Darum bemüht sich die Autorin, nicht nur durch die vielen Perspektiven, die sie im Buch auffächert, sondern auch durch ihre Sprache. Die wirkt sachlich, klar, betont unelegant, zuweilen gar ein bisschen holprig, einfach auch deswegen, weil sie etliche Sätze mit „dass“ anfängt. Die Erzählinstanz gibt wieder, was ihr berichtet wurde. Das beginnt schon beim ersten Satz des Buches: „Dass es im Mai war und dass er sich als Joni vorstellte, obwohl sie ihn nie so nennen würde und auch niemand sonst ihn so nannte.“

Dieser Joni heißt im weiteren Verlauf des Romans Jonas. Ein 28-Jähriger Doktorand an der Leipziger Uni, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde. Er diskutiert gern und viel. Nicht so gern über die Fußball-WM 2014, die gerade seinen Freundeskreis in ihren Bann zieht, viel lieber über ukrainische Literatur. Das verbindet ihn mit Anna, einer Studentin für Translationswissenschaften, Russisch und Spanisch, die ein Jahr jünger ist als er – und mit der er bald die verhängnisvolle Partynacht erleben wird.

Doch noch bevor es so weit ist, beginnen die beiden eine kurze, mittelprächtige Affäre, die schon fast wieder vorüber ist, als sich auf der Geburtstagfeier eines gemeinsamen Freundes, die Jonas ausrichtet, erneut eine ihrer anregenden Diskussionen entfaltet. Eins führt zum anderen, Shot folgt auf Drink, bis Anna zu betrunken ist, um nach Hause zu kommen. Also nimmt sich Jonas ihrer an, ein bisschen widerwillig, und bringt sie in sein Bett. Im nächsten Moment, an den sie sich erinnern kann, öffnet er ihr die Hose.

Irgendwann will Anna einfach, dass es vorübergeht

Und was passiert dann? Die Tür ist nicht abgeschlossen, er nimmt sich sogar die Zeit, ein Kondom zu suchen – klare Sache: „einvernehmlicher Sex“, sagt Jonas. Anna hingegen meint, sie habe mehrmals „nein“ gesagt, versucht ihn wegzudrücken und irgendwann nur noch gehofft, dass alles möglichst schnell vorübergehen möge. So gibt sie es auch an, als sie nach Wochen der Depression die Kraft aufbringt, bei der Polizei Anzeige gegen Jonas zu erstatten.

Damit fängt der Roman von Bettina Wilpert erst richtig an. Es folgen zermürbende Monate, in denen Jonas öffentliche Ächtung erfährt, aber auch Anna keine Ruhe mehr findet, Freunde verliert und am Ende wünscht, sie hätte die Anzeige nie erstattet. All das erzählt Bettina Wilpert mit dokumentarischer Präzision. Es sei ihr wichtig gewesen, dass es realistisch wirke, sagt sie. Dafür sprach sie im Vorfeld mit einer Opferhilfe-Organisation, mit einer Rechtsanwältin, einer Polizistin und einer Psychologin.

Als sie mit dem Roman fertig war, fing die MeToo-Debatte an

2016 hatte sie bereits mit der Arbeit am Roman begonnen, vor einem Jahr war sie fertig – etwa zu dem Zeitpunkt, als die MeToo-Debatte das Thema des Buches in die Schlagzeilen brachte. „Natürlich habe ich das nicht ahnen können“, sagt sie. Da seien doch schon vorher andere wegweisende Ereignisse gewesen – die Kachelmann-Affäre, die Reform des Sexualstrafrechts, die Kölner Silvesternacht –, die sie dazu angeregt hätten, die Geschichte so zu erzählen.

Diese Geschichte setze sich aus eigenen Erfahrungspartikeln zusammen, klar. Leipzig, ihre derzeitige Heimat, die Sphäre der Studierenden, die Uni-Bibliothek als Handlungsort – all das ist ihr wohlvertraut. „Man nimmt sich von überall etwas und macht etwas Neues draus“, erklärt Bettina Wilpert. Die Leidensgeschichte der Hauptfigur teilt sie indes nicht. „Ich wurde nicht vergewaltigt, nein.“ Auch keiner ihrer Freundinnen sei das passiert, sagt sie und fügt hinzu: zum Glück. „Aber natürlich habe ich sexualisierte Übergriffe erfahren.“

Dennoch gelingt es ihr, durch den Tonfall der Objektivität alles in der Schwebe zu halten. Es fällt schwer, diesen Jonas nicht auch sympathisch zu finden. Genauso schwer, wie es einem die Figur der Anna macht, sie vollends ins Herz zu schließen. So bleiben sie zwei normale Menschen, die eine folgenschwere Nacht unweigerlich zusammenschweißt. Umgeben von einem gleichermaßen aufgestachelten wie verunsicherten Umfeld, das sich nicht anders zu helfen weiß, als mit Hysterie auf das sehr private Leid einer jungen Frau zu reagieren.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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