Literatur im Römer

Ein Reim auf die Welt

Zum 45. Mal: „Literatur im Römer“, diesmal im kleinen, sehr kleinen Rahmen.

Der Mittwochabend war schon eine Herausforderung. Im Regen drehten sich auf dem Römer still die schönsten Karusselle, aber sie waren so schrecklich leer, und es gibt wenige Dinge auf der Welt, die trauriger sind als ein leeres Karussell im Regen. Ein leeres Karussell im Regen ruft zudem starken Handlungsbedarf hervor, zum Beispiel müssten gleich ein paar hundert Frankfurterinnen und Frankfurter ihre hübschesten Regenmäntel überziehen, zum Römer eilen und einige Runden drehen. Vorerst schlüpften aber bloß 47 in die Römerhallen zum ersten Abend der genau 45 Jahre alten Reihe „Literatur im Römer“. 47 Plätze bei „Literatur im Römer“, es gibt Momente bei dieser ramponierten und auch von uns aus Prinzip so genannten Frankfurter Buchmesse, die einen verstummen lassen. Bestimmt saßen Tausende an den Radioapparaten.

Die Stimmung im Raum zudem sehr gut. Der Literaturbetrieb, stets nur punktuell glamourös, braucht nicht viel, um sich voll zu entfalten. Darum war es zwar markerschütternd, durch die Glasfenster weiterhin die stillen Karusselle glitzern zu sehen, bis sie ausgeknipst wurden. Aber dem Sprechen über Bücher ging auf den ersten Blick nichts ab.

Durch den denkbar zügigen Charakter von „Literatur im Römer“, acht Bücher in zwei Stunden, lassen sich die unterschiedlichsten Angewohnheiten beobachten, die Forschen und die Scheuen, die Reservierten und die, die einen kleinen Vortrag vorbereitet haben, und mit dabei immer die Moderatorin Insa Wilke oder ihr Kollege Gerwig Epkes, die ebenfalls ihre Eigenarten haben. Epkes gerne am Text entlang, Wilke mit überraschenden Vorstößen. Jeder muss selbst sehen, was er sich fürs Leben oder Lesen merken will. Vielleicht Mercedes Spannagel (mit ihrem Debüt „Das Palais muss brennen“), die klarstellte, es sei ihr vor allem wichtig gewesen, dass alle Frauen im Roman schlafen könnten, mit wem sie wollten. Oder die Warnung von Laura Lichtblau („Schwarzpulver“) vor den Rauhnächten, von deren Gefährlichkeit unsereiner wenig wusste (aber jetzt!). Oder Nell Zink („Das Hohe Lied“), die schon lange in Bad Belzig lebende Amerikanerin, die berichten konnte, ihre Agentur wünsche sich immer dicke Romane von ihr. Dort heiße es: Die Kundschaft wolle Papier für ihr Geld. Dicke Romane zu schreiben, sei Übungssache, sagte sie. Bei Nell Zink haben selbst hartgesottene Freundinnen und Freunde der Ironie ihre Meisterin gefunden.

Der Lyriker und Ingenieur Thilo Krause (mit seinem Debütroman „Elbwärts“) und der Schriftsteller und Mathematiker Michael Wildenhain („Die Erfindung der Null“) erinnerten daran, dass Literatur keinesfalls nur zu den Geisteswissenschaften anschlussfähig ist. Ob er mit einer Formel oder mit einer Metapher arbeite, so Krause, es gehe doch in beiden Fällen um Erkenntnisgewinn, Verdichtung, den Versuch, sich einen Reim auf die Welt zu machen.

Von Joachim B. Schmidt („Kalmann“) hätte man etwas isländische Aussprache lernen können, wäre nur eine Spur mehr Zeit gewesen. Yevgeniy Breyger („Gestohlene Luft“) erweiterte in rasender Geschwindigkeit die Vorstellung davon, was ein Liebesgedicht ist. Dass schließlich Ulrike Almut Sandig („Monster wie wir“) einen süßen Hund dabei hatte, sprengte praktisch ihren Auftritt, der sich aber, wie auch in der FR schon zu lesen war, um eine besonders entsetzliche Geschichte dreht. Bizarre Gleichzeitigkeiten erinnern aber immer so erfrischend an die Buchmesse.

Auf den zweiten Blick wurde natürlich am prächtigen Büchertisch nicht genug verkauft. Aber auch die Tausenden vor den Radioapparaten bestellten gewiss noch am Abend bei der Buchhandlung ihres Vertrauens. Und ebenso die Abertausenden, die jetzt noch den Mitschnitt auf www.openbooks-frankfurt.de nachhören. Man kann nicht die Welt retten, aber ein paar Bücher kaufen und einmal wieder Karussell fahren, das kann man schon, und alle haben etwas davon.

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