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Das eine Leben des Königs

Besichtigung eines Mythos: Die Biographie eines Briten erklärt den Spaniern, wer Juan Carlos ist

Von Thomas Hirsch

Ist die Liebe einseitig, werden Liebeserklärungen gern prosaisch aufgenommen. Eine Erfahrung, die Paul Preston jetzt wieder machen durfte. Er ist nicht nur ein brillianter Historiker, er ist zudem ein lebender Vertreter jener leidenschaftlich Spanien liebenden Briten, die man am besten als das Pendant italophiler Deutscher begreift. Spanier dagegen schicken ihre Kinder zwar zum Lernen und Studieren nach England, wenn sie sich das leisten können, auch britische Schulen in Spanien stehen bei zahlungskräftigen Eltern in bestem Ruf, doch ebenso wie die Italiener der romantischen deutschen Liebe zu ihren Reizen eher geschäftlich begegnen, sehen die Spanier im Engländer in erster Linie den Vertreter einer der touristisch interessantesten Zielgruppen für ihre Küsten und Golfplätze. Bislang hatten liebende Engländer ihre Werke über Spanien in der Regel für gleichgesinnte Landesgenossen geschrieben. Historisches wie viele Werke Prestons selbst, Feuilletonistisches wie Robert Elms packendes Buch A Portrait after the General haben Engländern und auch uns das Land näher gebracht und lieben gelehrt.

Jetzt hat Preston mit seinem Buch Juan Carlos - El Rey de un Pueblo (Plaza Janés, Madrid, 25 Euro) den nicht uninteressanten Versuch unternommen, seine Liebeserklärung direkt an die Geliebten zu richten: an die Spanier. Seine nicht autorisierte Biografie des spanischen Königs Juan Carlos erschien in ihrer Erstauflage auf Spanisch. Den Spaniern ging es damit so, als hätte Darwin seine Studien in der Sprache der Galapagos-Echsen veröffentlicht: Interessante Arbeit, dachten sie, aber das ist uns alles längst vertraut. Preston ist - wie Günter Grass, wie Helmut Kohl oder gerade Jürgen Habermas - Träger des renommierten Preises des Prinzen von Asturien. Für seine Biografie Francisco Francos hatte der britische Historiker uneingeschränktes Lob erhalten. Wenn jemand Treffendes über Spanien schreibt, damit die Welt das Land besser verstehe, fühlt sich der Spanier geehrt. Doch dem Versuch, ganz unverhohlen belehrt zu werden, begegnete die spanische Kulturwelt in den letzten Wochen mit der reservierten Freundlichkeit dessen, der auf Krawatten schwört und eine Fliege geschenkt bekommt.

Die Zeitschrift Satiria unternahm den gelungenen Versuch, in drei Sätzen die Antwort auf die Grundfragen zum spanischen König zu geben, denen Preston knappe 600 Seiten widmet: Wie konnte der junge Juan Carlos mit so großer Ernsthaftigkeit die Herausforderung annehmen, unter Franco Jahrzehnte hindurch zum potentiellen Nachfolger gedrillt zu werden? "Weil Preston offenbar nicht bedacht hat, dass man Juan Carlos in Madrid nicht erschießen, sondern zum Regierungschef machen wollte."

Wie konnte es Juan Carlos schaffen, aus dieser kompromittierenden Situation heraus der Monarchie ein Ansehen zu geben, das in der II. Republik und unter Franco bis ins Jahr 1975 undenkbar gewesen wäre? Weil der Monarch niemandem auf die Nerven geht, weil er sich nicht für den Zirkus hergibt, den einige Mitglieder der britischen Königsfamilie veranstalten. Und vielleicht auch wegen seiner ungezwungenen, großmütigen, offenen und glücklichen Art, schreibt Satiria. Und wie konnte er sich vor diesem Hintergrund so kompromisslos zur Demokratie verpflichten? Vielleicht weil der König nicht dumm ist, weil er geahnt hat, dass er sonst keine Zukunft im Land haben würde, und dass auch der Rest der westlichen Welt keinen Nachfolger Francos wünschte.

Ein Buch, das also nur für Ausländer interessant ist, weniger für den Spanier, wie der spanische Historiker Javier Tusell schreibt? Die Bestseller-Listen widersprechen dem zumindest partiell. Das Buch hält sich hartnäckig auf der - spanischen - Bestsellerliste. Gutes Register, minutiös recherchiert, kenntnisreich geschrieben, weitaus informativer als José Luis Villalongas Gespräche mit dem König, und ein ganzes Jahrzehnt aktueller. Ein Bedürfnis hat diese Biografie also auch im Lande befriedigt.

Und doch bleibt sie ein Nachschlagewerk, Neues weiß sie nicht zu berichten. Denn an jedem spanischen Familientisch weiß man längst, was Außenstehenden als Enthüllung erscheinen mag. Etwa jener Unfall beim Spielen mit - oder Reinigen - einer Pistole, bei der Juan Carlos Bruder Alfonsito im Jahre 1956 in Portugal sein Leben verlor. Dass es sich um ein Versehen des heutigen Königs handelte, stellt Preston nicht in Frage. Natürlich hat sich damit die spanische Thronfolge entscheidend gewandelt, doch worüber man an spanischen Familientischen durchaus offen spekuliert, das kann man in einem Buch nicht schreiben.

Und es gibt weiteres rund um den König und die Königsfamilie, über das man in Spanien nicht schreiben kann. Das ist aber weder Zeichen von Angst oder unkritischer Haltung, sondern dem Glaube an die repräsentative Funktion des Monarchen geschuldet. Selbst Republikaner achten den König, und nur eine kleine, radikale, dem baskischen Separatismus nahestehende Minderheit empfindet Juan Carlos nicht als Garant ihrer Rechte, Freiheiten und politischen Aspirationen. Im Gegensatz zur britischen Königsfamilie hat die spanische deshalb ein Privatleben. Sie nimmt es sich und man lässt es ihr. Kein Fotograf stellt Königin Sofía bei ihren Einkäufen in Palma des Mallorca nach, der Anleger für des Königs neue Yacht am Sommersitz der Bourbonenfamilie wurde nicht gegen Fotografen, sondern Terroristen abgeschirmt, die hier in den 90er Jahren ein Attentat vorbereitet hatten. Nur im Privaten spricht man über das Privatleben des Königs, es gilt der Satz des Generals und langjährigen Chefs des Königshauses, Sabino Fernández Campo: "Was man aussprechen kann, interessiert nicht mehr (da bekannt), über die wirklich interessanten Dinge hingegen spricht man besser nicht (aus Respekt)."

Unausgesprochenes kann Mythen fördern - und die heutige spanische Monarchie ist solch ein Mythos. Schweigen bedeutet das trotzdem nicht. Die Spanier brauchen keien Bücher oder Regenbogenpresse um über ihre Königsfamilie bestens unterrichtet zu sein. Bücher und Artikel über den König sind im Gegenteil zur Inhaltslosigkeit verdammt, will ihr Autor seinen Platz am spanischen Familientisch behalten. Höchstens auf abgelegenen Chatforen im Internet lässt sich mal jemand zu der Behauptung hinreißen, der König lasse sich vom spanischen Establishment Spielereien wie die millionenschwere neue Yacht Fortuna II oder den Rennsegler Bribón XI bezahlen.

In den richtigen Zeitungen gesteht man dem König von links bis rechts das Privileg zu, als Repräsentant des Landes ein Freizeitboot zu fahren, das sich das Königshaus mit einem Jahresetat um sieben Millionen Euro nicht leisten könnte. Wirklich diskutiert wurde öffentlich lediglich die Frage, ob einflussreiche Unternehmer und Finanziers mit diesem teueren Geschenk noch einflussreicher werden, und ob eine solche Ausgabe nicht besser über einen Sonderetat von allen Spaniern aufgebracht worden wäre.

Schließlich ist Juan Carlos der König aller. Und eben deswegen sieht man ihn auch gerne siegen. Seit mehreren Jahren schon fährt der hochprofessionelle Skipper Juan Carlos - von seiner Mannschaft "el jefe" genannt - bei der Regatta Copa del Rey in der Bucht von Palma auf seiner veralteten Bribón der Konkurrenz hinterher. Unter anderem seinem eigenen Sohn, der seine eigene alte Rennyacht ausgemustert und auf dem hochmodernen Boot einer spanischen Sparkasse angeheuert hatte. Als Kapitän natürlich - wie der Vater.

Jetzt hat eine andere spanische Sparkasse zusammen mit einer ehemals staatlichen Telefongesellschaft für 1,2 Millionen Euro die neue Bribón XI vom Stapel gelassen und der König freut sich schon auf seinen nächsten Sieg beim Königs-Cup in Palma. Königin Sofía, Enkelkinder im Arm, wird ihm vom Deck der Fortuna II aus mit diesem Blick zuwinken, der alle Spekulationen über das königliche Familienleben zunichte macht. Sohn und Kronprinz Felipe wird von der Damenwelt ins Prisma der Ferngläser genommen.

Noch hat niemand eine Biografie über diesen Thronfolger und Junggesellen geschrieben: Man kann einfach wenig Sensationelles über diese politisch und gesellschaftlich gut situierte Königsfamilie schreiben. Auch auf fast 600 Seiten nicht. Prestons Biografie ist ein Geschichtsbuch. Über einen König, der bis heute Tag für Tag Geschichte macht.

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