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Hermann Müller vor dem Völkerbund in Genf, 7. September 1928.

"Der tragische Kanzler"

Eine eher untypische Erscheinung

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Peter Reichel schreibt über den SPD-Politiker Hermann Müller und zugleich über die Tragödie der Weimarer Republik.

Ob Hermann Müller tatsächlich, wie der Titel von Peter Reichels „politischer Biographie“ über den Weimarer Sozialdemokraten verkündet, ein „tragischer Kanzler“ oder gar „tragischer Staatsmann“ (Werner Conze) gewesen ist, sei dahingestellt. Gestürzt und „verraten“ wurden Legionen von Politikern, und auch wenn sie einiges auf der Habenbilanz ihres Tuns verbuchen konnten, hat die Nachwelt sie in der Regel vergessen. Auch für die meisten Kanzler und Ministerpräsidenten der ersten deutschen Republik gilt dies. 

Hermann Müller war ein Politiker des Ausgleichs

Sicher, Müller war innerhalb der deutschen Sozialdemokratie in den Jahren zwischen 1906 und 1930 eine der herausragenden Figuren. Neben Friedrich Ebert hat er nach August Bebels Tod die wichtigen Positionen in der SPD besetzt. Hermann Müller, 1876 in Mannheim geboren, stieg vom langjährigen Parteisekretär zum Fraktions- und Parteivorsitzenden auf, wurde in dramatischen Monaten der Friedensverhandlungen und eines um das politische Überleben ringenden Deutschland für kurze Zeit Chef des Auswärtigen Amtes und übernahm zweimal in den Jahren der Republik das Amt des Reichskanzlers. 

Ein Politiker des Ausgleichs und ein gewiefter Parlamentarier war er, ein mutiger Patriot, der mit seiner Unterschrift unter den Vertrag von Versailles eine Verantwortung übernahm, vor der sich die eigentlichen Verursacher der deutschen Katastrophe von 1914 feige drückten. „Ein Agitator wie Liebknecht oder ein Schauspielerpolitiker wie Scheidemann ist Hermann Müller nicht“, hält Reichel fest. „Er überzeugt durch Kenntnis, kommunikativen Charme, leidenschaftliche Sachlichkeit, Realitätssinn und Verantwortungsbewusstsein.“ 

Im Zentrum von Reichels überaus interessanter Darstellung steht nicht das Leben  Müllers, sondern das Ringen und Scheitern der SPD, die sich – wie alle Weimarer Parteien – unfähig zeigt, einen fundamentalen Überlebensgrundsatz der Demokratie zu akzeptieren: den Willen zum Kompromiss. Das ist neben der Agitation der Republikfeinde die wirkliche Tragödie der Weimarer Republik.

Über den Herbst 1923, in dem die SPD – wegen der Entscheidungen der von Gustav Stresemann geführten Regierung im Kampf gegen die rechten und linken Radikalen in Sachsen und Bayern – die Große Koalition stürzt, konstatiert Reichel: „Viel weiter als über den Tellerrand ihrer Organisation kann die SPD immer noch nicht sehen. Ihr Spaltungstrauma hat sie nicht überwunden, den inneren Zusammenhalt stellt sie über alles.“ Friedrich Ebert, sozialdemokratischer Reichspräsident, ist entsetzt vom Verhalten seiner Genossen: „Was Euch veranlasst, den Kanzler zu stürzen, ist in sechs Wochen vergessen, aber die Folgen Eurer Dummheit werdet Ihr noch zehn Jahre lang spüren.“ 

Diese Haltung der SPD – erst die Partei, dann die Republik – bleibt bis zum Ende der Weimarer Jahre eines ihrer Markenzeichen. Schon 1928 verspielt sie ihren gerade errungenen großen Wahlsieg durch den innerparteilichen Streit über den völlig unwichtigen und lange vorher beschlossenen Bau eines Panzerkreuzers. Ihren eigenen Kanzler Müller wird die Fraktion im März 1930 stürzen, weil sie nicht bereit ist, einer Erhöhung der Arbeitslosenversicherung von schließlich weniger als einem Prozent zuzustimmen. Reichel zitiert das „Berliner Tageblatt“ mit der zutreffenden Bemerkung: „Es ist unbestritten die Sozialdemokratie, die durch ihren Beschluss den Rücktritt des Kabinetts der Großen Koalition erzwungen hat.“ 

Mit Müllers Sturz beginnt die Zeit der Kabinette von Hindenburgs Gnaden, und nur ein halbes Jahr nach dem Ende der Großen Koalition erringen Hitlers Nationalsozialisten im September 1930 einen Erdrutschsieg.

Reichel verschweigt nicht, dass auch Hermann Müller in diesen Jahren bei mancher Entscheidung die Parteiräson über das Wohl der Republik gestellt hat. Aber in vielen wichtigen Fragen stellt er sich gegen seine Fraktion, weil er in entscheidenden Augenblicken fähig ist, das Ganze zu sehen und die Folgen parteipolitischer Intrigen und Machtkämpfe klüger zu analysieren als viele seiner intellektuellen Genossen. 

Reichel schreibt eine politische Geschichte der damaligen Zeit

Reichel beklagt, dass Müller in den Geschichtsbüchern häufig als „gescheiterter, schwacher Kanzler“ dargestellt wird. Nicht zuletzt, weil seine eigene Partei in der Aufarbeitung ihres Verhaltens in den Weimarer Jahren Müller „stillschweigend eine Mitverantwortung für das (zuschreibt), woran sie selbst nicht gerne erinnert wird“.

Die Bilanz des Historikers trifft die Persönlichkeit des Politikers und Menschen Hermann Müller recht genau: Er „war kein Karrierist, kein Machtmensch, kein Agitator, keiner, der die Massen durch mitreißende Reden mobilisieren konnte und sich dabei selbst wirkungsvoll in Szene setzen. Er war eher eine untypische Erscheinung, ein bescheidener, uneitler Mensch.“ Auch Reichels politische Einordnung ist keineswegs übertrieben, wenn er schreibt, dass „es dem Politiker Müller weit mehr gerecht (würde), gemeinsam mit Stresemann als Wegbereiter einer neuen, europäischen Versöhnungs- und Außenpolitik anerkannt und geachtet zu werden“.

Reichel hat weniger eine Biografie als die politische Geschichte einer Zeit geschrieben, in der sein „Held“ in herausgehobener Funktion tätig war. Nebenbei ist es eine Darstellung von höchster Aktualität. Während in unseren Tagen wieder längst gesichert geglaubte Grundsätze der Demokratie und der Aufklärung in Frage gestellt werden, erneut politische Rattenfänger unter dem Beifall ihrer pöbelnden Anhänger mit Lügengeschichten hausieren gehen, bekriegen sich Berlins Parteipolitiker, als ob es nicht um den Bestand der Republik ginge, sondern nur um ihr eigenes Überleben. Berlin ist nicht Weimar, aber wiederholt sich Geschichte wirklich nicht?

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