Landidylle in Finnland, vielleicht auch hier trügerisch.
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Landidylle in Finnland, vielleicht auch hier trügerisch.

Henrik Tikkanen „Brändövägen 8“

Eine geglückte Katastrophe

  • Viktor Funk
    vonViktor Funk
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Mit viel Liebe und noch mehr Wut schildert Henrik Tikkanen den Zerfall seiner Familie. Tikkanens Roman „Brändövägen 8“ ist ein viel zu kurzer Klassiker.

Die schlechte Nachricht zuerst: Man muss das Buch viel zu früh aus der Hand legen – es endet nach nur 152 Seiten. Die gute Nachricht: Jede Seite von „Brändövägen 8“ ist lesenswert, man könnte ohne zu übertreiben sagen: fast jeder Satz.

So wie schon die Beschreibung zum „Ersten Teil einer Geschichte, die lehrt, dass wer nicht voraussehen will und nicht zurücksehen kann sich vorsehen muss“.

Oder: „Der Oberklasse eines Landes ist stets am besten mit einer fremden Tyrannei gedient, die das Volk trifft, aber die Privilegien der Besitzenden schützt.“

Und auch: „Als die Jungen größer und kräftiger wurden, schlug er sie nicht länger, und da vermissten sie den einzigen körperlichen Kontakt, den sie je zu ihrem Vater hatten.“ Und so weiter, Seite für Seite.

„Brändövägen 8“ ist ein finnischer Klassiker. Einer, der in schwedischer Sprache verfasst ist. Denn der Autor und Ich-Erzähler, Henrik Tikkanen, war Sprössling aus der schwedischen Elite, die über Jahrhunderte hinweg Finnland geprägt haben. Er zieht diese Elite durch den Kakao, dass einem am Ende des Textes die Bauchmuskulatur vor Lachen schmerzt.

Mit sich selbst geht Tikkanen nicht weniger zimperlich um. Seinen Charakter beschreibt er so: „Da ich einen Vater hatte, der keine Angst vor Stieren kannte, und einen Großvater, der vor nichts Angst hatte, außer vor Großmutter, und eine Großmutter, die vor überhaupt nichts Angst hatte (soweit ich weiß, glaubte sie an Gott), ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich im Lauf der Zeit das am meisten zu schätzen lernte, was ich am wenigsten besaß: Mut.“

Tikkanen schildert seine Familiengeschichte und die Geschichte der reichen schwedischen Familien in Finnland, die vor den Toren Helsinkis auf der Insel Kulosaari ihre eigene abgeschottete heile Welt errichtet hatten. Der Name des Insel lautet auf Schwedisch Brändö, und so verweist der Titel des Buches auf die Adresse der Familie des Erzählers.

Dass Tikkanen so kritisch mit sich, seiner Familie und den Finnlandschweden ins Gericht geht, mag auch daran liegen, dass sein Ziehvater und seine Mutter aus dem inneren Kreis der Elite herausgefallen waren. Der Vater hatte sein Geld verzockt und musste als Teppichhändler arbeiten. Die Affären der Mutter brachten mit der Zeit keine sozialen Vorteile, weil sie nicht mehr mit einem Minister verkehrte, sondern sich einem einfachen Soldaten hingab. Das gehörte sich aber für eine Frau aus der Elite nicht.

Tikkanen hatte also nichts zu verlieren, als 1975 sein Buch erschien. In der Kunst hatte er eh mehr Sinn für sein Leben gesehen denn im Vermehren von Geld. Auf sich selbst bezogen, schreibt er im Roman: „In einem Bleistift stecken Möglichkeiten zum ewigen Leben. Für diese Entdeckung bin ich der netten Vera dankbar, sie war viel wertvoller für mich, als wenn ich ihre ganze Brauerei geerbt hätte.“

Das Drama, über das der Leser lacht, ist aber nicht nur der Untergang einer Familie. Es ist auch die Sehnsucht eines Kindes nach einer tiefen Beziehung zu seinem Vater, die Tikkanen immer vermisst hat. Es ist einiges schief gelaufen in Tikkanens Leben. Aber Tatsache ist: Ohne die Katastrophen gebe es dieses großartige Buch nicht.

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