+
Zu dieser Aufnahme von Simone de Beauvoir von 1939 schrieb Jacques-Laurent Bost: "Sie sehen lesbisch aus und kokainsüchtig."

Eine höchst angenehme Erfahrung

Der Briefwechsel zwischen Simone de Beauvoir und ihrem jüngeren Geliebten Jacques-Laurent Bost revidiert das Klischee und beschäftigt das intellektuelle Frankreich

Von ULI AUMÜLLER

Sie war 30, und er war 22, als ihre Liebesgeschichte 1938 begann. Simone de Beauvoir war eine unbekannte Philosophielehrerin am Pariser Lycée Molière und arbeitete an ihrem ersten Romanmanuskript. Seit neun Jahren war sie mit Jean-Paul Sartre liiert, der soeben seinen vielbeachteten ersten Roman Der Ekel veröffentlicht hatte. Er, Jacques-Laurent Bost, Pastorensohn, jüngstes von zehn Kindern, war am Lycée von Le Havre der Lieblingsschüler des Philosophen Sartre gewesen und war dem verehrten Lehrer bei dessen Versetzung nach Paris gefolgt, um dort zu studieren. Von 1935 bis zu Simone de Beauvoirs Tod sollte "le petit Bost" zum inneren Kreis der Sartre-Familie gehören und ein anderes Mitglied des Clans, Beauvoirs ehemalige Schülerin (und eine von Sartres zeitweiligen Geliebten) Olga Kosackiewicz, heiraten.

Simone de Beauvoir, "le Castor", der Biber, war gleich von ihm angetan, wie man dem Porträt des Schülers Bost in ihrem Memoirenband In den besten Jahren entnehmen konnte: "Er hatte ein strahlendes Lächeln und das Auftreten eines Prinzen, da er als guter Protestant fand, dass in dieser Welt jeder ein König ist. Er besaß eine Anmut, die fast unverschämt wirkte. Er hatte keinerlei Ehrgeiz, aber eine Menge hartnäckiger kleiner Wünsche, über deren Erfüllung er sich maßlos freute. Seine Intelligenz war wendig und witzig. Dieser Witz entstand aus dem Zusammenprall seiner puritanischen Erziehung mit der Frische seiner Spontaneität."

Sartre hat nicht damit gerechnet

Mit Simone de Beauvoir verband den Studenten die Liebe zum Wandern (während Sartre die Natur ja eher verabscheute). Bei einer dieser Bergwanderungen zu zweit im Sommer 1938 ereignete sich, was der Castor sogleich dem Lebensgefährten nach Paris vermeldete: "Mir ist etwas höchst Angenehmes passiert, was ich mir bei der Abreise nicht hätte träumen lassen - ich habe vor drei Tagen mit dem kleinen Bost geschlafen. Wir erleben idyllische Tage und leidenschaftliche Nächte." In Anbetracht seiner eigenen Affären und ihres gemeinsamen Pakts auf vollständige wechselseitige Freiheit und Offenheit gibt Sartre sich scheinbar cool. "Wir haben lang und breit über die Ereignisse zwischen Ihnen und mir geredet, Sartre hat sich nicht darüber gewundert, sagte aber gleichzeitig, er habe nicht damit gerechnet", berichtet Beauvoir ihrem "geliebten kleinen Bost" später im selben Sommer. Einig waren sich beide, dass Bosts eifersüchtige und labile Freundin Olga nichts erfahren durfte. So war ihre Liebe zur Geheimhaltung, d. h. zu Täuschung und Lüge verurteilt, was vor allem Beauvoir sehr belastete, die mit der jungen Russin eng befreundet war.

Im Herbst 1938 blieb den beiden Verliebten nur ein Monat in Paris, in dem sie sich jeden Tag sahen, bevor Jacques-Laurent Bost zum Wehrdienst nach Amiens eingezogen wurde. Ihr Briefwechsel ist jetzt, herausgegeben von Sylvie Le Bon de Beauvoir, unter dem Titel Correspondance Croisée im Pariser Verlag Gallimard erschienen. Die 1000 Seiten, die eine schwärmerisch verliebte, impulsive Frau offenbaren, wurden vom unerschütterlich an das Paar Beauvoir-Sartre glaubenden Pariser Feuilleton als Sensation kommentiert.

Von November 1938 bis Februar 1940 (und darüber hinaus) schreiben Beauvoir und Bost sich fast täglich, außer natürlich, wenn sie sich an Wochenenden in Amiens oder Paris heimlich in Hotels treffen. Sie siezen sich, er nennt sie "Mon cher, cher Castor", sie redet ihn zumeist mit "Mon petit Bost bien-aimé" an. Allmählich wird der acht Jahre jüngere, unerfahrenere Bost, der zu Anfang der Beziehung etwas eingeschüchtert und zurückhaltend wirkt, in seinen Liebesbeteuerungen offener: "Meine Gefühle für Sie sind unwahrscheinlich tief und dauerhaft. Ich liebe Sie, ich umarme Sie leidenschaftlich."

Man könnte ersticken

Wie schon bei der Lektüre von Beauvoirs Briefen an Sartre ist man schockiert, wie unpolitisch diese Gruppe von Intellektuellen damals war. Der zeitgeschichtliche Hintergrund gewinnt tatsächlich erst mit Frankreichs Kriegserklärung am 3. September 1939 eine größere Bedeutung, als die Politik mit der Mobilisierung von Sartre und Bost in ihr Privatleben einbricht. Noch knapp eine Woche zuvor hatte sie Bost in die Kaserne geschrieben: "Gestern abend waren wir im ,Flore', wo alle Gäste entspannt und optimistisch wirkten. Ich denke, niemand glaubt an Krieg; Sartre auch nicht. Die öffentliche Meinung in Deutschland scheint für Hitler nicht besonders günstig zu sein." Dabei wurde Paris schon verdunkelt!

Diese Blindheit schien große Teile der Franzosen und sogar des Militärs erfasst zu haben, was u. a. die schnelle Niederlage Frankreichs im Juni 1940 erklärt. Der Philosophiestudent Bost, vom unbedingten Pazifismus Alains und Gides geprägt, sieht das als ziemlich aufrührerischer Soldat, der sich standhaft weigert, Offizier zu werden, viel kritischer und klarer. Anfang Februar 1940, das heißt noch während des sogenannten "Sitzkriegs", schreibt er trotz der möglichen Zensur seines Feldpostbriefs wutentbrannt an den Castor: "Man könnte ersticken bei so viel beschränkter Blödheit. Wir haben es hier mit völlig Ahnungslosen zu tun, wirklich mit armen Idioten, mit Verblödeten, vom Gefreiten bis rauf zum Kriegsminister. Man fragt sich, wie das gehen soll, das sind schließlich die Leute, die uns befehligen, wenn es ernst wird."

Leider endet der Briefwechsel im selben Monat, da die folgenden Briefe von Simone de Beauvoir in den Kriegswirren verlorengingen und die Herausgeberin nicht nur die von Bost veröffentlichen wollte. Wie ihrem informativen, aber etwas zu sehr in Beauvoir-Apologetik schwelgenden Vorwort zu entnehmen ist, wurde Jacques-Laurent Bost dann im Mai 1940 verwundet. Nach der Rekonvaleszenz demobilisiert, kehrte er im Juli nach Paris zurück. 1949 erschien sein vehementes Antikriegsbuch Der letzte Beruf. Er arbeitete als Journalist (u. a. beim Nouvel Observateur und Les Temps modernes), Drehbuchautor und Übersetzer.

Im selben Jahr widmete Simone de Beauvoir ihr theoretisches Hauptwerk Das andere Geschlecht Jacques Bost, dem, wie sie später ihrer Adoptivtochter Sylvie Le Bon anvertraute, "am wenigstens machohaften Mann" in ihrem Leben. Literarisch hat sie ihm (und seiner Frau Olga, die als zweifache Nebenbuhlerin allerdings nicht so gut wegkommt) in ihrem Schlüsselroman Sie kam und blieb in der Figur des jungenhaft charmanten Gerbert ein bezauberndes Denkmal gesetzt. Auch der hinreißende Boris und die kapriziöse Ivich in Jean-Paul Sartres Zeit der Reife von 1946 sind nach dem Modell des Paars Bost-Olga entstanden.

In diesen schwierigen Monaten leistet die Philosophielehrerin neben ihren täglich 4 - 6 Stunden Unterricht am Lycée ein unfassbares, geradezu graphomanisches Pensum: Sie schreibt Bost und Sartre lange Briefe mit einer minutiösen Chronik ihres Tagesablaufs, besorgt Bücher, Pfeifen, Tabak, Lebensmittel und schickt beiden Päckchen, führt Tagebuch, arbeitet zügig am Manuskript von Sie kam und blieb, liest, geht ins Kino, trifft sich fast täglich mit ihrer Schwester oder mit Olga. Diese Details sind aus den Tagebüchern und den Briefen an Sartre bekannt.

Das Neue, Hochinteressante ist also Simone de Beauvoirs Verhältnis zu Bost, ihre ungeahnte sexuelle Leidenschaftlichkeit und Hingabe, die sie bekanntermaßen mit Sartre nicht ausleben konnte: "Ich habe nur ein Leben sinnlicher Erfüllung, und zwar mit Ihnen", schreibt sie dem kleinen Bost. "Das ist für mich etwas unendlich Kostbares, Ernstes, Bedeutsames und Leidenschaftliches. Ich könnte Ihnen nicht untreu sein, weil Sie dadurch nur mehr eine Episode meines Lebens würden, wo Sie doch dieses Leben ganz und gar ausmachen und ich kein anderes will."

Ungeheure Diskretion

Diese große Liebe und ihre Rolle in Simone de Beauvoirs Leben, die mit Rücksicht auf Olga bis zu deren Tod 1984 geheim bleiben musste, wird mit dieser Veröffentlichung endlich angemessen gewürdigt. Und Bost gibt sich in den Liebesbriefen an den Castor mit seinen eigenen Worten Gestalt als ein überaus liebenswerter, aufrichtiger, sensibler Mann, der, wie Sylvie Le Bon de Beauvoir im Vorwort schreibt, "von 1938 bis 1986 diskret und anständig, mit herzlicher Anteilnahme, unfehlbarer Freundlichkeit und Zuverlässigkeit in dunklen Momenten in ihrem engsten Umkreis immer anwesend war. Es wird Zeit, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt. Und es ist auch an der Zeit, dass de Beauvoir nicht länger als Opfer Sartres, als arme Benachteiligte hingestellt wird."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion