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Ivo Andric im Refugium seiner späten Jahre, in Herceg Novi an der montenegrinischen Küste. 

Literaturnobelpreis

Eine Biografie zu Ivo Andric: Diplomat, Opportunist, Schriftsteller

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Michael Martens schilder in einer glänzenden Biografie das Leben und Wirken des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andric.

Jugoslawien, das Land, dem sein Herz gehörte, gibt es nicht mehr. Wer sein berühmtestes Werk liest, „Die Brücke über die Drina“, muss als erstes eine extrem grausame Eingangsszene überstehen. Aus Bosnien, dem Land, aus dem er stammte und aus dessen Geschichte er seine Stoffe holte, ist eine Metapher für das Unglück geworden. Das sind auf den ersten Blick keine Gründe, sich mit Ivo Andric (1892-1975) zu befassen. Schaut man aber genau hin, wie Andric und sein Biograf es tun, löst der emotionale Schutzwall aus Begriffen und exotischen Bildern, den wir uns gegen Bosnien, den Balkan, den Osten gebaut haben, sich auf, und der Blick wird frei auf das, was der Untertitel verspricht: Ein europäisches Leben.

Nach einer wohl etwas einsamen Kindheit bei Zieheltern in der Kleinstadt Višegrad nahe der Grenze zu Serbien erwartete den Sohn einer Arbeiterin und eines früh verstorbenen Vaters eine turbulente Welt. Bosnien, noch von jahrhundertelanger osmanischer Herrschaft geprägt, wurde vom fremden Wien aus regiert. Gleichzeitig beherrschte der nationale Gedanke den ganzen Kontinent.

Ivo, Kind katholischer Eltern, galt – und verstand sich – als Kroate, er wuchs aber in einer meist muslimischen Umgebung auf und sympathisierte mit Serbien, dem souveränen Königreich jenseits der nahen Grenze. Der Junge besuchte das einzige Gymnasium des Landes in Sarajevo und kam dort auch Schulkameraden in Berührung, die später mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg auslösten; Ivo Andric selbst war nicht beteiligt.

Mit der Macht kam der spätere Nobelpreisträger (von 1961) so eng in Berührung wie kaum ein Schriftsteller von Rang, in der Region wie anderswo. Im „ersten“, königlichen Jugoslawien der Zwischenkriegszeit durchlief der stille, diskrete Mann eine Diplomatenkarriere, die ihn bis ins Amt des Vizeministers führte und fast noch weiter geführt hätte. Er blieb seinem Selbstverständnis nach ein Beamter; loyal und diszipliniert, präzise und unaufdringlich, dabei stets auf sein Fortkommen bedacht. Die Laufbahn brachte es mit sich, dass er allerlei Szenarien zu entwerfen hatte, darunter auch ein menschenrechtsfeindliches: die Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo. Als Gesandter in Berlin traf er Hitler, Göring, Ribbentrop und oft Ernst von Weizsäcker, den Vater des späteren Bundespräsidenten. Er entledigte sich der Aufträge comme il faut.

Dass die hohen Nazis einen glänzenden Eindruck von dem perfekt deutsch sprechenden Diplomaten hatten, spreche für seine Geschicktheit und seinen feinen Sinn, sagt aber nichts über seine Gesinnung aus, befindet sein Biograf Michael Martens. Er stellt den ersten, den diplomatisch handelnden Andric behutsam gegen den zweiten, nur beobachtenden und schreibenden, der nach der deutschen Besetzung Belgrads 1941 zurückblieb, ohne zwischen beiden einen Widerspruch zu konstruieren.

Dass Andric im ideologischen Kampfgetümmel Jugoslawiens bis weit nach seinem Tod immer wieder zwischen die Fronten geriet, muss einen nicht wundern; schließlich diente er einem Regime, das bei Freund und Feind noch im Rückblick starke Gefühle hervorrief. Als Politiker, der er angesichts seiner hohen Stellung doch irgendwie war, wurde er später von interessierter Seite als Großserbe, Jesuit, Islamhasser und Kommunist gedeutet. Aber im Reich des Willens fand Andric sein Leben lang keine Heimstatt.

Der mindeste Vorwurf, der ihm galt, Opportunismus, traf ihn nicht, auch wenn sein wohlwollender Biograf ihn seinem Helden nicht ganz ersparen will. Für sich selbst entzog Andric sich Ansprüchen und Einordnungen wohl ähnlich wie der ebenfalls umstrittene Weimarer Finanzminister Goethe. Dessen Egmont wollte keine Ziele erreichen, nur „mutig gefasst die Zügel festhalten“ und „bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder weglenken“, wenn, wie sie es dann besonders im 20. Jahrhundert taten, die „Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksal leichtem Wagen“ durchzugehen drohten.

Michael Martens, seit langen Jahren Korrespondent in der Region, zeigt sich mit seinem glänzend geschriebenen, sorgfältig komponierten Buch dem Diplomaten wie dem Schriftsteller gleichermaßen gewachsen. Seine historischen wie ästhetischen Urteile muss man nicht alle teilen, um sich an ihnen durch das Leben und das Werk des großen Nationalepikers zu hangeln. Elegant zieht Martens Parallelen zu Thomas Mann, einem anderen steifen Beobachter, den man leicht ebenfalls für einen Beamten hätte halten können.

Mit der gebotenen Distanz erörtert er Andrics Liebesleben. Man lernt das literarische Belgrad kennen und stellt fest, dass es viel Unbekanntes zu entdecken gibt, der Betrieb aber nicht anders funktionierte als zur gleichen Zeit in Wien oder Paris. Angemessen dosiert fließen Forschungsliteratur und Archivfunde in den Erzählstrom ein; ein Kunstwerk, ganz im Gestus des großen Erzählers selbst.

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