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Bildausschnitt: "Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis" von Jan Brueghel dem Jüngeren (1601-1678).

Dipesh Chakrabarty: "Europa als Provinz"

Eine eigene Geschichte

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Der Mitbegründer der "subaltern studies" eröffnet Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Seine vor zehn Jahren erstveröffentlichte Aufsatzsammlung liegt nun endlich auch auf Deutsch vor.

Die Parole „provincializing Europe“ hat Dipesh Chakrabarty schon vor zehn Jahren ausgegeben. Damals erschien die gleichnamige Aufsatzsammlung auf Englisch. Die Parole war damals schon einleuchtend, bevor man das Buch aufgeschlagen hatte. Heute betreiben mehr noch als postkoloniale Theoreme oder Ideologien die Wachstumszahlen der indischen und der chinesischen Wirtschaft die Provinzialisierung Europas. Dipesh Chakrabarty gehörte in den 80er Jahren zu den Mitbegründern der „Subaltern Studies“, die eine wichtige Rolle bei der Emanzipation der asiatischen Historiker von der Europa-orientierten Geschichtsschreibung spielten.

„Provincializing Europe“ war in den 80er Jahren, ja noch im Jahre 2000, eine Arbeit des Intellekts. Es ging darum zu begreifen, wie sehr die Wahrnehmung der eigenen Gesellschaft, der eigenen Geschichte geprägt war vom europäischen Blick auf sie. Wie sehr man also, auch noch mehr als eine Generation nach dem Ende der Kolonialherrschaft sich mit den Augen des Kolonialherrn betrachtete. Das galt – und das gab der Kritik ihre Schärfe – auch für die linke Kritik am Kolonialismus. Die „Subaltern Studies“ versuchten eine Geschichte von unten. Um die von oben zu stürzen.

Inzwischen hat die Weltgeschichte sich so weit verschoben, dass der Gedanke, Europa in eine Provinz zu verwandeln, seine Position total verändert hat. Damals war er ein Aufschrei, endlich den rassistischen Blick aufzugeben und die Weltgeschichte als Weltgeschichte zu sehen statt als Ausbreitung der europäischen auf die Welt. Heute klingt die Parole „provincializing Europe“ wie die Begleitmusik zu einem vor aller Augen sich rapide abspielenden Vorgang. Der Gedanke ist nicht mehr antikonform, sondern steht stromlinienförmig im Zeitgeschehen.

Verblüffend unschuldig

Das bedeutet aber auch, dass die jetzt auf Deutsch erscheinenden Aufsätze verblüffend unschuldig und scheu daherkommen. Der Gedanke, dass die Zukunft Asien gehören wird, dass darum die Geschichte die Geschichte des Aufstiegs Asiens und nicht etwa die Europas sein wird, fehlt so gut wie ganz in diesen Texten. Wie es überhaupt zwar nicht an Schärfe und einer sich klar artikulierenden Bitterkeit fehlt, aber Chakrabarty doch jeder Triumphalismus fernliegt.

Der Leser, der sich diesen Hintergrund nicht klarmacht, wird enttäuscht sein, wenn er den zentralen Text der Sammlung „Europa provinzialisieren: Postkolonialität und die Kritik der Geschichte“ aufschlägt. Chakrabarty beginnt mit ganz elementaren Beobachtungen: Die europäischen Historiker kommen bei ihren Versuchen, die Geschichte zu verstehen überwiegend ohne auch nur die einfachsten Kenntnisse der Geschichte anderer Weltgegenden aus. Von einem Historiker aus Kalkutta oder Peking dagegen wird selbstverständlich erwartet, dass er wenigstens in Grundzügen den Gang der europäischen Geschichte kennt. Man erkennt daran, so Chakrabarty, dass für die Europäer und in ihrem Gefolge auch für die Nichteuropäer Europa der stillschweigende Maßstab der Geschichte ist.

Chakrabarty erinnert an die Anstrengungen, die ganze Historikergenerationen nicht nur in Indien unternahmen, um zum Beispiel die Begriffe „bürgerlich“ und „kapitalistisch“ zur Beschreibung der indischen Gesellschaft zu benutzen. Als handele es sich dabei um globale Gegebenheiten. „Provincializing Europe“ hieß damals, die europäische Entwicklung ist die europäische Entwicklung. Punkt. Wer die indische, die chinesische, die malaiische untersuchen möchte, der muss Begriffe aus den dortigen Gegebenheiten entwickeln.

Textbücher für Anti-Globalisierungsgesänge

„Provincializing Europe“ war der Versuch, der kolonialistischen und der postkolonialistischen Globalisierung eine eigene Geschichte entgegen zu halten. Das Programm „provincializing Europe“ sollte Europas Globalisierung als einen gescheiterten Traum, als das Geschöpf eines realitätsblinden, mörderischen Ehrgeizes entlarven. Das tat es, und das tun diese Texte noch immer.

Wer sie aber heute liest, dem wird noch etwas anderes auffallen: Sie sind geschrieben, als wären sie Textbücher für die Anti-Globalisierungsgesänge jener Jahre. Eine Zeit, in der – jedenfalls in den Köpfen – Globalisierung immer von Nord nach Süd, von West nach Ost ging. Die Vorstellung, dass es bald umgekehrt sein könnte und Asien Europa ganz real zu einem Provinzmarkt machen könnte, fehlt hier noch ganz. Die Radikalität seiner Parole schießt weit über das hinaus, was Chakrabarty an Begriffs- und Fachkritik leistete. Wer etwa die hilflos allgemeinen Abschnitte über die Vernunftkritik in einem postkolonialen Verständnis von Geschichte liest, der spürt die Verzweiflung, mit der hier alles angekarrt wird, womit „Europa“ am Zeug geflickt werden könnte.

Es ist gut, dass Chakrabartys Studien jetzt auch auf Deutsch vorliegen. Sie gehören ins Handgepäck eines jeden historisch interessierten Menschen. Man sollte ihren historisierenden, relativierenden Blick nutzen auch bei der Lektüre von Chakrabartys eigenen Texten.

Dipesh Chakrabarty: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Deutsch von Robin Cackett. Campus Verlag 2010, 224 Seiten, 24,90 Euro.

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