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Ein undatiertes Bild zeigt Paul von Hindenburg während des ersten Weltkrieges.

Weimarer Republik

„Eine Mischung von Korruption, Hintertreppe und Günstlingswirtschaft“

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Dieter Hoffmann arbeitet die zentrale Rolle des Osthilfe-Skandals für die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler heraus

Für das konservative Deutschland war er zur Ikone geworden. Der Kaiser hatte ihn in den frühen Stunden des Ersten Weltkriegs aus dem Ruhestand geholt, und Ende August 1914 wurde unter seinem Oberbefehl der russische Vormarsch in Ostpreußen in der viertägigen Schlacht von Tannenberg gestoppt und der Feind zurückgeschlagen. Ein deutscher Held war geboren. 1924 wählten die Deutschen den Mann, dessen Denken vom wilhelminischen Monarchie- und Elitedenken tief geprägt war, als Nachfolger des verstorbenen Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten. Spätestens ab 1930 wurde Paul von Hindenburg zum entscheidenden Politiker der Weimarer Republik. Die „Präsidialkabinette“ der Kanzler Brüning, Papen und Schleicher waren von der Gnade eines Antidemokraten abhängig. Man regierte mit Notverordnungen, der Reichstag wurde zur Statistenrolle verdammt.

Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg Adolf Hitler zum Kanzler und wurde so zu einem der Totengräber der ersten deutschen Demokratie. Warum aber diese Entscheidung, obwohl Hindenburg sich einige Wochen vorher noch geweigert hatte, den Staat an die Nazis auszuliefern?

Dieter Hofmann. Der Skandal. Hindenburgs Entscheidung für Hitler. Donat-Verlag. Bremen 2020. 208 S., 18 Euro.

In seiner akribischen Studie über den sogenannten Osthilfe-Skandal, der die Republik in ihren letzten Monaten erschütterte, kommt Dieter Hoffmann zu einem eindeutigen Urteil: „Um sich selbst zu retten und ihre Macht auszuweiten, dafür gaben sie (Nationalkonservative und ostelbische Großagrarier, W.v.S.) den Staat hin.“ Ihr politisch stärkster Verbündeter war dabei der Reichspräsident höchstpersönlich, der aus ihren Kreisen stammte. Er „wirkte alles andere als überparteilich, sondern als Vertreter der preußischen Großagrarier im höchsten Staatsamt, der beharrlich deren Interesse durchsetzte.“ Kein Wunder, denn schon 1928 ließ er sich von den Lobbyisten der Großagrarier einige hunderttausend Reichsmark schenken, um das heruntergekommene und hochverschuldete Familiengut Neudeck zu sanieren. Um die Erbschaftsteuer zu sparen, ließ er das Gut gleich auf seinen Sohn Oscar überschreiben.

In den Geschichtsbüchern wurde mit Blick auf das Verhalten Hindenburgs und die durch ihn erfolgte Ernennung Hitlers immer wieder auf das Greisenalter des Reichspräsidenten hingewiesen. Die Zeitgenossen wussten es besser. In den großen Zeitungen der Republik und im Reichstag überschlugen sich in den Wochen vor der Ernennung Hitlers die Diskussionen über die Osthilfe, die im Prinzip bereits seit 1928 die Kassen der ostelbischen Großgrundbesitzer mit vielen Millionen Reichsmark füllte.

Während im Gefolge der Weltwirtschaftskrise das Heer der Arbeitslosen in Deutschland wuchs und Reichskanzler Brüning mit einschneidenden Sparprogrammen eine soziale und bald auch politische Katastrophe heraufbeschwor, kassierten die ostelbischen Junker mit dubiosen Bewilligungsentscheidungen und betrügerischen Tricks enorme Summen an Staatsgeldern.

Zum Skandal weitete sich das aus, als bei den Beratungen eines Reichstags-Untersuchungsausschusses immer deutlicher wurde, dass das ohnehin größte Subventionsprogramm der Weimarer Republik von seinen Nutznießern skrupellos missbraucht wurde. „Das Ganze ist eine Mischung von Korruption, Hintertreppe und Günstlingswirtschaft, die an die übelsten Zeiten der absoluten Monarchie erinnert“, zitiert Hoffmann eine Tagebuchnotiz von Harry Graf Kessler.

Hindenburgs Politik war am Ende vor allem darauf ausgerichtet, eine Regierungsbeteiligung der SPD zu verhindern und die Machtposition des alten ostpreußischen Adels zu stärken. Als Kanzler Brüning sich weigerte, die Subventionen in der bisherigen Form weiter zu unterstützen, entließ ihn der Reichspräsident. Auch der letzte Vor-Hitler-Kanzler Kurt von Schleicher musste gehen, als er sich Hindenburgs Osthilfe-Politik entgegenstellte. „Das Osthilfe-Programm“, schreibt Dieter Hoffmann, „wäre ohne den Reichspräsidenten nicht entstanden.“ Und diese Tatsache wurde in den letzten Tagen der Republik auch einer großen Öffentlichkeit bekannt.

Hindenburg, immer auf seinen guten Ruf bedacht, stand mit dem Rücken an der Wand, die Belege waren eindeutig. Hellsichtig formulierte Chefredakteur Theodor Wolff am 29. Januar 1933 in einem Leitartikel im „Berliner Tagblatt“: „Die stärksten Naturen, die mit der eisernen Stirn oder dem Brett vor dem Kopf, werden auf der antiparlamentarischen Lösung, auf Schließung des Reichstagshauses, auf dem Staatsstreich bestehen.“

So kam es denn auch am nächsten Tag. Weil Hitler – dessen Partei die Osthilfe bis dahin übrigens mit am lautesten kritisiert hatte – versprach, als Kanzler den Untersuchungsausschuss des Reichstags aufzulösen und einen den Reichspräsidenten eindeutig belastenden Rechnungshofbericht in den Schubladen verschwinden zu lassen, machte Hindenburg ihn zum Kanzler. „Hitlers Ernennung wäre ohne den Kurswechsel der NSDAP zur Frage der Agrarsubventionen an die Großgrundbesitzer und der damit verbundenen Korruption nicht möglich gewesen“, bilanziert Hoffmann in seiner Studie: „Hindenburg hätte nicht den Chef einer Partei berufen, die sich für eine weitere Untersuchung stark gemacht hätte.“

Dieter Hofmann. Der Skandal. Hindenburgs Entscheidung für Hitler. Donat-Verlag. Bremen 2020. 208 S., 18 Euro.

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