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„Das ist kein dogmatisches Buch“, sagt Hauke Hückstädt.

Einfache Sprache

„Es ist eine große Unhöflichkeit, sein Gegenüber zu unterfordern“

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Gegenwartsliteratur in einfacher Sprache: Hauke Hückstädt, Leiter des Frankfurter Literaturhauses, über das Projekt, über einen barrierefreien Zugang zur Komplexität der Welt und über die fatale Schulfrage: Was will uns der Autor damit sagen?

Hauke Hückstädt, 1969 in Schwedt/Oder geboren, leitet seit 2010 das Literaturhaus Frankfurt. Zuvor war er beim Literarischen Salon Hannover und Chef des Literarischen Zentrums Göttingen. Bevor er mit seiner Familie 1984 in die BRD nach Hannover kam, war Hückstädt ein erfolgreicher Ruderer. Im Westen machte er eine Tischlerlehrer, dann Abitur, dann studierte er Germanistik und Geschichte.

Herr Hückstädt, „Lies! Das Buch“, ein Band mit literarischen Texten in sogenannter einfacher Sprache, scheint mir in eine interessante Lücke zu fallen: auf der einen Seite die Forderung nach Teilhabe, zu der immer auch das Thema Herablassung gehört, wenn nämlich andere das für einen regeln wollen. Auf der anderen Seite die Wut auf das Komplexe, die wiederum die auf den Plan ruft, die sagen: Die Welt ist komplex, das müsst ihr aushalten. Welche Widerstände haben Sie bei diesem Projekt zu spüren bekommen?

Widerstände gab es natürlich sofort. Es waren die üblichen Verdächtigen: der Vorwurf des Niveauverlustes, verbunden mit der Frage, ob ein Literaturhaus sich daran beteiligen sollte. Und: Es gäbe doch gute Kinderbücher. Das waren die beiden Hauptargumente. Und ich bin froh darum. Wir müssen streiten. Das hat uns nicht aufgehalten. Uns ging es selbstverständlich nicht um Niveauverlust, im Gegenteil. Unser Ansatz war, mit zeitgenössischen, etablierten Gegenwartsautorinnen und -autoren einen künstlerisch anspruchsvollen Versuch zu unternehmen, Literatur eigens in einfacher Sprache in die Welt zu setzen.

Also keine „Übersetzungen“ …

Es braucht solche Übersetzungen in einfache Sprache, für kanonische Texte zum Beispiel. Und der oft gehörte Vorschlag, es gäbe doch Kinder- und Jugendliteratur, ist komplett unhaltbar. Warum sollte eine 28-jährige Frau mit Downsyndrom Bücher über Igelfamilien und Ponyhöfe lesen? Desungeachtet ging es auch gar nicht um ein Zielgruppendenken. Literatur in einfacher Sprache ist eine Literatur, die zunächst einmal versucht, niemanden wegzuschicken. Also auch nicht die vermeintlich anspruchsvollen, die Vielleser. Ein Buch, das barrierefrei und für alle interessant ist. Für Leute, die auch sonst alles von Alissa Walser oder Arno Geiger lesen oder die sich fragen: Ist das Dada, ist das Bauhaus, sind das Readymades? Es ist für Menschen mit Behinderungen, aber auch für alle, die nie mit Literatur in Berührung gekommen sind. Mitgedacht ist auch, dass wir ein Einwanderungsland sind. Dass viele unsere Sprache lernen. Und nicht zuletzt hatten wir die Deutschlehrer im Blick, die versuchen, ihrer Realschulklasse jüngste Gegenwartsliteratur zu vermitteln. Mit dieser Anthologie kann man 13 Gegenwartsautorinnen und -autoren auf einen Schlag kennenlernen.

An die Schule musste ich auch sofort denken.

Ich hatte sehr viele Gespräche mit angehenden Lehrerinnen und Lehrern, weil ich das Projekt immer wieder an der Goethe-Universität vorgestellt habe. Das waren angehende Pädagogen, die schon erste Berufserfahrungen hatten. Hier gab es wirklich gar keine grundsätzlichen Fragen oder Zweifel mehr. Die wussten einfach: Das brauchen wir, das ist sehr gut. Wann ist das Buch da? Wann können wir damit arbeiten?

Was für die Beteiligten eine vielleicht sogar spielerische Selbstbeschränkung ist, kann für die anderen die Beschränkung sein, die ihr Leben bestimmt. Das hat niemanden irritiert?

Entscheidend ist, dass die Autoren wie der Herausgeber sich selbst bei den Texten nicht unterfordert fühlen. Ich möchte auch nichts Unterforderndes anbieten. Es ist eine große Unhöflichkeit, sein Gegenüber zu unterfordern, zu unterschätzen. Das liegt mir fern. Vereinfachung hingegen tut mir gut. Einfacher zu sprechen, auch einfacher zu schreiben. Es strukturiert die Gedanken und macht sie klarer, und alle hören lieber zu.

Beim Lesen entsteht ein beeindruckender Kontrast zwischen den auf Dauer etwas nervenden kurzen Sätzen und den gleichwohl äußert unterschiedlichen Tonfällen und Inhalten. Es gibt verklausulierte Geschichten über Rosemarie Nitribitt oder Uwe Barschel. Ulrike Almut Sandig beendet ihre Erzählung mit dem Satz „Die Nacht ist innen hohl.“ Das ist alles nicht ohne. Zumal Sie im Nachwort schreiben: Wir verwenden keine Bilder und wenn, erklären wir sie.

Wir leben mit verhärteten Fronten und haben verlernt, den Kompromiss zu lieben. Es wäre schön, wenn wir ihm wieder mehr Raum geben würden. Der Kompromiss ist in Verruf geraten. Obwohl wir große Koalitionen wählen, die immer Kompromisse machen. Dieses Buch ist ein Kompromiss, es ist kein dogmatisches Buch. Es ist ein künstlerisches Projekt, das Freiheiten lässt. Bei den oft sehr lebendigen Veranstaltungen gab es auch Diskussionen, bei denen Besucher erklärten: Der Abend hat mir gefallen, aber diese oder jene Geschichte war mir zu schwer, die habe ich nicht verstanden. Dann habe ich als Moderator gesagt: Ja, das Daseinsrecht der Literatur ist aber auch, dass sie Zweifel lässt, dass sie Fragen aufwirft und nicht alles beantwortet. Literatur ist keine Klarsichtfolie für das Verstehen von Welt. Das Verstehen eines Textes, das ist eine Kategorie, die aus der herkömmlichen Beschulung kommt.

Ziehen Sie trotzdem Schlüsse daraus, wenn Geschichten in einfacher Sprache nicht verstanden werden?

Jedenfalls nicht den Schluss, dass ich den Autorinnen und Autoren für die nächste Staffel sagen würde: Das müsst ihr noch einfacher machen. Ein Text mit dem Satz „Die Nacht ist innen hohl“, das geht nicht. Im Gegenteil, das muss bleiben. Wir haben alle eingebläut bekommen, man müsse Texte verstehen und erklären können. Was will uns der Autor damit sagen? Was verbirgt sich unter dem Text? Dieser Ehrgeiz, dieser rätselfixierte Umgang mit Literatur ist nicht falsch, aber auch nicht der einzige.

Wobei das Buch das anbietet, man ist sofort am Enträtseln und Interpretieren.

Klar, nur zu. Der Parcours als Ganzes ist anspruchsvoll und soll es sein. Aber die einzelnen Geräte, die einzelnen Sätze und Wörter also, sind einfach und kurz, es gibt wenig Fremdwörter, wenig Metaphern. Kein Text hat mehr als zwanzig Minuten Leseumfang. Aber: Ja, unsere Umgebungen sind komplex. Wir wollen nicht die Welt vereinfachen, nur den sprachlichen Zugang.

Zum Buch:

„Literatur in einfacher Sprache“ ist eine Kooperation mit der Stabsstelle Inklusion in Frankfurt und wird gefördert vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration und der CHAJA Stiftung. Bisher dabei und im Buch vertreten: Henning Ahrens, Nora Bossong, Mirko Bonné, Arno Geiger, Judith Hermann, Olga Grjasnowa, Anna Kim, Kristof Magnusson, Jens Mühling, Maruan Paschen, Ulrike Almut Sandig, Julia Schoch, Alissa Walser. Zum Hören bei Hörbuch Hamburg Osterwold (Ulrike C. Tscharre / Torben Kessler).

Hauke Hückstädt (Hrsg.): Lies! Das Buch. Piper Verlag, München 2020. 288 Seiten, 18 Euro.

Sind die Texte vor den jeweiligen Vorstellungen diskutiert worden? Möglicherweise an die Regeln noch angepasst worden?

Die Texte waren so luzide und gut ausgearbeitet, dass wir keine Grundsatzdiskussionen mehr hatten. Wir haben allerdings vor drei Jahren hier im Literaturhaus die Regeln erstellt, bereits zusammen mit den Autorinnen und Autoren. Damals wurde schon gefeilscht, um die Interpunktion, um den Gebrauch von Fremdwörtern. Und es gab dann auch welche, die sagten: Das tut mir schon weh, wenn da jetzt hinter jedem Satz ein Absatz kommt. Aber da waren wir rigoros. Das Kollektiv hat es mitgetragen.

Haben viele abgesagt?

Eine einzige Autorin hat gleich gesagt: Das ist nicht meins, möchte ich nicht. Ansonsten haben alle, die wir anfragten, sofort zugesagt. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass Autoren wissen: Wenn die Kunst nichts mehr probiert, ist sie am Ende. Sie wissen, dass die Sprache das Labor unserer Möglichkeiten ist, sie haben ein Grundvertrauen in die Sprache, die ja ihr Material ist. Und sie haben das Konzept auch sofort verstanden. Die einen politisch: Ja, ich will an dieser Lesergewinnung teilnehmen, ich habe keine Lust mehr auf Leservertreibung. Andere sagten einfach: Ja, interessiert mich, will ich probieren.

Finden Sie, dass Leservertreibung stattfindet?

Das war die Formulierung eines Autors. Aber ich denke schon, dass das vorkommt. Als Veranstalter und Vermittler gehe ich so weit zu sagen: Jede nicht gut gemachte Veranstaltung kostet uns Leser. Da unsere Seh-, Hör- und Unterhaltungsansprüche gestiegen sind, sind Sachen, die vor zwanzig Jahren vielleicht noch irgendwie schick waren – Autor kommt, grüßt nicht, liest achtzig monotone Minuten und pflaumt zwischendurch die Moderatorin an –, heute unhaltbar. Das ist auch kein Stil, es nutzt niemandem, und es hebt den Text auch nicht auf eine nächste Ebene. Aber selbst Teile der uns so vertrauten und uns prägenden Hochkultur gehörten zu einer Verschließungskultur. Angefangen bei exaltierten Klappentexten, viele davon aus Frankfurter Verlagshäusern.

Hat das Projekt Ihren Blick auf Texte verändert?

Eigentlich nicht. Aber ich glaube, und das gilt wohl für viele Kolleginnen und Kollegen am Haus, dieses Projekt ist die größte Sinnpumpe, die wir bislang in Betrieb setzten. Und es war überfällig. Bei meiner Arbeit, egal in welcher Stadt, wollte ich immer ein heterogenes Publikum finden, sehr unterschiedliche Leute für etwas begeistern. Aber erst vor vier Jahren, sehr spät muss man sagen, ging mir das Licht auf, wie inkonsequent es ist, wenn man diese riesige Gruppe von 16 bis 17 Millionen Menschen, die nicht gut lesen können, einfach nicht mitdenkt. Das hat mich angespornt, es war beglückend, eine Bresche zu schlagen und das auf diesem künstlerischen Niveau. Ein solches Projekt gab es bis dahin nicht, jedenfalls konnten wir keins finden.

Nein, ich auch nicht.

Wir werden diesen Weg auch weitergehen. Die dritte Autorenstaffel haben wir coronabedingt um ein halbes Jahr verschoben, sie geht 2021 an den Start.

Ich dachte eher an Ihren Blick auf Alltagstexte.

Es gibt Ziele, die man selbst ständig unterschreitet. Wir hatten immer den Ansatz, dass unsere Programmtexte in einer wackeligen Straßenbahn lesbar und sofort zu verstehen sein sollten. Das ist uns, das ist auch mir selbst natürlich selten gelungen. Aber man will auch nicht immer konsequent sein. Das Leben ist kein Leistungskurs. Was sich aber tatsächlich verändert hat: Ich bin aufmerksamer, wenn Typographien nicht lesbar sind, weil Kontraste fehlen. Oder wenn die Schrift zu klein ist, wenn Textwüsten entstehen. Nicht dass das neue Themen wären, trotzdem wird es gerne vergessen.

Das Buch ist jetzt auf dem Markt, ein schwieriger Zeitpunkt für Neuerscheinungen. Läuft es gut?

Wir sind in der zweiten Auflage. Es gab Anzeichen dafür, dass es so wahnsinnig gut laufen würde, dass die zweite Auflage schon vor Erscheinen des Buches vorbereitet war. Jetzt hat es aber doch vier Monate gedauert. Das ist ein Dämpfer, auch für mich persönlich. Aber angesichts der wirklich großen Fragestellungen, die die Welt momentan hat, gibt es keinen Grund zu jammern. Klar ist, dass es ein Steadyseller sein wird. Viele Tausend Exemplare sind im Umlauf. In zwei, drei Jahren soll es einen weiteren Band geben. Das Buch hat sich behauptet unter sehr schwierigen Bedingungen. Als Solitär ist es allerdings darauf angewiesen, dass darüber gesprochen wird, dass es weiterempfohlen wird, dass wir und die Autoren dafür arbeiten. Damit haben sie heute aber ohnehin bei jedem Buch zu tun. Zugespitzt gesagt, reicht es nicht mehr, ein gutes Buch zu schreiben. Ein Buch hört nicht damit auf, dass es gedruckt wird, es fängt dann sein Eigenleben an. Das ist das, was wir in den letzten Monaten sehr vermissen: Lesungen, Begegnungen, Gespräche.

Interview: Judith von Sternburg

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