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Ein Kranker entdeckt die „Ilias“ neu

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"Achill und der Tod"
Cover des Buches „Mein Jahr mit Achill“ von Jonas Grethlein. © -/Verlag C.H. Beck/dpa

Die akademische Laufbahn von Jonas Grethlein verläuft reibungslos. Doch dann wirft ihn eine ärztliche Diagnose aus der Bahn. Dem größten Helden der griechischen Mythologie begegnet er nun mit neuen Augen.

Berlin - Eigentlich hat er für sein Buch ein Kapitel über das Treffen des griechischen Helden Achill mit Troja-König Priamos in Homers „Ilias“ überarbeiten wollen.

Doch dann überwirft kurz nach dem Abschluss seiner Habilitation ein ärztlicher Befund alle Planungen: „Ich war 27 und hatte Krebs“, schreibt Altphilologe Jonas Grethlein rückblickend in seinem neuen Buch „Mein Jahr mit Achill“. Darin verwebt der heute 43-jährige Professor für griechische Literatur in Heidelberg die eigene, frühe Krankheit mit dem wohl großartigsten Epos der Weltgeschichte.

Durch den „feinen Schliff der Ilias“ habe er „bis auf den Grund meiner Krebserfahrung sehen“ können. Die Krankheit habe ihn „den Helden der Ilias neu verstehen“ lassen, schreibt Grethlein über den herben Achill, der bei der mythologischen Belagerung Trojas als herausragendster Kämpfer voller Schönheit, Zorn und Kraft aufseiten der Griechen steht. Er stirbt vor seiner Zeit durch einen Pfeil in seine verwundbare Stelle an der Ferse. Seine Mutter prophezeite ihm schon früh, dass ewiger Ruhm nur mit dem frühen Tod einhergehen wird.

„Auch wer ein aufregenderes Leben führt als ein Altphilologe, dürfte es nicht leicht haben, sich mit einem solchen Helden zu identifizieren“, schreibt Grethlein nicht ohne Selbstironie. Durch die Diagnose wird aber auch er in jungen Jahren seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Nicht über einen pathetischen Drang, in einem Kampf die Krankheit zu besiegen, nähert er sich dem griechischen Heros, sondern darüber, dass er sich wie jener am Höhepunkt seiner jugendlichen Kraft der eigenen Fragilität stellen muss.

Auch wenn es dezidiert kein wissenschaftliches Werk ist, wendet sich Grethlein in zahlreichen Exkursen philologischen Problemstellungen der „Ilias“ zu. Der Kern seines teils bewegenden, teils wunderbar hoffnungsvollen biografischen Buches ist aber die Frage: Was kann mehr als 2800 Jahre alte Literatur heute noch sagen? „Bücher gewinnen Bedeutung durch Themen, die uns beschäftigen, durch Probleme, die uns betreffen, durch Erfahrungen, die auch wir gemacht haben“, schreibt er. Vielleicht ist die Antwort ganz einfach: Literatur bietet Halt.

Jonas Grethlein: Mein Jahr mit Achill, C.H. Beck, 208 S., 24,00 Euro, ISBN 978-3-406-78206-0 dpa

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