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Ihr Antlitz, schreibt Zeitgenossin Henriette Herz, verkünde „Geistiges Übergewicht“: Rahel Varnhagen von Ense (1771–1833).
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Ihr Antlitz, schreibt Zeitgenossin Henriette Herz, verkünde „geistiges Übergewicht“: Rahel Varnhagen von Ense (1771–1833).

Salonkultur

Ein Besuch bei Rahel Varnhagen: „Kann ein Frauenzimmer dafür, wenn es auch ein Mensch ist?“

  • Monika Gemmer
    vonMonika Gemmer
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Zum 250. Geburtstag von Rahel Varnhagen: Ein Besuch bei der großen Berliner Salonière

Das Hufgetrappel auf dem Pflaster verlangsamt sich, der Kutscher bringt das Pferd zum Stehen. Das Ziel ist erreicht: Jägerstraße 54, Friedrichstadt, Berlin, an einem Herbsttag im Jahre 1805. Eine feine Adresse, der Gendarmenmarkt mit Nationaltheater ist nur wenige Schritte, „Unter den Linden“ nur drei Parallelstraßen entfernt.

Pauline Wiesel ist aus der Kutsche geschlüpft und richtet ihr Kleid. Die 27-Jährige winkt ungeduldig, sie kann es kaum erwarten, ihre Begleitung im Haus ihrer engsten Freundin einführen, der Frau, von der die halbe Stadt zu reden scheint: Rahel Levin, die Berliner Salonière dieser Zeit.

Rahel Levin und die Menschen in ihrer Umgebung sprechen von Gesellschaften, Kränzchen oder Teetischen, wenn sie die Zusammenkünfte meinen, bei denen eine meist begüterte Frau Gäste unterschiedlicher Herkunft und Profession in ihr Haus lädt, um bei Tee, Punsch oder Champagner eine gepflegte Konversation über Literatur, Theater, Philosophie, mitunter auch über Politik oder Wissenschaften zu führen. Der Begriff „Salon“ wird erst später geläufig.

Das private Treffen gelehrter Leute, die „Res publica literaria“, blüht im Italien des 16. Jahrhunderts als „repubblica letteraria“ auf, in Frankreich ab dem 17. Jahrhundert als „République des lettres“. In Paris empfing die Marquise de Rambouillet um 1610 Adlige und Bürgerliche, Frauen und Männer im „chambre bleue“ ihres Stadtpalastes. Im 18. Jahrhundert traf man sich im „bureau d’esprit“ der Marquise du Deffand, der Julie Recamier, Suzanne Necker oder bei deren Tochter, der berühmten Germaine de Staël. Rahel Levin bittet in der Beletage ihrer elterlichen Wohnung, im intimeren Kreis auch in ihrer Mansarde unterm Dach, ganz profan zum „Nacht-Tee“.

„Ich liebe unendlich Gesellschaft und von je, und bin ganz davon überzeugt, dass ich dazu geboren, von der Natur bestimmt und ausgerüstet bin“.

Rahel Levin Varnhagen

Die älteste Tochter der Levins wird am 19. Mai 1771 in wirtschaftlich gute Verhältnisse hineingeboren. Die Familie gehört zur jüdischen Oberschicht Berlins, das Mädchen Rahel sieht neben den Geschäftspartnern des Vaters auch Gelehrte, Schauspielerinnen, Diplomaten ein- und ausgehen. Doch ein offenes Haus, Vermögen und ein Schutzbrief des Königs können nicht übertünchen, dass die christliche Mehrheitsgesellschaft Juden Anerkennung und gleiche Rechte weiterhin verweigert – und Jüdinnen gleich doppelt benachteiligt. Die kluge, bildungshungrige Rahel Levin mag sich nicht abfinden damit, ein „ohnmächtiges Wesen“ zu sein: „Kann ein Frauenzimmer dafür, wenn es auch ein Mensch ist?“

Als der Bankier und Juwelier Markus Levin 1790 stirbt, übernimmt die Tochter die Aufgabe der Gastgeberin – und macht sie zur Rolle ihres Lebens. Sie, die sich als Jüdin und (unverheiratete) Frau ins soziale Abseits gedrängt fühlt, stellt sich in den Mittelpunkt einer gemischten Gesellschaft von Adligen und Bürgerlichen, Frauen und Männern, Jüdinnen und Nichtjuden. In diesem Kreis kann Rahel Levin ihre Interessen an Literatur, Theater und Philosophie, ihre Begeisterung für Goethe, ihr Faible für die aufklärerischen Ideen aus Frankreich, ihren Freundschaftskult, vor allem aber ihre Lust am Räsonieren und Konversieren pflegen.

„Ich liebe unendlich Gesellschaft und von je, und bin ganz davon überzeugt, dass ich dazu geboren, von der Natur bestimmt und ausgerüstet bin“, schreibt sie Clemens Brentano. „Ich habe unendliche Gegenwart und Schnelligkeit des Geistes um aufzufassen, um zu antworten, zu behandeln.“ Und ein Talent zum Vermitteln: „Oft hab’ ich Heterogenscheinendes vereinigt.“ Gäste wie Hugo von Salm bestätigen ihre Gabe: „Mit welcher Freiheit und Grazie wusste sie um sich her anzuregen, zu erhellen, zu erwärmen“, berichtet er. „Ich fühlte mich wie im Wirbel herumgedreht, und konnte nicht mehr unterscheiden, was in ihren wunderbaren, unerwarteten Äußerungen Witz, Tiefsinn, Gutdenken, Genie oder Sonderbarkeit und Grille war.“

Um 1800 hat Rahel Levin ihren „Nacht-Tee“ zu einer Sehenswürdigkeit in Preußens Hauptstadt gemacht und, neben dem ebenso bedeutenden Zirkel der Henriette Herz, zum wichtigsten jüdischen Salon der Frühromantik. Schriftsteller, Künstlerinnen, Studenten und Lehrende, Theaterleute, Politiker, Gesandte oder gelangweilte Adelssprösslinge: Wer in Berlin weilt, schaut bei Mademoiselle Levin herein, der „geistreichsten Frau des Universums“ (Heinrich Heine).

Aus der offenen Tür zum roten Eckzimmer dringt Gelächter. Werden die Humboldts heute da sein? Schleiermacher? Schlegel?

Die Liste der „Habitués“, wie die Stammgäste genannt werden, liest sich wie ein Who is Who der Geistesgrößen – aus späterer Sicht. 1805 steht Wilhelm von Humboldt noch am Anfang seiner Karriere als Bildungsreformer. Friedrich von Gentz, Publizist und künftiger Berater Metternichs, ist verschuldet und ständig in Affären verwickelt. Den Theologen Friedrich Schleiermacher beschäftigt, neben einer Liaison mit Henriette Herz, die Publikation der Werke Platons, die er gemeinsam mit seinem ehemaligen Mitbewohner übersetzt hat, dem Philosophen Friedrich Schlegel. Der wiederum gilt nach der Veröffentlichung seines Romans „Lucinde“ als Skandalautor – er breitet darin freizügig sein Verhältnis mit Dorothea Veit aus, die inzwischen Dorothea Schlegel geworden ist.

Schon damals berühmt ist Friederike Unzelmann, gefeierte Schauspielerin am Königlichen Nationaltheater. Schlegels Bruder August Wilhelm (Rahel Levin besucht seine Privatvorlesungen in Literatur und Kunst) versucht vergebens, mit ihr anzubandeln; Madame Unzelmann wird später in einer lesbischen Beziehung mit Friederike Liman leben.

Zum Weiterlesen:

Barbara Hahn (Hg): Rahel Levin Varnhagen – Briefwechsel mit Jugendfreundinnen. Wallstein 2021. 1092 S., 98 Euro.

Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. Piper. 336 S., 14 Euro (TB, Erstveröffentlichung 1957).

Karl A. Varnhagen van Ense (Hg): Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Matthes & Seitz 2009. 480 S., 39,90 Euro.

Dieter Lamping/Simone Frieling: Rahel Varnhagen – Ich lasse das Leben auf mich regnen. Ebersbach & Simon 2021. 144 S., 18 Euro.

Carola Stern: Der Text meines Herzens. Das Leben der Rahel Varnhagen. Rowohlt. 316 S., 12,99 Euro (TB, Erstveröffentlichung 1994).

Hannah Lotte Lund: Der Berliner „jüdische Salon“ um 1800 – Emanzipation in der Debatte. De Gruyter 2012. 609 S., Open Access

Als Pauline Wiesel mit ihrer Begleitung die gute Stube betritt, verstummen die Gespräche: Die Femme fatale Preußens zieht die Blicke auf sich. Ihr aktueller Liebhaber ist der wohl schillerndste Gast, Louis Ferdinand von Preußen, ein Neffe Friedrichs des Großen. Der unterbeschäftigte Hohenzollernprinz hat einen Stammplatz an Levins Pianoforte, auf dem er seine Kompositionen zu Gehör bringt.

Eine kleine Person in dunklem Kleid löst sich aus der Gruppe, um die Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen. Sie sei keine Schönheit, heißt es über Rahel Levin. Henriette Herz formulierte es so: Ihr „Antlitz“ verkünde „geistiges Übergewicht“. Goethe empfindet sie als „schöne Seele“. Pauline Wiesel indes hat der Freundin einen eigenen Spitznamen verpasst und begrüßt sie mit einem lauten „Ralle!“.

In Berlin tratscht man darüber, dass die inzwischen 34-jährige Mademoiselle Levin kein glückliches Händchen für Männer hat. Die Verbindung mit dem spanischen Gesandten Don Raphael d’Urquijo ist an dessen krankhafter Eifersucht gescheitert, die Verlobung mit Karl von Finckenstein geplatzt, weil der adlige Diplomat in preußischen Diensten zögert, sich mit einem „Judenmädchen“ zu verheiraten.

Rahel Levin, die der Ehe im Grunde nicht viel abgewinnen kann („Ich kann nicht heiraten, denn ich kann nicht lügen“), sieht darin doch einen Weg, sich aus dem Judentum zu befreien, genauer: von der Zugehörigkeit zu einer benachteiligten Minderheit. Es sei „widerwärtig, eine Jüdin zu sein“, schreibt sie der Freundin Rebecca Friedländer, weil man „sich immer erst legitimieren“ müsse. Levin sieht sich als „Falschgeborene“, deren „ganzes Leben eine Verblutung“ sei, wie sie dem Jugendfreund David Veit anvertraut. Zeitweise nimmt sie den Nachnamen Robert an.

 „Ich liebe die Juden eigentlich auch nur en masse, en détail gehe ich ihnen sehr aus dem Wege.“

Wilhelm von Humboldt

Die Nachwelt wird den Beitrag betonen, den die jüdischen Salons in Berlin für die Emanzipation des Judentums haben. Doch an der Judenfeindlichkeit der preußischen Gesellschaft ändern auch sie nichts. Gewiss, sie kommen gern zum Tee, die nichtjüdischen Habitués – auch jene, die sich früher oder später antisemitisch äußern, wie Friedrich Gentz, Ludwig Tieck oder Clemens Brentano.

Doch außerhalb „neutralen Raums“, wie Hannah Arendt den Salon in ihrer Biografie über die Jüdin Rahel nennt, wahren die meisten tunlichst Distanz. Das gilt auch für Wilhelm Humboldt, der bekennt: „Ich liebe die Juden eigentlich auch nur en masse, en détail gehe ich ihnen sehr aus dem Wege.“ Bewirten lässt er sich bei Rahel Levin aber doch ganz gerne. Die Anziehungskraft, die von ihr und anderen jüdischen Zirkeln ausgeht, beruht offenkundig weniger auf einer wachsenden Sensibilität für soziale Ungerechtigkeiten. Zu den Zirkeln der stadtbekannten Salonièren zu zählen dürfte in bestimmten Kreisen der Berliner Gesellschaft durchaus was hermachen – Vogue statt Woke.

In der Jägerstraße trifft ein neuer Gast ein: Rittmeister Gualtieri, der, kaum hat er den Raum betreten, die Runde auffordert: „Lasst uns über irgendeinen Gegenstand streiten!“ Vielleicht verdreht Rahel Levin insgeheim die Augen; sie mag keinen Streit. Zwei Prinzipien herrschen in ihrem Salon: unbedingte Ehrlichkeit, die auch eine Königliche Hoheit wie Louis Ferdinand zu spüren bekommt („Ich habe Ihnen gar nichts zu sagen, wenn ich Ihnen nicht die Wahrheit sagen soll“) und gegenseitiger Respekt.

Im Herbst 1805 drehen sich die Gespräche immer seltener um die Schriften Goethes, Jean Pauls, Novalis’ oder um Fichtes Lehre vom sich aus der Unmündigkeit befreienden Ich, für die Levin sich begeistert. Es geht zunehmend um Politik. Die Kriegserklärung Preußens an Frankreich im Oktober 1806 markiert das vorläufige Ende der Salongeselligkeit. Die Gäste bleiben aus. Wiesel ist in Frankreich, Gentz in Österreich, Louis Ferdinand tot, gefallen in der ersten Schlacht. Auf dem Sofa in Rahel Levins Mansarde nimmt nur noch selten ein Besucher Platz: „Nie war ich so allein“, klagt sie Brinckmann 1808 brieflich.

1814 lässt die 43-Jährige sich taufen und heiratet Karl August Varnhagen, der, nachdem er Adlige unter seinen Vorfahren gefunden hat, sich später Varnhagen von Ense nennen darf. Nach Aufenthalten in Karlsruhe und Baden-Baden kehrt das Paar 1819 nach Berlin zurück, wo Rahel Varnhagen zunächst in der Französischen Straße, dann in der Mauerstraße ihren zweiten Salon führt. Bettine von Arnim, Hegel, Börne, Heine, Grillparzer sind jetzt unter den Gästen. Brentano und Arnim haben derweil die „christlich-teutsche Tischgesellschaft“ gegründet, in der Frauen und Juden ausgeschlossen sind.

„Wenn ich tot bin sammle alle meine Briefe – es wird eine Originalgeschichte und poetisch“, trägt Rahel Varnhagen ihrem Mann auf. Er erfüllt ihr diesen Wunsch, gibt „Rahel – Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“ heraus und macht sie posthum als Briefstellerin und Aphoristikerin bekannt. Die nahbare Rahel Levin Varnhagen von Ense zeigt sich nicht zuletzt in einem überlieferten Zitat aus der Zeit kurz vor ihrem Tod am 7. März 1833. Als ihre Pflegerin sie mit „Gnädige Frau“ anspricht, soll die 63-Jährige geantwortet haben: „Ach was! es hat sich aus gegnädigefraut! Nennt mich Rahel.“

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