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Ein Polizist findet die ermordete Mary Ann Nichols, zeitgenössische Abbildung.
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Ein Polizist findet die ermordete Mary Ann Nichols, zeitgenössische Abbildung.

Jack the Ripper

Ein Stück Kamm, eine Haube, ein Bleistiftstummel

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Die Historikerin Hallie Rubenhold blickt in „The Five“ einmal ausschließlich auf die Opfer von Jack the Ripper.

Als am vorletzten Tag des Jahres 2020 Samuel Little starb, schaffte der US-Amerikaner es als „schlimmster Serienmörder der Geschichte“ in die Zeitungen, weltweit vermutlich, auch in diese. Unerwähnt dürfte meist geblieben sein, dass er zugab, Opfer ausgesucht zu haben, um deren Verbleib sich die Polizei nicht groß scheren würde: schwarze Prostituierte. Sie sind aufgrund seines Geständnisses nur eine unbestätigte Zahl: 93 – die Polizei konnte das gar nicht mehr verifizieren. Nach einer anderen Zahl von Ermordeten hat die US-amerikanische Historikerin Hallie Rubenhold ihr Buch benannt: „The Five“. Der Untertitel der deutschen Übersetzung erklärt, welche Fünf gemeint sind: „Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden“.

Unzählige Bücher, dazu Filme beschäftigten sich schon mit der Frage, wer Jack the Ripper war. Scharen von Touristen buchten (und werden bald erneut buchen) Stadtführungen zu den Orten der Morde im Londoner Stadtteil Whitechapel. Man muss nur „Whitechapel“ in die Suchmaschine eintippen und sie schlägt als Ergänzung vor: 1888, Ripper, Morde. Über die Identität des Täters zu spekulieren, ist ein Spiel und ein Gruselspaß – und er ist zum Popstar geworden. Die Frauen, die aufgrund des einheitlichen Vorgehens auf jeden Fall als von ihm abgeschlachtet, regelrecht ausgeweidet angesehen werden müssen, werden als „die Kanonischen Fünf“ zusammengefasst. Schon ihre Namen interessieren in der Regel nicht mehr.

Hallie Rubenhold macht es umgekehrt. Sie hat, so gut es bei dürftiger Quellenlage ging, das Leben von Mary Ann „Polly“ Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly recherchiert. Sie blendet vor den Morden aus, als die Frauen sich einen Schlafplatz suchen, vier von ihnen auf der Straße. Sie spekuliert nicht einmal über die Identität von Jack the Ripper, sie erwähnt ihn nur insoweit, als es nötig ist. Sie endet mit einer Liste der Dinge, die die Frauen laut Polizei dabei und an hatten. Bei Elizabeth zum Beispiel „Schwarze Krepphaube, hinten mit Papier ausgestopft“, „Ein abgebrochenes Stück Kamm“, „Ein Fingerhut“, „Ein Bleistiftstummel“, „Ein Stück Musselin“.

Frauen in verzweifelter Lage

Das Buch:

Halllie Rubenhold: The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden. Übers. Susanne Höbel. Nagel & Kimche. 424 S., 24 Euro.

„The Five“ ist ein penibel zusammengetragenes Sachbuch mit einer Mission: die Opfer zu Menschen mit einer komplexen, tragisch endenden Lebensgeschichte zu machen. Wert legt die Historikerin auch darauf, dass es bei dreien der fünf Frauen keinerlei Anzeichen gibt, dass sie als Prostituierte arbeiteten, ja, dass sie sich je für Sex bezahlen ließen. Allerdings waren sie alle zuletzt „in einer verzweifelten Lage“, mussten öfter im Freien schlafen, tranken sich, wenn sie denn etwas Geld hatten, das Leben ein bisschen besser.

Keineswegs durchweg hatten die Familien der fünf Frauen Pech oder steckten in der Unterschicht fest. So konnte die Familie Nichols 1876 in die Peabody Buildings, in eine für damalige Verhältnisse komfortable Sozialwohnung ziehen. Doch Polly hat immer öfter Streit mit ihrem Mann, im März 1880 geht sie, die Kinder zurücklassend, in ein Armenhaus. Man kann nur vermuten, wie schlecht die Ehe gewesen sein muss, denn Armenhäuser waren Orte der Demütigung und sowieso galt: „Verließ eine Frau ihren Mann, war es ihre Schuld“. William Nichols wird indessen bald offen mit der Nachbarin zusammenleben, hat es womöglich vorher schon.

Es sind typische Schicksale, von denen Hallie Rubenhold so detailliert wie möglich erzählt. Annies Eltern sterben 1854 an Scharlach und Typhus vier von sechs Kindern weg. Als ihr Vater George stirbt (wohl Suizid begeht), erhält ihre Mutter keine Witwenrente, bringt trotzdem die Familie relativ gut durch, bis die Töchter heiraten. Allerdings scheint George Alkoholiker gewesen zu sein und dies an seine Tochter Annie vererbt zu haben. Auch Mary Jane könnte Alkoholikerin gewesen sein.

„The Five“ ist ein berührend gewissenhaftes Buch. Klar schildert es das Elend eines Frauenlebens in Armut und der ständigen Gefahr, Opfer von Männergewalt zu werden – von Schlägen bis zur Vergewaltigung. Elizabeth, die in ihrer Heimat Schweden blutjung als Dienstmädchen anheuern muss, hat vermutlich schon ein Kind tot geboren und wurde mit Syphilis angesteckt, ehe sie mit 22 nach London kommt, um neu anzufangen.

Der Mann, der ihr ein Kind machte, habe Elizabeths Leben „wegen seiner Wollust aus der Bahn geworfen“, formuliert Hallie Rubenhold da. An anderer Stelle schreibt sie vom „Schwerenöter“ (statt: Vergewaltiger), oft von „Sünde“ oder „einem sündigen Leben“, holprig von einer „Ungnade“, von der die Nachbarn Catherines hörten, und in ihrem Schlusswort nennt sie Jack the Ripper einen „Ausbund von Boshaftigkeit“.

„Boshaftigkeit“? Wenn man nicht davon ausgehen will, dass Übersetzerin Susanne Höbel diese hölzerne, seltsam verklemmte Wortwahl zu verantworten hat (in einer deutschen Ausgabe, nebenbei, die so voller Grammatik- und anderer Fehler ist, dass sie eigentlich gar nicht lektoriert worden sein kann), muss man sich fragen, was eine so präzise Historikerin zu solcher Wortwahl veranlasste. Denn was für einen Sinn würde es machen, den beschönigenden, prüden Ton der Zeit nachzuahmen in einem andererseits so verdienstvollen Buch, dessen Blick auf diese fünf Frauen durch und durch gegenwärtig ist?

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