Die Moschee des Islamischen Zentrums in München.
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Die Moschee des Islamischen Zentrums in München.

Politischer Islam in Deutschland

Eine Moschee in München

Zwei neue Bücher berichten dieses Frühjahr über die Ankunft des politischen Islam in Deutschland. Die Werke von Stefan Meinung und Ian Johnson erzählen zwar eine sehr ähnliche Geschichte, setzen aber auch unterschiedliche Schwerpunkte.

Von Martin Zähringer

Gleich zwei Bücher berichten dieses Frühjahr über die Moschee des Islamischen Zentrums München in München-Freimann, deren regionale Aktivitäten, internationale Vernetzung und bemerkenswerte Geschichte: 1973 nach einer sehr langen Planungsphase eröffnet, war sie ursprünglich als Anlaufstelle für ehemalige muslimische Überläufer aus dem Zweiten Weltkrieg gedacht gewesen. Tatsächlich aber hat sie sich – so die Beobachtung von Stefan Meining und Ian Johnson – zu einer Schaltstelle des internationalen politischen Islam entwickelt.

Beide Bücher basieren auf jahrelangen Recherchen und erzählen eine sehr ähnliche Geschichte, woraus sich manche Wiederholung ergibt. Sie setzen aber auch unterschiedliche Schwerpunkte: Während Johnson die geheimdienstlichen Verquickungen in der Nachkriegszeit und die Wirkungsgeschichte des internationalen Islamismus genauer unter die Lupe nimmt, befasst sich Meining eingehender mit der NS-Geschichte und dem heutigen „deutschen Gesicht des politischen Islam.“ Diese Unterscheidung ist wichtig, weil es sich eigentlich um zwei Geschichten des politischen Islam in Deutschland handelt.

Muslime gegen Stalin

Die erste Geschichte beginnt mit dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Akteure waren zumeist junge Muslime aus Ländern der Sowjetunion, die sich aus Hass gegen Stalin in die 162. (Turk.) Infanterie Division der Wehrmacht und in Verbände der SS aufnehmen ließen. Seit 1944 gab es in Göttingen sogar eine Fortbildung für Wehrmachts-imame. Einige tausend dieser muslimischen Überläufer hatten nach dem Krieg Glück: Sie wurden nicht in Stalins Machtbereich expatriiert und blieben als Flüchtlinge in Deutschland.

Die ARD strahlte im Jahr 2006 einen Film des promovierten Historikers Stefan Meining über diese Muslime in Deutschland aus. Sein Buch geht jetzt in die Details zur politischen und militärischen Organisation der Freiwilligen, zum Ministerium für die Ostgebiete und vor allem zum muslimischen Personal. Auch Russlandkrieger wie der spätere Vertriebenenminister Theodor Oberländer oder der Turkologe Gerhard von Mende werden genau beleuchtet. Mende zog nach dem Krieg ein „Büro für heimatvertriebene Ausländer“ auf, aus dem ein kleiner Privatgeheimdienst erwuchs, und mit politischer Rückendeckung der alten Kameraden spannte er dann „seine Flüchtlinge“ im revisionistischen Kampf gegen die Sowjetunion ein.

Aber auch die USA hatten Interessen in München. Ian Johnson beschreibt detailliert das gigantische Propagandaunternehmen American Committee for Liberation, das mit seinem Sender Radio Liberty antikommunistische Propaganda in die UdSSR ausstrahlte – unter tatkräftiger Mithilfe der muslimischen Flüchtlinge. Damals kam die Idee einer Moschee für die dienstbaren Geister auf, wodurch Kontrolle und Einfluss gesichert werden sollten. Doch am Ende kam es anders: Die Flüchtlinge wurden von einer neuen Generation muslimischer Immigranten zurückgedrängt, und 1973 wurde eine Moschee eröffnet, die schon zur zweiten Geschichte des politischen Islam in Deutschland gehört.

Diese Phase der Moscheegeschichte steht, wie beide Autoren übereinstimmend darlegen, unter arabischen Vorzeichen. In Deutschland lebten viele muslimische Studenten, zum Teil aus Ägypten geflüchtet, weil Nasser dort die Muslimbrüder verfolgte, und in München formierten sie schon ab den 1950er Jahren eine intellektuelle Garde. 1961 geriet die Moscheebau-Kommission unter den Einfluss von Said Ramadan. Er war der Schwiegersohn des ideologischen Vordenkers der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna und Vater des heute bei der zweiten Migrantengeneration populären Tariq Ramadan.

Said Ramadan war global aktiv und brachte Struktur in die Münchner Moschee. Aus der Moscheebau-Kommission wurde die Islamische Gemeinschaft Süddeutschland, später einfach IGD, aus dem alten Plan einer Moschee schließlich mit Gaddafis Hilfe ein moderner Kuppelbau mit Minarett, Studentenwohnheim, Schule und Kindergarten – auch die Diozöse von Kardinal Döpfner hat 5000 DM gestiftet. Hier entfalteten sich Saids Ramadans visionäre Ideen, etwa zur Rolle der Frau in der modernen islamischen Gesellschaft, wie sie heute in der Türkei, aber auch in Schariastaaten wie dem Iran bei den jungen Muslima populär sind. Und in den Kreisen von deutschen Konvertitinnen der ersten Generation wie Halima Krausen oder Fatima Grimm, deren Dschihadvorstellungen die Autoren ebenso diskutieren wie neue Aspekte des Auftritts der Lehrerin Fereshta Ludin im Stuttgarter Kopftuchstreit.

Nähe zu den Muslimbrüdern

Parallel zu den missionarischen Strategien schildert Meining die Öffentlichkeitsarbeit der IGD, etwa den Tag der offenen Moschee mit prominenten Teilnehmern aus dem bayerischen Establishment. Noch wichtiger erscheinen ihm bei seinem Blick auf die von ihm vermutete langfristige Strategie zur Islamisierung Europas jedoch die von München ausgehenden Impulse bei der Mitbegründung der „Federation of Islamic Organisations in Europe“ (FIOE) oder dem Netzwerk der Konvertiten mit seinem „Treffen deutscher Muslime“ (TDM). Er hebt hervor, dass die muslimische Mehrheit der Türken in München von der arabischen Elite nie in die entscheidenden Gremien der Münchner Moschee aufgenommen wurde. Und so liest sich der Schlussteil seines Buches wie das Dossier eines Publizisten, der die radikalislamischen Vorstellungen von Akteuren aus dem Umfeld der Muslimbrüder kenntlich machen will, denen es weniger um Integration und Dialog gehe als um eine Missionierung Europas.

Dieser religiöse Auftrag ist für Meining das eigentlich verdächtige Moment des politischen Islam: „Das strategische Ziel der Akteure bleibt dabei stets gleich: die Verbreitung des Islam, der sich als allumfassende Lebensordnung versteht.“ Auch im Verfassungsschutzbericht 2009, schreibt Meining, steht das Islamische Zentrum in München wegen seiner vermuteten Nähe zur Muslimbrüderschaft unter Verdacht.

Über deren internationales Wirken informiert Ian Johnsons ambitionierte weltweite Recherche. Deutschland betreffend heißt es, ebenfalls im Verfassungsschutzbericht, sie setze derzeit auf „legalistische Strategien“ zur „Durchsetzung schariakonformer Freiräume“. Für eine informierte Diskussion über das Thema empfehlen sich beide Bücher.

Ian Johnson: Die vierte Moschee. Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus. A. d. Engl. v. Claudia Campisi. Klett-Cotta 2011, 360 S., 22,95 Euro.

Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. Verlag C. H. Beck 2011, 288 S., 19,80 Euro.

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