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Die Leipziger Buchmesse, so etwas wie die kleine Schwester der Frankfurter Buchmesse, tritt mehr und mehr aus dem Schatten heraus.

Diskussion

Einbruch der Wirklichkeit

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20 Jahre nach der Wiedervereinigung debattieren Leipziger und Frankfurter im Naturmuseum Senckenberg über das Verhältnis von Ost und West

Stumm blickten die Dinosaurier herab. Auf die Menschenschar, die sich da zu ihren Füßen versammelt hatte, um über ihr Land zu diskutieren, knapp zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung seiner beiden Teile. Im Frankfurter Naturmuseum Senckenberg schaute wiederum dessen Direktor Volker Moosbrugger nachdenklich auf die Skelette: „Wer aus der Geschichte nichts lernt, den bestraft das Leben.“

Aber die Teilnehmer der Diskussionsrunde „Ost und West im Dialog“, veranstaltet von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, hatten alle gelernt aus 20 Jahren Einheit – nur ganz Unterschiedliches. Allen voran der CDU-Politiker selbst, dessen Fazit nach wenig mehr als einer Stunde lautete: „Alles in allem war die Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte.“ Da erntete er dann doch Widerspruch von den Repräsentanten der Partnerstädte Leipzig und Frankfurt am Main, die Buchkultur und Messewesen debattierten.

Am energischsten trat die Leipziger Computer-Unternehmerin Petra Löschke auf, die vor der Wende beim Rat der Stadt gearbeitet hatte. Sie forderte vom Westen, erst einmal eine DDR-Identität zu akzeptieren: „Es ist nicht wahr, dass ich nur in Not und Elend gelebt hätte – wir waren Teil des Kalten Krieges wie die Bundesrepublik auch!“ Löschke urteilte zwar, Leipzig habe sich sehr positiv verändert, „aber viele Leute haben nicht profitiert, sie haben keine neue Arbeit gefunden“. So lebten heute „Arbeitslose in schönen Häusern“.

Auch Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse, wusste: „Leipzig ist eine arme Stadt – der Euro wird dreimal umgedreht.“ Und doch steht gerade Zille für Erfolge: Er hat die Besucherzahlen seiner Messe verdoppelt, das große Festival „Leipzig liest“ geschaffen. Und so rief denn auch der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling dazu auf, von Leipzig zu lernen: „So ein Lesefest hat Frankfurt noch nicht geschafft.“ Er lobte das Deutsche Literaturinstitut in der Partnerstadt, das viele Autorentalente hervorgebracht habe – und kritisierte die Zerschlagung von DDR-Verlagen nach der Wende.

Da ging prompt de Maizière dazwischen, forderte „gute deutsche Literatur“ als „zentrale Aufgabe für die Zukunft“ und ernannte Martin Mosebach (Frankfurt) und Uwe Tellkamp (Dresden) zu „den besten deutschen Schriftstellern“. Stünden sie doch für „bürgerliche Kultur“.

Diese Ossis!

Leider hudelte die Diskussion da weiter – ein kurzer Film sorgte für den Einbruch von Wirklichkeit. Leipziger über Frankfurt am Main: „Geld, Macht, Egoismus, Gleichgültigkeit“. Eine andere Stimme: „Fast wie die Hölle – diese Hochhäuser!“ Gelächter im Frankfurter Publikum – da konnte man mal wieder sehen, diese Ossis! Auf dem Podium reagierte keiner auf diese Urteile.

Bleibt also noch einiges zu tun in Sachen Einheit. „Man weiß zu wenig voneinander“, sagte ein Leipziger und hoffte: „Meine Kinder sollen mal nicht mehr in den Kategorien Ost und West denken.“ Ein Frankfurter sorgte sich wegen des Berlin-Sogs, der immer mehr Kreative in die Hauptstadt locke. Minister de Maizière erinnerte hämisch an den Abzug des Suhrkamp-Verlages. Verleger Schöffling gelassen: Seine Kollegin Ulla Berkéwicz von Suhrkamp habe als Begründung genannt, dass die Bürgersteige in Berlin schön breit seien: „Das finde ich nicht so entscheidend.“

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