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Eine Erfolgsgeschichte

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Von: Arno Widmann

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Der Schriftsteller John Berger erzählt vom grauen Star und von der Angst und zeichnet zwei ganz unterschiedliche Stiefmütterchen.

Links kurze Texte, rechts Zeichnungen. So sieht das Büchlein aus. Es beginnt, nachdem der graue Star des linken Auges operiert wurde. Es endet, als Berger, nachdem auch der des rechten Auges entfernt wurde, wieder sehen kann: „Die vertraute Vielfalt der Welt ist wiedergefunden. Es ist wie ein Wunder. Und beide Augen, vor denen der Schleier gefallen ist, registrieren Staunen, wieder und wieder.“ Das ist der letzte Eintrag. Davor zeigt Berger uns, dass die Augen nicht nur operiert werden. Er muss sie auch trainieren, muss wieder lernen, sie zu nutzen. Es geschieht nicht nur etwas mit ihm. Er tut auch etwas. Die Zeichnungen zu seinen Texten stammen von Selcuk Demirel. Schöne, zwar spielerische, aber doch immer auch – mir gar zu sehr – bedeutungsvolle Arbeiten, aber gerade darum fallen zwei Bilder auf.

Plötzlich blau und grün

Es sind Zeichnungen John Bergers. Stiefmütterchen. Sie sind datiert. Die eine Zeichnung machte er am 24. 3. 2010, die andere am 31. 3. 2010. Die eine vor, die andere nach der letzten Operation. Das erste Stiefmütterchen hat kaum Farbe, die Blüte scheint neben dem Stängel zu stehen. Beim zweiten stemmt sich eine riesige blaue Blüte aus einem grünen Stängel.

Diese beiden kleinen, harmlosen Zeichnungen haben etwas Ergreifendes. Sie zeigen, wie sehr die Welt, in der wir leben, abhängt von der Welt, die wir wahrnehmen. Es sind Zeichnungen, die einem die Angst nehmen könnten, die ja meist nichts anderes als ein grauer Star, der sich zwischen uns und die Welt schiebt, und eine Wahrnehmungstrübung bewirken. Man kann ihn operieren. Vielleicht wird man uns auch einmal die Angst nehmen können, so dass wir amtliche Briefe öffnen werden und den Katastrophen rechtzeitig auszuweichen vermögen. Vielleicht gibt es Hoffnung, dass der Mensch das Stadium des 24. 3. 2010 einmal hinter sich lässt und den 31. 3. 2010 erreicht.

John Berger: Vom Wunder des Sehens, Zeichnungen von Selcuk Demirel. Aus dem Englischen von Alex Bischoff. Unionsverlag 2014. 69 S., 12,95 Euro.

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