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„Ich habe unsere Fußmatte noch nicht wiedergefunden, so lange benutze ich eure, in Ordnung?“
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„Ich habe unsere Fußmatte noch nicht wiedergefunden, so lange benutze ich eure, in Ordnung?“

„Privateigentum“

Eine Mustersiedlung als Kleinhölle

  • vonCornelia Geissler
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Julia Decks „Privateigentum“ mit falschen Fährten, feiner Bosheit und kluger Analyse.

In diesem Jahr der Pandemie haben wir alle unsere Nachbarn besser kennengelernt. Verreist ist kaum jemand, Urlaube fanden im eigenen Garten oder auf dem Balkon statt, so dass Partys und Streit kaum unbemerkt blieben. Da ist es höchste Zeit, Julia Decks Roman aus einer Pariser Mustersiedlung zu lesen: „Privateigentum“.

Das hübsche Buch aus der in rotes Leinen gebundenen Salto-Reihe von Wagenbach ist der dritte Roman der 1974 in Paris geborenen Autorin, der auf Deutsch erschienen ist. Die Übersetzerin Antje Peter gibt diesen Ton des französischen Bildungsbürgertums, in dem der Höflichkeit oft ein Tropfen Gift beigemengt ist, fein wieder. Apropos Gift: Der erste Satz des Buches macht auf Scheußliches gefasst. „Ich fand es falsch den Kater zu töten – ganz allgemein und auch in diesem speziellen Fall –, als du mir sagtest, was du mit dem Kadaver anstellen wolltest.“ Die Erzählerin weist noch auf derselben Seite darauf hin, dass sie die Ankündigung für eine Provokation hielt.

Doch die Fährte ist nun einmal gelegt, und jedes Mal, wenn der dicke rote Kater auf dem gartenzeitschriftmäßig gestutzten Rasen von Eva und Charles Caradec auftaucht, geht ein Kitzel damit einher. So ist schon einiges Wesentliche dieses Romans benannt: Erstens, dass die Erzählerin sich in ihrem rückblickenden Bericht an ihren Ehemann wendet. Zweitens lenkt sie Erwartungen gern auf Abwege; die Autorin arbeitet also mit einer unzuverlässigen Erzählinstanz. Und drittens hätte der Roman weder seine Spannung noch seinen Witz, spielte er nicht an diesem Flecken aus vier Doppelhäusern, dem Labor von nachbarschaftlicher Verbundenheit und ebensolchem Verdruss.

Als die Caradecs dorthin zogen, fühlten sie nicht nur Besitzerstolz auf das neue Heim (das noch abbezahlt werden musste), sie erfreuten sich an der Befriedigung ihres ökologischen Gewissens. Eine Solaranlage und ein Wärmetauscher, ein unterirdisches Müllverwertungssystem samt Kompostgewinnung entsprachen dem bestmöglichen klimaneutralen Standard – hatten allerdings erhebliche Mängel.

Buchinfo

Julia Deck: Privateigentum. Roman. A. d. Franz. v. Antje Peter.Verlag Klaus Wagenbach.144 S., 18 Euro.

Ohne Menschen wäre die Wohnanlage immer noch perfekt gewesen, doch schon die ersten Kontakte ließen nichts Gutes ahnen. Der Kater, Kinder, ein Labradorwelpe waren für das Ehepaar Caradec eine Zumutung. Noch schlimmer empfanden sie Einladungen, Plausch im Supermarkt und Grenzübertretungen aller Art. Noch während einer Grillparty der Nachbarn entdeckt die Erzählerin Käserinden und Zigarettenkippen auf ihrem perfekten Rasen.

„Ich habe unsere Fußmatte noch nicht wiedergefunden, so lange benutze ich eure, in Ordnung?“, flötet Annabelle von nebenan, die gleich wieder zur Stelle ist, als sie Gebrüll hört. Eva und Charles sind seit dreißig Jahren verheiratet. Wie lange sie schon allein als Stadtplanerin das Geld verdient und er das Haus fast nur für Besuche bei der Psychotherapeutin verlässt, die ihm neue Antidepressiva gibt, das erfährt man nicht.

Eva brüllt also, die Nachbarin kehrt zurück, mit einem schlaftrunkenen Kind auf der Hüfte um Ruhe bittend. Julia Deck schreibt: „Sie beobachtete mich weiterhin lächelnd. Annabelle wollte auch nicht wirklich, dass wir weniger Lärm machten. Sie wollte, ich weiß nicht was, einen Impuls, einen Instinkt befriedigen, denn von der ersten Sekunde an wollte sie Blut fließen sehen. Es ist falsch, sich zu verstellen – und absolut ungerecht anzunehmen, dass wir schuld sind.“

Von Schuld wird noch die Rede sein, wenn die Siedlungsbewohner später Annabelle vermissen, zuvor aber bekommen andere Nachbarn ihre Auftritte. Ines etwa, die darin aufging, „die wahren Werte zu pflegen: das Familienleben, die Inneneinrichtung und die Zuneigung eines permanent abwesenden, weil permanent in Sitzungen steckenden Ehemanns“. Die Erzählerinnenstimme wechselt zwischen Ironie und Sarkasmus, je nachdem, ob sie kleine Beobachtungen oder größere Analysen mitteilt. Denn Eva ist ja Stadtplanerin, sie sieht, wie die Neubauten in dem Vorort andere Leute angezogen haben, eine „neue Mittelschicht“, kaufkräftig zumal, die „auf sie zugeschnittene Geschäftsmodelle – kreative Boutiquen, Fair-Trade- und Bio-Läden“ fordert.

Der Roman, der zeitweise krimihafte Züge trägt, lässt das Gutgemeinte oft verlogen aussehen. Julia Deck schaut sehr genau auf die Verhältnisse in ordentlichen Familien. Sie zeigt mit unerwarteten Blick- und Tempowechseln ein Machtgefälle zwischen Eheleuten, ungerechte Chancenverteilung für Männer und Frauen im Job und einen Alltagsrassismus hinter freundlicher Fassade. Es steckt sehr viel in diesem schmalen Buch.

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