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„Ein Fall von Bestleistungswahn“

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Von: Steven Geyer

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Hitlerjugend, 1934.
Hitlerjugend, 1934. © imago/Leemage

Der Publizist Rolf Rietzler hat in seinem Buch „Mensch, Adolf“ die sehr unterschiedlichen deutschen Hitler-Bilder seit 1945 beschrieben. Ein Gespräch über deutsche Extreme und eine charakteristische Gugelhupf-Anekdote.

Herr Rietzler, Sie beschreiben, wie sich das Hitler-Bild der Deutschen seit 1945 wandelte. Die kritisch kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ ist seit Wochen unter den Sachbuch-Bestsellern. Noch besser verkauft sich derzeit nur ein Pamphlet darüber, dass das deutsche Volk bedroht sei, wenn es sich mit „Minderwertigen“ vermische – das neue Werk von Thilo Sarrazin. Wie passt das zusammen?

Offensichtlich ist es mit dieser „Vergangenheitsbewältigung“ – von der ja ernsthafte Leute behaupten, wir seien darin Weltmeister – nicht weit her. Mir scheint es eher ein Fall des deutschen Bestleistungswahn: Erst hatten wir den größten Diktator, dann dank Weizsäcker die größte Rede über dessen Verbrechen und nun wollen wir auch die größten Vergangenheitsbewältiger sein. Ein Psychologe würde sagen: Wenn sie nicht immer die Besten sein wollten, könnten sie auch mal etwas halbwegs gut schaffen.

Man dachte lange, die Deutschen seien als Lehre aus der Hitler-Zeit immun gegen charismatische Rechtspopulisten. Ist der Erfolg der AfD schon der Gegenbeweis?

Mir fällt dazu ein Wort ein, mit dem man früher über die Bundesrepublik unkte: Schönwetterdemokratie. Wir waren stets in Obhut, auf dem Papier mehr oder minder ein souveräner Staat, aber sobald über Hitler geredet wurde, fragte sich jeder Politiker, was wohl das Ausland denkt. Schon 1946 gab es die ersten Rufe nach einem „Schlussstrich“, und danach etwa alle fünf Jahre. Nun vermischt es sich wieder mit einer aktuellen Debatte. Wie die „Welt“ jüngst schrieb: „Die Flüchtlinge bringen es an den Tag.“ Hitler hin oder her – die bizarre Attraktivität dieser Figur und der von ihm popularisierten Sichtweisen auf die Welt waren ja nie ganz weg.

Wie sehen Sie angesichts dessen die Aufregung über die Neuauflage von „Mein Kampf“ – und deren Erfolg?

Gegen diese kommentierte Ausgabe ist nichts zu sagen. Nur war der Bierernst der Verantwortlichen lächerlich. Sie wollen mit ihrer hochakademischen Ausgabe dem Buch, wie sie sagten, seinen „Zünder ziehen“. Das ist nicht nur Quatsch, weil man es längst ohne Aufwand lesen konnte, wenn man wollte. Vor allem ist die Unterstellung absurd, ein Buch könne ein solches Teufelszeug sein, dass es ohne Kommentar zu Mord und Totschlag führt. Das belegt meine Grundthese: Die Beschäftigung der Deutschen mit Hitler und mit ihrer eigenen Vergangenheit ist stark von Neurosen geprägt und trägt groteske Züge – bis heute. Es scheint, als könnten die Deutschen an jedem Fernsehabend über Hitler lachen und lästern, aber niemals über sich selbst, ihre Exkulpationssucht und ihre historischen Verranntheiten.

Sie teilen das Hitler-Bild der Deutschen in verschiedene Phasen, von Hitler als Dämon in den 50ern über Hitler als Phantom in den 60ern und als Superstar in den 70ern bis zur „TV-Marke“ in den 90ern. Wie sehen die Deutschen Hitler heute?

Back to the Fifties, kann man sagen. Damals sprach man von Hitler wie von einem Dämon – mit Ehrfurcht und Ekel zugleich. Ging es um die Schuld der Deutschen, hatte am Ende immer Adolf den Befehl gegeben. Man schrieb ihm also die Macht zu, ein ganzes Volk zu verführen. Dieser Vorstellung begegnen wir heute wieder, wenn es heißt, „Mein Kampf“ wäre ohne Fußnotenapparat gefährlich. Nur ein Dämon kann ein so verteufeltes Werk schreiben! Das verkennt jedoch, dass in den 20er Jahren reihenweise nationalistisch und irrational gestrickte Bücher populär waren, man denke nur an Oswald Spenglers Opus „Der Untergang des Abendlandes“. Die völkische Literatur gehörte zur Gedankenwelt der deutschen Bürger.

Für Sie geht das Bild von Hitler als Dämon und als Sündenbock also Hand in Hand. Sie beschreiben aber auch eine volkstümliche Faszination an Hitler, die trotzdem nicht nachließ.

Es sind zwei Seiten derselben Medaille: zum einen dieses „Gugelhupf-Syndrom“, wie in der Anekdote, die Max Schmeling nach dem Krieg erzählte. Er war mit seiner Braut Anny Ondra zu Kuchen und Tee beim Führer. Als die liebe Anny, nach ihren Wünschen gefragt, sagte „Ich nehme Gugelhupf“, habe Hitler sich auf die Schenkel geklopft und über dieses schöne, von ihm lange nicht mehr gehörte Wort unbändig gefreut: „Gugelhupf! Du lieber Himmel, Gugelhupf!“ So was ist doch nur erwähnenswert, wenn man dem Dämon Hitler so eine banale menschliche Regung nicht zutraut. Dem begegnet man heute wieder: RTL plant eine Hitler-Serie, die sich an angeblich Unerhörtes wagt: „Hitler als Mensch zeigen“! Welch alter Hut – „Er hatte doch auch menschliche Züge“, hieß es schon kurz nach dem Krieg. Ähnlich blödsinnig ist es, wenn der Historiker Thomas Weber in einem vor nicht allzu langer Zeit erschienenen Buch aufwendig Beweise versammelte, dass Hitler im Ersten Weltkrieg gar kein Held war, sondern den Kugeln aus dem Weg ging. Wie gesagt: Wer betont, dass Hitler ein normaler Mensch war, denkt offenbar, bewusst oder unbewusst, dass der Führer doch etwas von einem Übermenschen hatte.

Interview: Steven Geyer

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