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Monique Roffey: „Die Meerjungfrau von Black Conch“ - Ein Fabelwesen? Eine Frau

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

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Gefälligst rote Haare soll sie haben. Imago Images
Gefälligst rote Haare soll sie haben. © Panthermedia/Imago

Monique Roffeys bezwingender Roman „Die Meerjungfrau von Black Conch“.

Ein Zitat aus dem Schiffstagebuch des Christoph Kolumbus stellt Monique Roffey ihrem Roman von der „Meerjungfrau von Black Conch“ voran, wonach ein Admiral, der auf Haiti war, Kolumbus am 8. Januar 1493 von drei Sirenen berichtet, „aber sie waren nicht so schön, wie sie beschrieben werden, denn sie hatten eher männliche Gesichtszüge“. Falls der Seemann etwas zu ihren Brüsten sagte: Kolumbus schrieb das Bordtagebuch für das spanische Herrscherpaar.

Galionsfiguren mit prallem Busen und Fischschwanz statt Beinen durchpflügten freilich jahrhundertelang die Wellen, was auch immer sich Seefahrer und Händler davon versprachen. Abwehr der Schwestern, die als süß singende Sirenen schon Odysseus ins Verderben zu locken versuchten? Reizend, mädchenhaft und ungefährlich ist dagegen Hans Christian Andersens Meerjungfrau – was ihr nichts nützt, im Gegenteil wäre sie besser bei den Fischen geblieben. Bei Disney heißt die kleine (!) Meerjungfrau Arielle, in einer Realverfilmung von 2019 (die im Frühjahr in die Kinos kommen soll) wird sie von der schwarzen Halle Bailey gespielt. Was angeblich gar nicht geht, gefälligst soll Arielle rote Haare und Elfenbeinhaut haben wie im Zeichentrickfilm. Da gesellt sich der Rassismus zum Sexismus.

Die 1965 in Port of Spain, Trinidad, geborene, seit Jahren in England und Trinidad lebende Monique Roffey aber hat die mythische karibische Gestalt der Aycayia, „sie mit der lieblichen Stimme“, vom Klischee des feuchten Männertraums befreit, sie auf die feste Erde beziehungsweise in die Badewanne des Fischers David Baptiste geholt. Ungezähmt ist diese Frau mit dem mächtigen Fischschwanz, aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit. Sie knurrt, stöhnt, starrt aus „uralten Augen“, stinkt, während sie sich langsam verwandelt – den muffigen Schwanz, die faulige Rückenflosse muss David entsorgen – zu einer Frau, die steht und gehen übt, mittels eines Rollators, die isst und kackt, die die Sprache lernt, schließlich menstruiert.

Monique Roffey ist Aktivistin für den Klimaschutz – „Writers Rebel“ (WR), von ihr mitgegründet, ist Teil von Extinction Rebellion –, sie ist außerdem Feministin. Trotzdem ist „Die Meerjungfrau von Black Conch“, dieser sprachpralle, sprachmächtige Roman, alles andere als eine feministische Streitschrift: Aus Fleisch, Fischschuppen und Blut ist Aycayia, als sie sich häutet, sieht das nicht schön und zierlich aus. Als ihr wieder Schuppen wachsen, durchtränkt ihr Schmerz die Wände und die Herzen jener, die sie lieben.

Denn das ist ihre tragische Geschichte – wie ein Märchen, das gut ausgeht, liest sich das nicht: Eine junge schöne Frau, hinter der alle Männer herhecheln, wird von deren Ehefrauen verflucht. Wird verwandelt in eine Meerjungfrau, ist für Jahrhunderte einsam, einsamer als alle Lebewesen um sie her. Bis sie sich einmal, zweimal, regelmäßig dem Fischer David zeigt, der draußen auf dem Meer sich auch mal treiben lässt, singt, Gitarre spielt – ist er eine Sirene? Ein Mensch unbedingt, dessen Schuldgefühle klaftertief sind, als dieses Wesen, das ihm lauschte, von zwei Amerikanern gefangen wird.

Das Buch

Monique Roffey: Die Meerjungfrau von Black Conch. Roman. A. d. Engl. v. Gesine Schröder. Tropen. 238 S., 22 Euro.

„Sie hängten die Meerjungfrau für alle sichtbar neben die Marlins, kopfüber – ihr tödliches Haar schleifte auf dem Beton, die Arme waren auf dem Rücken gefesselt, die Brüste nackt. (...) Sie bohrten oder kniffen ihr prüfend in den Schwanz.“ Kann sein, dass sie bald stirbt, aber vorher wollen sie sie noch als Kuriosität vermarkten. Was also bleibt David Baptiste anderes, als Aycayia zu stehlen, als es dunkel ist und die Männer beim Besäufnis sind.

So wuchtet er dieses wilde Wesen, diese Naturgewalt in seine Badewanne. Wo die halbe Frau sich in eine ganze Frau verwandelt. Und wieder zurückverwandelt, als der Fluch sie einholt. Sie begreift, als es einen Sturzbach aus Fischen regnet. Sie begreift, als die ersten Schuppen wachsen, und versucht, sich das Leben zu nehmen.

Vielstimmig ist Roffeys Roman. Eine Stimme sind Aycayias Gesänge. Eine andere ist das Tagebuch Davids, er ist da, 2015, schon ein alter Mann. Es gibt aber auch eine auktoriale Erzählerin. Denn es gibt ja noch die Geschichte der Arcadia Rain, einer weißen Frau, die ein gehörloses Kind hat mit einem schwarzen Mann, der noch vor der Geburt verschwunden ist. Jetzt kehrt er zurück, als sei nichts gewesen. Und kann nur staunen über sein Kind, das sich mit dieser seltsamen Frau, die aus dem Meer kam, in Zeichensprache unterhält.

Aycayia mag ein Fabelwesen sein, in Monique Roffeys Roman fühlt es sich nicht so an. Schon gar nicht für David, der „sacht-sacht“ Sex mit ihr hat, der überrascht ist von seiner eigenen Zartheit. Schon gar nicht auch für Aycayia selbst, die Angst und Schmerzen kennt, die sich an Land immer mehr erinnert, daran, wie Dinge schmecken, Früchte, Brot, die die Farben und Formen der Pflanzen, Klänge, Düfte in sich aufnimmt, als sei sie neu geboren. Was sie ja auch irgendwie ist.

Ein bezwingender, lebensvoler Roman. Eine Autorin, die kein Blatt vor den Mund nimmt, die Hochsprache und Dialekt mischt, Schönheit und Gemeinheit gleichermaßen beschreibt. Die der Leserin, hoffentlich auch dem Leser, das Klischeebild von der kleinen Meerjungfrau gründlich austreibt.

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