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Alexandra Bleyer: „1848“ - Eine Idee von Freiheit

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Von: Wilhelm v. Sternburg

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Die Frage, ob das Wahlrecht auch für Frauen gelten solle, wurde angesprochen, „wobei sich die Männer rasch einig wurden: Nein!“. epd
Die Frage, ob das Wahlrecht auch für Frauen gelten solle, wurde angesprochen, „wobei sich die Männer rasch einig wurden: Nein!“. © epd

Frühes Ende, lange Wirkung: Alexandra Bleyer leuchtet die Revolution von 1848 aus.

In Revolutionen leuchten für die Miterlebenden Anfänge auf, deren Wurzeln vielfach in den vergangenen Jahrhunderten zu finden sind. Aber sie bergen auch bereits Endzeiten in sich, von denen die Revolutionäre noch nichts ahnen können. Als am 18. Mai 1848 die Abgeordneten in die Frankfurter Paulskirche einziehen, beginnt für Mittel-, Süd- und Westeuropa ein neues Zeitalter. Wovon die Aufklärer des 18. Jahrhunderts in ihren Schriften geträumt, was die nordamerikanischen Verfassungsväter 1787 beschlossen und die Schleifer der Pariser Bastille-Mauern zwei Jahre später in Gang gesetzt hatten, das schien in der 1848er-Revolution seine entscheidende Fortsetzung und Vollendung zu finden.

In der Paulskirche wurde ein Grundrechtekatalog verabschiedet, der die Würde der Menschen ebenso schützen sollte, wie die Freiheit des Wortes und das Recht, sich zu versammeln. Er sah freie Wahlen vor. Die Befreiung der Bauern aus ihrem Sklavendasein und eine (weitgehend nur) formale Gleichstellung der Juden fand in den Frankfurter Abstimmungen eine große Zustimmung. Generell löste diese Revolution in der Bevölkerung eine starke Politisierung aus.

Als sich am 23. Juli 1849 die Festung Rastatt, in der sich die letzten Revolutionäre nach ihrer Vertreibung aus der Paulskirche gesammelt hatten, den preußischen Truppen ergeben musste, endeten diese „tollen“ Monate. Es begannen die Jahre der Reaktion. „An den konservativ-reaktionären Höfen Europas standen Innen- und Außenpolitik unter der Prämisse der Revolutionsabwehr“, konstatiert die Historikerin Alexandra Bleyer in ihrer Darstellung der Ereignisse von 1848/49. Und dabei blieb es in den kommenden Jahrzehnten. Eine Haltung, die nicht automatisch, aber dann doch auch nicht zufällig zu den Schützengräben des Ersten Weltkriegs führte.

Die 48er haben die Zukunft Europas tiefer bestimmt, als die Menschen es während der erregten Tage des Aufbruchs und der Rebellion ahnen konnten. Auch in den Reaktionsjahren vergaßen die Völker (aber auch ihre zur Macht zurückgekehrten Herrscher) nicht, was in der Paulskirche diskutiert und beschlossen worden war. „Heute“, schreibt Bleyer zu Recht, „wird die Revolution als Teil eines unumkehrbaren und anhaltenden Modernisierungsprozesses gewürdigt.“

Dazu gehört allerdings, dass auch die Keime für die europäischen Gewaltorgien des 20. Jahrhunderts sich schon 1848 zeigten. Nationalismus und Antisemitismus, ideologische Absolutheitsansprüche und die Zerrissenheit im demokratischen Lager sind schon in diesen Revolutionsmonaten – Bleyer belegt das eindrucksvoll – Warnsignale für die Zukunft. „Man kämpfte für die Freiheit, war aber in Fragen der Nationalstaatsbildung bereit, die Freiheiten anderer zu unterdrücken.“ Die Diskriminierung der Juden blieb „kein Einzelfall“. Bleyer weist vielfach auf die untergeordnete Rolle hin, die den Frauen auch von den Revolutionären zugemutet wurde. So bescherte die Paulskirchenverfassung „den Männern über 25 Jahren das aktive und passive Wahlrecht. Sollten Frauen ebenso ihre Stimme abgeben dürfen?“ Angesprochen wurde das, so Bleyer, „wobei sich die Männer rasch einig wurden: Nein!“.

Das Buch

Alexandra Bleyer: 1848. Erfolgsgeschichte einer gescheiterten Revolution. Reclam. 336 S., 26 Euro.

Bleyers Grundthese ist in der neueren Geschichtsschreibung nicht mehr umstritten: Die 48er sind gescheitert, aber ihre Debatten und Beschlüsse in der Paulskirche wurden auch eine Erfolgsgeschichte. Der Grundrechtekatalog hatte „Vorbildcharakter“ für die Weimarer Verfassung und unser aktuelles Grundgesetz. Die Pressefreiheit zog eine „Kommunikationsrevolution“ nach sich. Die Versammlungsfreiheit war der Grundstock für unzählige Vereinsgründungen, die in den kommenden Jahrzehnten zur Bildung von politischen Parteien und Verbänden führten, die wir bis heute kennen.

Die Revolution scheiterte daran, dass die „Armee das entscheidende Machtinstrument“ war und die Herrschaft über die Kanonen in den Händen der Fürstenhöfe blieb. Sie endete auch mit dem Sieg der alten Kräfte, weil es demokratischen Kräften und bürgerlichen Liberalen nicht gelang, die tiefen ideologischen Gräben, die sie trennten, zuzuschütten und damit die revolutionären Kräfte zu bündeln.

„Die meisten 1848er Revolutionäre ... wollten das politische System in Zusammenhang mit den alten Eliten umgestalten.“ Bauernschaft, Arbeiterschaft und die „Unterschicht“ forderten dagegen eine „elementare Revolution“. Diese „war wild, laut, oft gewalttätig und zerstörerisch – also genau das, was die gemäßigten Reformer fürchteten: Anarchie!“ Karl Marx und seine kommunistischen Anhänger verweigerten schon damals jede Zusammenarbeit mit dem bürgerlichen Liberalismus, denn ihr Ziel war es, die alten gesellschaftlichen Verhältnisse vollends auf den Kopf zu stellen.

Alexandra Bleyers spannend geschriebene Gesamtdarstellung der 1848er-Revolution gewinnt ihre besondere Aktualität, wenn der Blick auf die neuen Gefährdungen fällt, denen die westlichen Demokratien ausgesetzt sind. In den USA ein abgewählter Präsident, der seine in freien Wahlen erfolgte Niederlage mit Staatsstreichversuchen und Lügen korrigieren will und dessen Partei ihm mit blindem Aktionismus folgt. In Ungarn und Polen Regierungen, die ein System schaffen, in dem demokratische Grundwerte nur noch eine Fassade bilden. In Deutschland Demokratiefeinde in den Parlamenten, die Rassismus und Geschichtsklitterungen zum Parteiprogramm gemacht haben.

Angesichts solcher Entwicklungen ist es zweifellos sinnvoll, sich darüber zu informieren, dass vor knapp 175 Jahren – an der Wiege moderner demokratischer Aufbrüche – Triumph und Scheitern nicht Schicksal, sondern menschengemacht waren.

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