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Wollte als Kind alle Agatha Christie-Romane lesen: die Lektorin Lina Muzur.
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Wollte als Kind alle Agatha Christie-Romane lesen: die Lektorin Lina Muzur.

Junge Lektoren 2016: Lina Muzur

"Ein Roman schmeißt einen in diese Welt rein"

Lektoren im Verlag sind immer alt? Von wegen! Sally-Charell Delin hat gleich mit drei jungen Lektoren gesprochen. #1 Lina Muzur.

Von Sally-Charell Delin

Wie sind Sie überhaupt Lektorin geworden?
Lina Muzur: Das war nicht geplant. Ich wusste gar nicht, dass es den Beruf gibt. Ich habe immer wahnsinnig gern gelesen, also habe ich beschlossen, englische Literatur zu studieren. Und weil alle Praktika gemacht haben, dachte ich: Okay, dann muss ich wohl auch eins machen. Ich bin zufälligerweise in einem Verlag gelandet und dadurch haben die mich nach dem ersten Praktikum auch in anderen Verlagen genommen. So kam ich zu Kiepenheuer & Witsch und zu Aufbau und schließlich zu Hanser, als Praktikantin der Pressestelle. Da hab ich gemerkt, dass das überhaupt nicht meins ist, weil es mehr darum geht, dass man Bücher verkauft, die man aber nicht selbst ausgesucht hat. Zu der Zeit musste man auch noch wahnsinnig viel kopieren, das war schrecklich. Aber ich hab gemerkt, dass ich mich wohlfühle bei den Verlagen. Ich bin immer noch fasziniert von Büchern. Wenn ich welche sehe, muss ich sofort hingehen, alles anfassen und will alles haben. Ich bin bei Hanser geblieben und habe ein Volontariat da gemacht, hatte eine Assistenzstelle, dann so eine Junior-Lektoratsstelle, schließlich wurde ich Lektorin. Und vor eineinhalb Jahren bin ich dann zu Aufbau gekommen.

Wie kam dieser Wechsel von Hanser zu Aufbau?
Ich war einschließlich des Praktikums insgesamt acht Jahre da. Dann gab es einen Verlegerwechsel, Michael Krüger ist nach 45 Jahren in den Ruhestand gegangen, und ich hab München eh nicht gemocht. Es war also auch eine private Entscheidung. Ich wollte unbedingt nach Berlin und dachte, der Moment ist jetzt gut, woanders hinzugehen. Dann kam das Angebot von Aufbau. Das war verlockend, weil ich bei Hanser nur mit deutscher Literatur zu tun gehabt hab und hier kann ich auch internationale Literatur machen. Ich habe ja eigentlich Amerikanistik studiert, und das ist eh meine liebste Literatur.

Sie meinten gerade, Sie haben schon immer viel gelesen. Wann haben Sie denn angefangen?
Super früh. Meine Eltern haben das gefördert, sie haben immer Bücher hingelegt und ich hab einfach alles gelesen. Also alles, wirklich. Das Lesen ist für manche Kinder auch ein bisschen eine Flucht in eine eigene Welt. Ich hab mich nicht so lange mit Jugend- und Kinderbüchern aufgehalten. Außer, dass ich mir vorgenommen hab, alle Agatha-Christie-Romane zu lesen. Das sind mega viele, ich glaub 80 oder so. Ich hab nicht alle geschafft.

Was wollten Sie werden als Kind?
Ich hatte gar keinen Berufswunsch. Irgendwann später wollte ich Psychologie studieren, es kam leider nicht dazu. Aber es ist gut, dass ich diese Affinität hab, weil man wahnsinnig viel psychologisch arbeiten muss in meinem Beruf.

Wollen Sie selbst mal ein Buch schreiben?
Eigentlich hab ich das immer von mir gewiesen, weil ich finde, man muss sich entscheiden. Wenn man selbst immer denkt: „Ich kann es irgendwie besser“, dann ist das nicht gut für die Zusammenarbeit mit den Autoren. Man sollte klar wissen, auf welcher Seite man steht. Ich stelle mir das Schreiben schwierig vor, obwohl es andererseits auch toll ist, weil man den Autor natürlich auch viel besser versteht, und weiß, was er durchmacht. Aber ich glaube, ich habe ganz klar das Talent nicht. Ich wüsste gar nicht, was ich schreiben soll.

Das Verlagswesen verbindet man oft mit eher älteren Menschen. Ist das immer noch so?
Bei Hanser war ich immer die Jüngste und immer die Kleine. Das war schon anstrengend. Aber da gibt es jetzt auch einen Generationswechsel. Bei Aufbau sind ganz viele junge Kollegen. Es macht mir auch Spaß, junge Autoren zu uns zu holen. Ich glaube also nicht, dass das noch so ist. Aber es hängt auch davon ab, bei welchem Verlag man ist.

Gibt es eine junge Autorin oder einen jungen Autor, den Sie empfehlen würden?
Ich arbeite gerade an dem nächsten Roman von Olga Grjasnowa. Mit ihr habe ich schon zwei Bücher bei Hanser gemacht und sie ist mitgekommen zu Aufbau. Der Roman erscheint im März 2017. Es geht um die Perspektive von Flüchtlingen und es spielt in Syrien, also sehr aktuell. Seitdem sehe ich diese ganze Sache mit anderen Augen. Das können Bücher schaffen und das finde ich toll. Wenn ich einen Zeitungsbericht lese, dann kenne ich hinterher die Fakten oder kann mir ein bisschen was vorstellen, je nachdem wie atmosphärisch das geschrieben ist, aber ein Roman schmeißt einen im besten Fall echt in diese Welt rein.

Wie kommen Sie an Manuskripte?
Die Manuskripte kommen von allen Seiten. Von Agenturen, andere Autoren empfehlen jemanden, es gibt Literaturwettbewerbe, Literaturzeitschriften. Inzwischen kann man als Lektor nicht mehr so viel entdecken, weil das meiste von Agenturen kommt. Die sogenannten unangeforderten Manuskripte lese ich nicht mehr, das musste ich früher machen. Aber davon war fast nie was brauchbar, vielleicht höchstens 2%. Einige Autoren schicken sogar Geschenke oder Päckchen mit Konfetti, um auf sich aufmerksam zu machen. Das ist nicht gut.

Gab es mal ein Buch, das Sie gerne herausgegeben hätten, die Autoren dann aber doch schon einen anderen Verlag hatten?
Viele der Bücher, die in anderen Verlagen erscheinen, habe ich von den Agenturen bekommen und schon gelesen. Es passiert, dass man Manuskripte absagt, die erfolgreich werden. Das könnte man ärgerlich finden, aber das tue ich nie, weil ich weiß, warum ich es abgesagt hab: Ich wollte es einfach nicht machen, das war nicht mein Buch. Auch die Autoren müssen sich für einen bestimmten Verlag und eine bestimmte Umgebung entscheiden. Es muss ja auch immer das richtige Buch für den richten Lektor sein, finde ich.

Wollten Sie schon mal etwas herausgeben und jemand anderes im Verlag hat sich dagegen gestellt?
Das hängt natürlich von der Position ab. Als leitende Lektorin kann ich viel mehr selbst entscheiden. Das ist natürlich toll. Früher als Lektorin oder Assistentin musste ich dann immer Gutachten schreiben, mich sehr gut artikulieren, wenn ich die Bücher vorgestellt hab. Und da ist es schon passiert, dass der Verleger gesagt hat: „Ne, das passt nicht zu uns.“ Aber man muss auch lernen, dass jedes Programm anders ist und ausgewogen sein muss. Das alles bedenkt man mit, wenn man so eine Entscheidung trifft. Im Moment mache ich wirklich, was ich will. Ich rede natürlich mit dem Verlagsleiter, aber wir sind uns meistens einig.

Buch oder E-Book – was meinen Sie?
Die Manuskripte lese ich auf dem iPad. Aber ich hab immer gedacht, nur über meine Leiche werde ich anfangen, privat eBooks zu lesen. Daran finde ich alles hässlich. Aber ich war jetzt im Strandurlaub und da ist mir die Lektüre ausgegangen. Ich wollte aber wahnsinnig gerne lesen, es gab auch nichts anderes zu tun. Dann habe ich angefangen, mir aus Not Sachen herunterzuladen und plötzlich gab es da so einen Wandel. Auf dem iPad gibt es eine Nachtfunktion. Das fand ich cool, dass mein Freund einfach schlafen und ich die Nacht durchlesen kann. Es ist ja oft auch eine Gewöhnungssache. Die Leute sollen das selbst entscheiden. Aber ich würd natürlich immer sagen: Das Buch. Ich wünsche mir, dass die Bücher immer schöner werden. Dass sie immer mehr zu Objekten werden, die man auf dem Tisch zu liegen hat oder in der Hand halten will, um sich von den eBooks abzusetzen.

Wo sehen Sie sich in 25 Jahren?
Keine Ahnung! Ich hab schon manchmal Angst gehabt, dass ich zu sehr nur in der Literaturwelt lebe und immer nur Feuilletons lese und mir dann einbilde, dass es das Wichtigste auf der Welt ist. Ich mache zum Glück noch verschiedene andere Sachen, beispielsweise bin ich an dem Zeit-Online Blog „10 nach 8“ beteiligt, das ist ein ganz guter Ausgleich, und noch ein paar andere gute Sachen, die eher journalistisch sind. Davon möchte ich mehr machen, einfach um eine Abwechslung zu haben. Aber eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, etwas anderes zu machen als Lektorin zu sein. Ich liebe den Beruf und hoffe, dass die Verlage nicht untergehen.

Zweifeln Sie da manchmal dran?
Eigentlich nicht. Aber keine Ahnung, ich hab auch manchmal Momente, wo ich mir denke: Wer weiß, was noch kommt.

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