Wodins Mutter Jewgenia Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matila De Martino (1877-1963).
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Wodins Mutter Jewgenia Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matila De Martino (1877-1963).

„Sie kam aus Mariupol“

„Eine Art Menschenunrat“

  • vonCornelia Geissler
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Das Schicksal von einzelnen beleuchtet das Schicksal Hunderttausender: Autorin Natascha Wodin beleuchtet markerschütternd die Geschichte ihrer Familie.

Als Kind hat sich Natascha Wodin ein Stück ihrer Wurzeln abgehackt. Als Erwachsene wird ihr schmerzlich bewusst, was sie anrichtete, als sie die Schachtel mit den Dokumenten ihrer Mutter wegwarf. „Für meine Herkunft, die ich so hasste, sollte es keine Beweise geben, für immer sollten sie verschwinden.“

Zwar wusste sie damals noch nicht, dass sie ein Kind ukrainischer Zwangsarbeiter ist, sondern nur „dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, dem vom Krieg übriggeblieben war“. Später nagte es an ihr, zu wenig über die Mutter zu wissen, die sich umgebracht hatte, als sie selbst elf Jahre alt war. Zwei Fotos hatte sie noch von ihr, außerdem die Heiratsurkunde der Eltern, die Arbeitskarte des Vaters. Natascha Wodins Buch „Sie kam aus Mariupol“ handelt von ihrer Mutter, die von den Nazis nach Deutschland verschleppt worden ist, die nach dem Krieg nicht ungestraft hätte zurückkehren können, die aber auch keine Chance hatte, im Nachkriegsdeutschland heimisch zu werden.

Natascha Wodin wurde im Dezember 1945 in Fürth geboren. Dorthin hatten sich die Eltern nach Kriegsende aus dem Arbeitslager des Flick-Konzerns gerettet. Als sie aufwuchs, war sie den deutschen Kindern immer als Außenseiterin erkennbar. Dennoch fand sie sich – wie es jedem Kind eigen ist – schneller als die Eltern zurecht, sprach bald die Sprache, die sie nie richtig lernten. Später konnte sie von dieser Herkunft profitieren, wurde sie Dolmetscherin, literarische Übersetzerin. Aus der Liebe zur Sprache erwuchs ihr eigenes Schreiben, 1983 erschien ihr erster Roman, „Die gläserne Stadt“. Der ist gerade in einer Neuausgabe herausgekommen. Er zeigt, wie sie in ihrem Schreiben an die Erfahrung der Fremdheit anknüpfte, um von dort aus frei zu erzählen; ein Verfahren, das sie noch öfter anwenden sollte.

Diesmal geht sie ganz anders vor. Sie setzt ihrem Schreiben eine Begrenzung, die sie so eng wie möglich ziehen möchte. Es geht Natascha Wodin in „Sie kam aus Mariupol“ um die größtmögliche Wahrheit. Dem Buch fehlt eine Genrebezeichnung, ein Roman ist es nicht, aber auch keine Biografie oder Autobiografie – für den Preis der Leipziger Buchmesse ist es in der Kategorie Belletristik nominiert.

Wodin schreibt davon, wie ihre Suche nach Spuren ihrer Mutter, die sie schon aufgegeben hatte und nur noch wie eine Gewohnheit immer mal wieder betrieb, auf einmal zu einem Ergebnis kam – als sie in einer russischen Suchmaschine im Internet den Namen eingab. Ein Hobbyhistoriker aus einer Stadt zwischen Moskau und St. Petersburg, der vertraut ist mit den russischen und ukrainischen Behörden, erfahren im Zusammensetzen von Stammbäumen, hilft ihr, wird ihr Vertrauter in nächtlichen Mails. Sie dürstet nach seinen Funden, und der ersten dünnen Spur folgt bald mehr.

In großer medialer Bandbreite von Fotos, Urkunden, Kirchenbucheinträgen, Visaersuchen über Telefonate, E-Mails und Skype puzzelt sich Natascha Wodin ein ganzes Wurzelgeflecht zusammen. Sie erfährt, „dass meine Mutter eine ganz und gar andere gewesen war, als ich immer angenommen hatte, und dass ich selbst nicht die war, für die ich mich gehalten hatte“. Sie baut aus den Scherben ihrer Erinnerung und den neuen Bruchstücken eine Wahrheit, die weit über den Inhalt der einst entsorgten Dokumentenschachtel hinausgeht.

Nun liegt ihre Familiengeschichte vor ihr. Deren Glutkern bildet das Leben ihrer Mutter: „Sie kam aus Mariupol“ – einer ukrainischen Stadt am Asowschen Meer, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts noch von der griechischen Kultur geprägt war. Sie kam aus einer adligen Familie, die durch die Oktoberrevolution und die Stalin’sche Politik alle Privilegien einbüßte. Wodin findet in ihrer Verwandtschaft bolschewistische Revolutionäre, einen Opernsänger, eine verbannte Lehrerin, aber auch Kriminelle. Wodin folgt diesen Menschen über Jahrzehnte, erzählt plastisch von ihnen. Die von den Machthabern verschiedener Couleur gelenkten Lebenswege bergen so viel Tragik in sich, dass dieses Buch auch den abgebrühtesten Leser durchschüttelt und aufrührt. Zumal die Autorin während ihrer Arbeit auf Mariupol in den Nachrichten stößt: Im Frühsommer 2014 gehört die Stadt zu den Zentren der Auseinandersetzung zwischen ukrainischen und prorussischen Militärs.

So vieles ist bekannt über das schreckliche 20. Jahrhundert, über die Vernichtung der Juden, die Gräuel der Kriege, über Verrat, der Familien zerriss. Und es sind die Bücher von Imre Kertész und Primo Levi, von Daniil Granin und Anatoli Rybakow, Jürgen Fuchs und Erich Loest, die halfen, einzelne Kapitel nicht nur faktisch zu begreifen, sondern auch emotional zu verstehen. Nun kann man ein weiteres in diese Bibliothek einreihen.

Rund 2,75 Millionen sogenannte Ostarbeiter waren nach Angaben des Deutschen Bundesarchivs während des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich beschäftigt, andere Quellen nennen weit höhere Zahlen. Im öffentlichen Gespräch über Verbrechen der Hitlerdiktatur tauchen die Zwangsarbeiter als eine Gruppe am Rande auf. Natascha Wodin erzählt anhand ihrer Mutter, die 1944 mit ihrem Mann nach Deutschland deportiert wurde, wie auch die Zwangsarbeiter aus ihren Leben gerissen wurden, um ihre Zukunft gebracht. Natascha Wodin wirft einen Lichtstrahl auf das Leid ihrer Mutter und erhellt das Schicksal Hunderttausender.

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