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Ayad Akhtar: Autor oder Protagonist?
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Ayad Akhtar: Autor oder Protagonist?

„Homeland Elegien“ von Ayad Akhtar

Ein Reality-Roman für Amerika

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
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In „Homeland Elegien“ verfolgt Autor Ayad Akhtar die Konflikte in den Vereinigten Staaten zurück zum 11. Septembers 2001.

Homeland Elegien“ ist kein Buch über Donald Trump. Die Marketing-Kampagne kurz vor den vergangenen US-Wahlen könnte einen das zwar glauben lassen, ebenso wie die zahlreichen Hinweise darauf, dass Trump persönlich im Roman vorkomme. Aber es geht nur sehr flüchtig um ihn und nur selten darum, die Ära Trump zu verstehen. Ayad Akhtars Roman erwächst aus einem anderen Kapitel der US-Geschichte: dem Anschlag vom 11. September 2001.

Es ist keine überraschende Themenwahl für Akhtar, der 2012 mit seinem Theaterstück „Disgraced“ (in der deutschen Fassung: „Geächtet“) internationales Renommee und 2013 einen Pulitzerpreis gewann. Umstritten war vor allem die Figur Amir Kapoor, ein Anwalt, der nach Abkehr von seiner muslimischen Erziehung zugibt, am 11. September einen „Hauch von Stolz“ empfunden zu haben. Im Kontext von steigender anti-muslimischer Diskriminierung und Hassverbrechen war das Stück ein landesweiter Kassenerfolg, unter einigen muslimischen Kritikerinnen und Kritikern allerdings umstritten: Das Stück bestätige die Vorurteile, die Teile des Publikums ohnehin hätten. Der Autor sah sich nach seinem Durchbruch vor allem mit der Frage konfrontiert: „Waren auch Sie stolz am 11. September?“

Rund acht Jahre später scheint Akhtar mit „Homeland Elegien“ nun eine knapp 460 Seiten lange Antwort auf diese – oder zumindest Überlegungen zu dieser Frage zu haben. Mit dem Roman treibt Akhtar das Genre der Autofiktion auf die Spitze und schickt seinen Protagonisten namens Ayad Akhtar auf Identitätssuche durch die verschiedenen Kapitel seines Lebens: eine idyllische Kindheit in Wisconsin, frühe Misserfolge als Schriftsteller, die traumatischen Erlebnisse rund um den 11. September und schließlich den Glanz und Glamour der New Yorker High Society. Die Kapitel sind so dicht an der Biografie des Autors, dass ein stetiges Hinterfragen des Geschehens das Lesen begleitet wird: Ist das wirklich ein Roman? Oder will sich der Autor schlicht von seiner Erfahrung distanzieren?

„Homeland Elegien“ zu lesen, bedeutet, konstant mit der eigenen Wahrnehmung zu ringen. Fantastisch wirkende Absätze werden ergänzt durch erklärende Fußnoten, die Emotionen des Familienromans durchsetzt mit der Analyse eines politischen Essays. Die Erzählung ist nicht chronologisch strukturiert, sondern springt zwischen drei groben Strängen, die maßgeblich die Identität des Erzählers bestimmt haben: die Politik einer durch Migration geprägten Familie, das Trauma des 11. Septembers und die schleichende Ernüchterung gegenüber den USA. Diese Stränge vereint das Ringen um die Deutungshoheit über Religion, Hautfarbe und Geld. Um das, was es bedeutet, ein Amerikaner oder eine Amerikanerin zu sein.

Das Buch:

Ayad Akhtar: Homeland Elegien. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Claassen 2020. 464 S. , 24 Euro.

Diese Spannungen treten insbesondere in der Beziehung des fiktionalen Ayad Akhtar zu seinem Vater hervor. Der aus Pakistan immigrierte Kardiologe gibt sich voll und ganz dem oberflächlichen Reiz des American Dream hin, zuweilen verkörpert in Donald Trump, und klammert sich trotz aller Enttäuschungen an seine Identität als US-Amerikaner. Die daraus resultierende Familiendynamik ist die von vielen Migrationsfamilien: Jegliche Kritik wird zur Undankbarkeit, die unterschiedlichen politischen Sichtweisen der beiden Generationen führen zu Verbitterung und Schuldgefühlen.

Diese hinterlassen auch Spuren an der Mutter des Protagonisten: Sie sehnt sich nach früher, nach der Fürsorge und Wärme ihres zurückgelassenen Heimatlandes. Anders als bei ihrem Mann staut sich bei ihr eine Antipathie gegenüber der neuen Heimat. Die Frustration entlädt sich nach dem Anschlag des 11. September in einem Kommentar, der, so der Autor im Interview, als Vorlage für den „Hauch von Stolz“ in „Disgraced“ gedient habe.

Im Lauf der Erzählung probiert der Protagonist verschiedene Identitäten an, ob die seiner Eltern oder die seiner zahlreichen interessanten Bekanntschaften. Heraus stechen der extrem wohlhabende Investor Riaz Rind, der den Erzähler in Gatsby-Manier durch die New Yorker High Society chauffiert, aber auch eine schlagfertige Geliebte namens Asha, deren Perspektive den Protagonisten zumindest ansatzweise an seinem arroganten Selbstbild zweifeln lässt. In einem Buch, das so häufig reale Ereignisse zitiert, dass man an der Bezeichnung „Roman“ zu zweifeln beginnt, sind Rind und Asha die unwahrscheinlichsten Elemente. Trotz lebhafter Beschreibungen wirken beide mehr wie Ideen, nicht wie greifbare Personen. Spiegel, die sowohl die Annahmen des Protagonisten als auch unsere beim Lesen herausfordern.

„Was davon ist nun wirklich passiert, was nur erfunden?“, sind die neuen Fragen, die Ayad Akhtar zu „Homeland Elegien“ gestellt werden. Echte Antworten gibt es darauf kaum, daran dürften teils Persönlichkeitsrechte eines klagefreudigen Ex-Präsidenten schuld sein. Stattdessen gehört das Raten zum Programm des Buchs. Der reale Akhtar zieht für sein Werk den Vergleich zu einem Genre, das den aktuellen Moment prägt: Reality-TV. Hat er das wirklich gesagt? Tut er nur so? Wie skandalös! Wer lügt?

Und wie bei den besten Formaten des Genres macht auch die Reality-Show um Akhtars fiktiven Erzähler einige Wahrheiten deutlich: wie unterschiedliche Ideen von Heimat ganze Familien spalten können, was es bedeutet, wenn Zugehörigkeit zur eigenen Heimat plötzlich Bedingungen hat und wie universell schmerzhaft deren Verlust sein kann, egal um welche Heimat man trauert.

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