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Eisbär Knut im Berliner Zoo, 2009, einer der Erzähler in "Etüden im Schnee" von Yoko Tawada.
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Eisbär Knut im Berliner Zoo, 2009, einer der Erzähler in "Etüden im Schnee" von Yoko Tawada.

Yoko Tawada: Etüden im Schnee

„Eine Autorin sollte nie nackt arbeiten“

Yoko Tawada lässt in ihrem verblüffenden und virtuosen Roman „Etüden im Schnee“ migrierte Eisbären verschiedener Generationen zu Wort kommen. Eine erfolgreiche Moskauer Artistin, die später nach Kanada auswandert, eine Balletttänzerin, die zum Zirkus geht, als ihr eine Rolle in Schwanensee verweigert wird, und schließlich der berühmte Knut.

Lebt das Tier bekleidet, sprechend, alphabetisiert und erwerbstätig unter Menschen, wird es gleichwohl ein Außenseiter bleiben. Es wird allerdings besser zurechtkommen, als wir (wir Menschen) ihm zugetraut hätten.

Anhand dreier Eisbären aus drei Generationen schildert die schon lange in Berlin lebende, teils weiter auf Japanisch, hier aber auf Deutsch schreibende Schriftstellerin Yoko Tawada das in ihrem neuen Roman „Etüden im Schnee“. Einem Buch voller Überraschungen, auch wenn bald klar ist, dass die Familienlinie zum berühmten Knut hinläuft, dem die dritte „Etüde“ gewidmet ist. Zuvor geht es um seine Großmutter und seine Mutter.

„Etüden im Schnee“ ist ein etwas bizarrer Name, wenn man bedenkt, wie weit Tawadas Eisbären vom Nordpol entfernt sind. Vielleicht auch ein kleiner Spaß der Autorin, weil der vom Verlag gewählte Titel der durchschlagenden Autobiografie der Großmutter, „Applaussturm für meine Tränen“, die Bärin zutiefst empört. Weil er nicht stimmt: Eisbären weinen nicht.

Keiner der drei Eisbären erwägt eine Rückkehr ins Eis, obwohl sie Kälte lieben und von ihr träumen. Auch wäre es keine Rückkehr, so wenig, wie der Umzug eines Migranten aus der dritten Generation in das Herkunftsland der Großeltern. Tawada interessiert sich für ein Leben, das sich in der Entfremdung einrichtet. Vor allem die Frauen sind erfolgreich, für Knut stellt es sich schwieriger dar. Alle drei kommen ins Showbusiness, vor dem Tawada gemeinsam mit den Bären großen Respekt zeigt (Tierschützer im Roman sehen es anders). Den Zirkus präsentiert Tawada als angestammte Heimat des Außenseiters. In Moskau feiert die Großmutter als Artistin unerhörte Erfolge. Mit ihrer Autobiografie gerät sie zwischen die politischen Fronten. Als ein Mensch verletzt wird, hätte es zudem eng für sie werden können. „Normalerweise hätte man mich erschossen, aber glücklicherweise versetzte man mich als Bürokraft in die Verwaltung.“ Später entschließt sie sich mit ihrem Mann zur Auswanderung nach Kanada. Dort schult sie auf Krankenschwester um, bleibt aber unruhig. Das Paar zieht in die DDR.

Auch ihre Tochter Toska, die gerne zum Ballett gegangen wäre, aber keine Rolle in „Schwanensee“ bekommt – obwohl an ihrer Befähigung kein Zweifel ist –, schließt sich notgedrungen, aber hochmotiviert einem Dressurakt an. Wie ist das alles nur möglich? Yoko Tawada überspringt, was sie am Weitererzählen hindern könnte. Sie bestimmt, was ihre Eisbären können, auch mit wem sie sprechen oder wann und wie sie mit einem schönen Mont-Blanc-Stift ihre Memoiren schreiben, auch wenn die auslaufende Tinte des zu grob angefassten Schreibers „meinen weißen Bauch verfärbte. Es war ein Fehler, dass ich mich wegen der Hitze ganz ausgezogen hatte. Eine Autorin sollte niemals nackt arbeiten“.

Alle Eisbären erzählen selbst, alle drei passen sich ihrer Umgebung an, was bei einem Eisbären, Yoko Tawada hat glänzend gewählt, im Grunde unmöglich ist. Fulminant führt die Autorin immer wieder an den Punkt, wo der Geruchssinn, das Befremdet-Sein über den Menschen (wie kann er als Fluchttier so angriffslustig sein?), auch der eigene Überlebensinstinkt einsetzen. Der Nachname Jäger kommt der Bärin gleich „gemein und listig“ vor, ein Tschechow-Stück behagt ihr. „Die Aufführung war köstlich, besonders schmackhaft erschien mir die tote Möwe auf der Bühne.“

Knut leidet darunter, dass er nichts gelernt hat

Die Außerkraftsetzung herkömmlicher Mensch-Tier-Verhältnisse wird bei der Großmutter am weitesten getrieben. Dass sich Toska mit Dompteurin Barbara im Traum verständigt, ist mystisch, aber doch enttäuschend, weil die flirrendsten Passagen die unerklärten sind. Allerdings wird auch hier die Grenze ins Fantastische (Normale) souverän überschritten. Als der DDR-Zirkus nach der Wende in Auflösung ist und Toska in einen Zoo soll, bleibt sie gelassen: „Ich fühlte mich noch jung genug, um mich der gesellschaftlichen Veränderung anzupassen, kaufte mir einen Computer und schlug Barbara vor, E-Mail-Kontakt zu pflegen ... .“

Knut schließlich laboriert daran, nicht mehr ausgebildet zu werden. Er gerät in Verlegenheit, als er begreift, dass das Publikum Kunststücke von ihm erwartet. Er ist bekanntlich ein Naturtalent. Den unglücklichen Verlauf seines Lebens hat der Leser stets vor Augen. Eisbären sind tapfer, aber den Umständen ausgesetzt.

„Etüden im Schnee“ ergänzt die leider selten bedienten Gattung der Geschichten von sprechenden Tieren um ein besonders originelles, humorvolles, letztlich auch elegisches Exemplar.

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