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"In meinen Adern fließt Baumsaft", sagte Roger Deakin von sich.

Literatur

Eine Hecke legen, eine Motte fangen

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Roger Deakins originelle und gründliche Spaziergänge durch "Wilde Wälder".

Auf Seite 309 (der deutschen Ausgabe) schließlich ist Roger Deakin auf seinen Schlendereien und Abschweifungen bei dem Buch „A Million Wild Acres“ des Australiers Eric Rolls angekommen und urteilt: „Das Großartige (…) ist seine Weigerung, sich einordnen zu lassen.“ Und dann zitiert Deakin aus einem Essay über Rolls, dessen Verfasser die wunderbare Formulierung fand, „A Million Wild Acres“ sei „ein zutiefst ungehorsames Buch“.

Hundertprozentig lässt sich beides genau so über „Wilde Wälder“ (Orig. „Wildwood“, 2007) sagen, das jetzt in der Naturkunden-Reihe von Matthes & Seitz in Übersetzung erschienen ist. Nicht einmal mit einer sorgsamst händisch gelegten Hecke (siehe Kapitel „Heckenlegen“) ließe sich dieser irrlichternde Band davon abhalten, auf die Nachbarwiesen zu streunen.

Die Dinge – Geschichte, Bildende Kunst, Handwerk, Pflanzenkunde, Tierkunde bis runter zur Motte – gehörten für Roger Deakin zusammen, gehörten zusammengeworfen und -gewürfelt; und der Mensch selbstverständlich mitten, ach was, bis knapp unter die Nasenspitze hinein. Nur jemand wie er konnte auf die Idee kommen, alle möglichen Gewässer seiner britischen Heimat zu durchschwimmen, als wäre dies das Natürlichste auf der Welt. Sein „Logbuch eines Schwimmers“ erregte Aufsehen und machte ihn bekannt, gab ihm wohl auch den Ruch eines typisch englischen Exzentrikers. „Als Autor braucht man eine große Leidenschaft, Dinge ändern zu wollen“, schrieb er am Ende von „Wilde Wälder“.

Das Manuskript von „Wilde Wälder“ wurde erst wenige Monate vor seinem Tod fertig, Deakin, geboren 1943, starb im August 2006 an einem Hirntumor, vier Monate nach der Diagnose.

Es gibt die Oberkapitel „Wurzeln“, „Splintholz“, „Treibholz“ und „Kernholz“, aber das darf man nicht eng sehen. In den Kapiteln von „Treibholz“ zum Beispiel erzählt Deakin ebenso von Nachtigallen in Frankreich wie Menschen auf Bäumen auf Lesbos, vom Wildobstwald in Kirgisien wie    von der Karanda-Pflaumen-Jagd in Australien. Um zuletzt – Kernholz – zurückzukehren nach England. Er muss ein ziemlich unerschrockener Reisender gewesen sein, sich gleichsam dem Ursprünglichen aussetzend – soweit das auf dieser Erde überhaupt noch möglich ist. Mahnend zitiert er W. H. Auden: „Eine Kultur ist nur so gut wie ihre Wälder“. Angefixt wurde er als Junge von seinem Biologielehrer Barry Goater, Autor von apart klingenden Naturführern wie „The Butterflies and Moths of Hampshire and the Isle of Wight (Being an Account of the Whole of the Lepidoptera)“.

Goater richtete im New Forest ein Biologie-Camp ein, gab den Kindern Bestimmungsbücher und spezielle Aufgaben für eine Art Volkszählung von Pflanzen und Insekten. Deakin erzählt auch hinreißend davon (Unterkapitel „Der Mottenwald“), wie er als Gast eines Nachts mit der Essex Moth Group, Motten-Gruppe von Essex, im Wald sitzt, wie sie die Tiere mit Licht anlocken, behutsam einfangen und wieder freilassen, sobald sie wissen, was es ist: „Rhombenspanner, Bleigraues Flechtenbärchen, Schattenbinden-Weißspanner, Weißrandige Erdeule, Rauchige Mangoldeule, Dottergelber Mottenspinner“. Immer auch freut den Schreibenden der Klang dieser unglaublichen Namen.

Aber zurück zu den Wäldern. Roger Deakin denkt über den Wald als Kriegsort nach – und wie oft war er dies schon, überall auf der Welt –, auch darüber, dass Schützengräben meist mit Holz ausgekleidet waren. Der Dichter John Masefield zeigte im Ersten Weltkrieg den ihm unterstellten Soldaten, wie man dort sitzt und einen Wanderstock schnitzt. Die Tätigkeit soll geholfen haben, um sie nicht den Verstand verlieren zu lassen. Deakin denkt aber auch über die „Cricketweide“ nach, die es braucht, um ordentliche Cricketschläger herstellen zu können. Und über das Walnussholz und seine Verarbeitung, wie sie für einen Jaguar (das Auto) nötig ist.

Nichts, in das Deakin – „in meinen Adern fließt Baumsaft“ – nicht in Bezug auf Bäume oder Holz oder Holzverarbeitung einzutauchen bereit wäre. Schon vor 3800 Jahren, so hat er herausgefunden, wurde das Pfropfen beschrieben. Und ein deutscher Stadtplaner namens Baum (!) ordnete im 19. Jahrhundert in Alma-Ata (heute: Almaty) an, „dass jeder Einwohner vor seinem Haus fünf Bäume zu pflanzen habe“. Natürlich findet es Deakins Billigung, dass es auf diese Weise heute noch 138 verschiedene Baumarten in Almaty gibt.

Er sorgt sich um den Wald. Zuhause macht er Listen: Wovon es mehr/ Wovon es weniger gibt. Er ist geschockt von der „geschändeten braunen Prärie“ in der Ukraine. Eine „gepeinigte“ Hängeesche im Zentrum des polnischen Przemysl schmerzt ihn. Er reist in die Obstwälder östlich von Dschalalabat, denn aus Kirgisien sollen einst die Ururahnen unserer Apfelbäume gekommen sein. Er reist ins usbekische Ferghanatal, wo es die herrlichsten Walnuss-Bäume gibt: „Die Uygursky-Walnuss ist (...) fast perfekt“. Aber auch da Bedrohung, denn die Bevölkerung wächst, die Sämlinge dafür nicht, weil sie vom Vieh der Menschen gefressen werden. Die großen Walnuss-Wälder, fürchtet Deakin, werden sich nicht mehr erneuern können.

Roger Deakin ist ein Wörter- und Holzschnitzer. Er lässt sich von den Skulpturen David Nashs inspirieren und geht mit der Kettensäge zu Werk. Er baut eine Hütte aus Haselruten. Und selbstverständlich legt er die Hecken auf seinem Grund selbst, obwohl er den Schwarzdorn mit seinen Stacheln ein wenig fürchtet: „Er ist die Viper der Bäume“. Am besten ist der Schriftsteller Deakin, wenn er vom penibel forschenden oder entschlossen zupackenden Deakin erzählt. Und von seinen Sommernächten im Schäferwagen auf einem Holzbett. „Warum übernachte ich draußen im Wagen? Wegen der Regentropfen, die in wilden Rhythmen von den Ahornbäumen und Eschen tröpfeln, dem Hopsen der Vögel auf der feuchten Dachpappe, dem Trommeln der Zweige am stählernen Schornstein. Hier draußen höre ich den Wind in den Bäumen entlang der Cowpasture gähnen.“ Deakin lesend erkennt man: So viel ist uns verloren gegangen.

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