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Erika und Thomas Mann im Londoner Savoy, 1947. Der Schriftsteller und seine Tochter sind für eine Vortrag angereist.

Thomas Mann

Eine Familie für den Zauberer

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Eine fabelhafte Auswahl vereinigt auf 17 CDs O-Töne von Thomas, Katia, Erika, Klaus, Golo, Monika, Michael und Elisabeth Mann.

Was hat man dem Zauberer nicht alles vorenthalten. Immer wieder steckte die Familie Mann die Köpfe zusammen und beriet, ob Thomas Mann mit dieser oder jener Nachricht wirklich bedrängt werden sollte. Er sollte ja in Ruhe schreiben können. So hob man die Neuigkeit, dass der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, lieber für einen späteren Zeitpunkt auf, damit er im Schreibfluss an seinem Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ nicht gestört würde. Besonders Ehefrau Katia war ein Firewall. Thomas Mann wusste weder, dass man ihm die halbe Lunge bei einer Operation weggeschnitten hatte, noch, einige Jahre später, dass er im Sterben lag.

Den Sound der Familie Mann kann man nun in 1316 Minuten auf 17 CDs erleben. Alle Manns sind darauf im O-Ton zu hören: neben Thomas und Katia auch Erika, Elisabeth, Monika, Klaus, Michael und Golo. Eine zusätzliche DVD mit Filmaufnahmen der Familie rundet das einmalige Porträt ab.

Es ist eine Reihe von Vorträgen und Radio-Interviews, die dem Hörer eine Vorstellung über das Leben der Familie vermitteln. So darf man staunen über die Aktualität der Diskussion zwischen Erika Mann und dem Philosophen Theodor W. Adorno über das Thema Emigration aus Europa, etwa darüber, wie stark der Kontrast zwischen den USA und Europa wahrgenommen wurde. Adorno und Erika Mann verbanden mit diesem Europa, aus dem sie schließlich vertrieben worden waren, heimatliche Gefühle. Besonders das Echo der Schritte in den engen Straßen von Paris, sagt Adorno, habe bei ihm solche aufkommen lassen. Denn so etwas gebe es in Amerika nicht: „Dort nimmt man einfach das Auto.“ Deutlich zeigt sich, wie sehr das Thema Emigration einmal – das wird heutzutage allzu leicht vergessen – ein sehr deutsches war. Erika Mann berichtet, dass selbst ihre berühmte Familie in der Fremde zunächst arm gewesen sei: „Wir hatten nichts.“

Gelogen wurde auch – was verständlich ist. So schildert Erika ihren Vater als einen gütigen Mann – und unterschlug dabei, dass die Kälte zwischen ihm und den Kindern zu schweren mentalen Belastungen des Nachwuchses führte. So galt Golo immer als der hässliche Zwerg, Monika als die Dumme, und über Michael Mann konnte man sich nur erschrecken, als er eines Tages ohne ersichtlichen Grund seinen Hund tötete. Einige Jahre später attackierte er die Schwester des Meister-Geigers Yehudi Menuhin – und zerstörte damit seine Karriere in den USA.

Erika Mann, eine wunderbare Erzählerin, führt die Hörer auch in das Lieblingssujet der Familie ein: die Schauspielerei. Ihr Vater habe eigentlich überhaupt kein Englisch gekonnt, „ein bisschen Schulenglisch“ vielleicht, berichtet sie. Dennoch musste er in den USA viele Vorträge halten, um Geld zu verdienen, und auch, um den Amerikanern politisch die Wichtigkeit des Kampfes gegen Nazi-Deutschland zu vermitteln. Die Texte wurden hierfür auf Deutsch vorgeschrieben, von einem Übersetzer ins Englische transformiert und dann von seiner Tochter Erika mundgerecht bearbeitet.

So trug Thomas Mann vor amerikanischem Publikum auf Englisch vor – ohne die Sprache richtig zu verstehen. Die Fragerunde hingegen war Teil solcher Auftritte – und damit auch des Schauspiels. Hier antwortete Erika und übersetzte, was ihr Vater ihr vermeintlich ins Ohr flüsterte. Auch das ein Spiel – „aber das liebte er ja so sehr“, sagte sie. Aufgefallen sei es niemandem.

Auf einer weiteren Aufnahme ist Thomas Mann zu hören, wie er eine Neujahrsansprache an die Welt hält. Es ist das Jahr 1929, und er warnt vor den Dummheiten der Menschen, „bei denen ein intelligenter Hund zu heulen anfangen würde“. Ja, er beschwört geradezu die Gefahren, die er aufziehen sieht. Die Gesellschaft stehe am Abgrund. Nur wenige Jahre später sollte sich dies bewahrheiten, als die Nationalsozialisten die Macht im Land übernahmen und Thomas Mann sein Haus in München verlassen musste. Er ging mit seiner Familie ins Exil.

Auch Sohn Klaus ist zu hören, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg als Reporter im Dienst der Armee von General Clark aus Deutschland berichtet und Hermann Göring eine Frage stellt: „Ist Hitler tot?“ Göring soll zusammengezuckt sein. Überdies sah Klaus Mann den Generalfeldmarschall als mittelmäßig großen Mann, an dem nichts besonders, nicht einmal etwas Erschreckendes sei. Golo Mann wurde von den Briten angeworben, um durch Argumente den Deutschen die Kriegslust zu nehmen. So warnte er in Radiosendungen der BBC die Deutschen vor den verheerenden Zerstörungen, denen das Ruhrgebiet bald ausgesetzt sein werde.

Reden, Ansprachen und sogar unbekannte Interviews findet man in dieser Sammlung. Die Herausgeber Robert Galitz und Kurt Kreiler haben die entlegensten Archive durchforstet. So konnten sie Neues mit bereits Bekanntem kombinieren. Die Lust auf mehr wächst quasi mit jeder CD.

Die Familienmitglieder sprechen darüber, wie Thomas Manns Bücher so gut wie immer auf persönliche Erlebnisse des Zauberers zurückgingen. Katia Mann führt dies anhand von „Der Tod in Venedig“ aus. Die polnische Familie, um die es hier geht, habe sich später sogar gemeldet. Man sei doch überrascht, dass man aufs Haar genau Gegenstand eines Buches geworden sei. In Lübeck nahm die Bürgerschaft Thomas Mann sein Meisterwerk „Buddenbrooks“ über Jahrzehnte übel. Erst zum Lebensende wurde Mann zum Ehrenbürger ernannt.

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