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Die ukrainische Autorin Marjana Gaponenko

"Der Dorfgescheite"

Der Einäugige und das Lamm

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Marjana Gaponenkos höchst eigenwilliger Roman "Der Dorfgescheite".

Es ist nicht alltäglich, wenn sich ein Mann nach Jahren überdurchschnittlicher Promiskuität in die Bibliothek eines Klosters zurückzieht. Andererseits fand auch Casanova als Bibliothekar eine späte Festanstellung. Ernest Herz will sich in seiner neuen Umgebung noch nicht trennen von dem individuellen und weder technisch noch inhaltlich fortschrittlichen Karteikartensystem, in das er seine Geliebten einsortiert hat. Immer hat er auch ihre Parfumpräferenzen notiert, die er aber nicht genialisch errochen, sondern erfragt hat.

Überhaupt ist Ernest Herz kein Genie der Verführung. Vor allem seine Augenklappe, Folge eines frühen Böllerunfalls, hat ihm die Zuneigung der Frauen (sind wir nicht seltsam?) gesichert. Zugleich beendete stets der neugierige Blick hinter die Klappe – irgendwann wollte jede die Augenhöhle sehen – die Affäre. Das ist die zivile Variante von Herzog Blaubarts sieben Türen, die zu öffnen weit dramatischere Konsequenzen hat. Es ist die zivile Variante und gewissermaßen auch die geheimnislose. Das „Serielle“ habe ihn an seinen Affären erregt, erklärt Herz, aus dessen Perspektive Marjana Gaponenko erzählt, ohne ihm zu nahe zu treten. Jetzt soll Schluss damit sein. Details erfahren wir nicht (er war „in einer ländlichen Gegend einäugig, einsam und mit der Sehnsucht nach dem Sakralen aufgewachsen“).

Zu Beginn des Buches trifft Ernest Herz schon im Stift W. ein. Hätte die Autorin ihn nicht auf der ersten Seite das Bordell am Bahnhof bemerken lassen – „Teufelinnen heiß wie Feuer 24 h.“ –, wüsste man zunächst kaum, dass er ein Zeitgenosse ist. Nachher wird das klarer. Seine Lateinkenntnisse sind profund, aber mit der Digitalisierung von Bibliotheken kennt er sich nicht weniger gut aus. Auch in ihrem neuen Roman „Der Dorfgescheite“ überspringt die 1981 in Odessa geborene, in Wien und Mainz lebende, auf Deutsch schreibende Schriftstellerin Gaponenko übliche Erwartungen an eine Geschichte aus dem 21. Jahrhundert. Am Spaziergänger Herz schippert einmal ein Dampfer namens „Ukraina“ vorbei, und er hört Fetzen eines Walzers. Für seine dementen Adoptiveltern im Pflegeheim hat er einen Studenten eingestellt, der (fast zu) erfolgreich ihn, Herz, spielt. So viel zu aktuellen Themen in „Der Dorfgescheite“.

Was im Vorgängerroman „Das letzte Rennen“ (2016) die Fiaker, ein handloser junger Mann und eine merkwürdige Wiener Familie waren, sind nun die Prachtbände in der „zweitgrößten Klosterbibliothek des Abendlandes“, ein nicht ganz so junger Einäugiger und der Mönchsorden. Im Hintergrund steht bald Umberto Ecos „Name der Rose“, ein Buch, das der belesene Herz nicht zu kennen scheint. Tatsächlich interessiert er sich schon lange nicht mehr für Belletristik, den letzten Roman, den er gelesen hat, wird man allerdings vergeblich suchen. Wie immer sind Gaponenkos Spiele zwischen akribischer Recherche und Selbstständigkeiten unüberschaubar.

Der hochdramatische Suizid seines Vorgängers jedenfalls – warum hat er sich „nicht gemütlich, wie es sich für einen Büchermenschen gehörte, aus dem Fenster seines Zimmers gestürzt“? – irritiert Ernest Herz ebenso wie der Fund eines wertvollen alten Buches im Öfchen seines Zimmer. Offenbar ein gestohlener Band. Nun ist „Der Dorfgescheite“ aber weder ein Krimi noch die Parodie eines Krimis noch überhaupt die Groteske, die sich zunächst anzukündigen scheint. Alles bleibt in der Schwebe. Die bizarren Elemente – ein Ofen als Versteck für ein Buch, ein Bibliothekar, der sich nachher als Analphabet ausgibt – werden von Herz zwar registriert, aber er ist trotz eines wachsenden Alkoholproblems und kurioser Halluzinationen ein trockener, dabei sympathisch unernster Typ. Recht herzlos ist er auch. Das schlägt sich in der Sprache des Romans nieder, dem die Nüchternheit gut steht (handverlesen bleiben die Eigennamen: Egilmar Gröbchen!). Macht sich Herz, macht sich Gaponenko über die Masterarbeitsthemen der Bibliotheks-Hiwis – „Die Durchschnittslänge der Christuslanze in Kreuzigungsdarstellungen des 13. Jahrhunderts“ – eigentlich lustig?

Auch stellt sich Herz durchaus die klassische Krimifrage – „Was wird mir hier verschwiegen?“ –, lässt sich jedoch gleichwohl treiben, zum Beispiel in die Nähe eines ausnehmend schönen androgynen Kellners im Wirtshaus Zum Lamm. Raphael heißt er, und auf seine Störungen und Empfindlichkeiten nehmen sämtliche Stammgäste im Lamm Rücksicht. Der Wirt achtet scharf darauf. Man darf hier zum Beispiel auf keinen Fall laut sprechen. Außerdem herrscht quasi Likör-Zwang.

Die Lamm-Szenen, sie werden zu dem gehören, was in jedem Fall bleibt von diesem unverdrossen disparaten, in seiner eigenwilligen Betulichkeit unterhaltsamen und seinerseits ziemlich herzlosen Roman. Er ist nicht böse, aber er schwer entflammbar wie der Erzähler. Alle Beteiligten bestehen auf einer fabelhaften Sorglosigkeit gegenüber dem Unbegreiflichen, und sie beharren höflich auf der Souveränität der Literatur gegenüber Logik, tieferem Sinn, praktischem Nutzen.                  

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