Bildausschnitt: "Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis" von Jan Brueghel dem Jüngeren (1601-1678).
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Bildausschnitt: "Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis" von Jan Brueghel dem Jüngeren (1601-1678).

Rolf Selbmann: "Kulturgeschichte des Fensters"

Ein- und Ausblicke

Der Münchner Germanist Rolf Sebmann widmet sich der Kulturgeschichte des Fensters von der Antike bis zur Moderne. Schon die Abbildungen machen das Buch zu einem reichen Schatz – wie Türchen in einem Adventskalender, hinter denen sich kleine interpretatorische Leckereien verbergen.

Von Rüdiger Zill

"Die Geschichte des Fensters, / so viel ist sicher“, schrieb Michael Krüger in seinem Gedicht „Notizen zur Geschichte des Fensters“, „bleibt ungeschrieben; / zu lange Schatten, / zu viel Chemie, / zu viel Staub, der das Glas trübt.“ Aber spielt sich die Geschichte des Fensters hinter der Scheibe ab, deren Schmutzfilm das dem Blick entzieht, was zu beschreiben wäre? Oder ist die Geschichte des Fensters nicht vielmehr in der Scheibe, so dass es gerade deshalb unsichtbar bleibt, weil das Glas so sauber ist, dass die Blicke ohne Hindernis hindurchgehen und man meint, es sei gar nicht da. Das Fenster ist eines der alltäglichsten Gegenstände, dem wir gerade deshalb keine Aufmerksamkeit schenken, weil wir glauben, es könne eigentlich keine große Geschichte haben.

Ein Loch in der Wand

Gegen dieses geheime Vorurteil schreibt der Münchner Germanist Rolf Selbmann in seiner Kulturgeschichte des Fensters an. Er erinnert uns zunächst daran, dass das Fenster eine historische Errungenschaft ist, später zwar ein „Zentralobjekt unserer Hochkultur“, aber eins, für das es zunächst keinen Bedarf gab: Die Zelte der Vorzeit kannten keine Fenster, im Norden Europas waren sie lange geradezu kontraproduktiv. Wind und Wetter mussten ausgeschlossen bleiben, man saß im Halbdunkel am wärmenden Feuer, dessen Rauch lediglich durch ein „Windauge“ abziehen sollte. Im englischen „window“ ist das noch hörbar. Auch in den wärmeren Landstrichen war ein Loch in der Wand nicht nötig, um den Raum zu erhellte. Hier hatten Fenster in den Tempeln die Funktion, den Wahrsagern und Priestern einen Blick auf die Welt zu erlauben. Das Fenster begrenzte das Wahrnehmungsfeld dieses Blicks und konzentrierte ihn. Und es separierte einen heiligen Bereich vom Allerweltsraum.

Trotz solcher historischen Einleitungen schreibt Selbmann weniger eine Kulturgeschichte des Fensters als vielmehr eine der wahrgenommenen und dargestellten Fenster – wie sie etwa in Malerei und Literatur erscheinen. Exemplarisch zeigt sich das an E.T.A. Hoffmanns letzter Geschichte „Des Vetters Eckfenster“: Der Protagonist ist – wie später James Stewart im „Fenster zum Hof“ – an den Rollstuhl gefesselt und beobachtet durch sein Fenster das Leben der Hauptstadt. Das, woran er nicht teilnehmen kann, verwandelt er in Erzählung.

Ein großer Bogen

Ganz ähnlich verfährt Selbmanns Buch, wenn es literarische Fenstergeschichten und Fenster aus der bildenden Kunst sich ineinander spiegeln lässt und transmediale Paare bildet: Delauney und Trakl, Macke und Benjamin, Felixmüller und Kafka, C. D. Friedrich und Robert Walser.

Schon die Abbildungen machen das Buch zu einem reichen Schatz – wie Türchen in einem Adventskalender, hinter denen sich kleine interpretatorische Leckereien verbergen. Die Geschichte, die sich daraus bildet, gleicht einer Chronik. Selbmann skizziert weniger eine Entwicklung als vielmehr den Versuch, „Blicklinien und Gedankenfiguren um das Fenster miteinander zu verknüpfen, Strukturen sichtbar zu machen, Parallelen aufzeigen und Nachwirkungen anzudeuten“ – in einem großen Bogen von der antiken Vase bis zu Michael Sowa.

So erscheinen dann Fenster in den niederländischen Interieurs des 17. Jahrhunderts als Lichtwände, die nur als Quelle der Beleuchtung dienen. Sie können aber auch Räume sein, in denen sich etwas abspielt, wenn etwa Ferdinand Waldmüller ein ganzes Familienleben auf einer Fensterbank Platz finden lässt. Vor allem aber dient das Fenster als Rahmen. Es ist Bildbegrenzung nach außen, durch die hindurch man die Landschaft erblickt. Schon Leon Battista Alberti hatte sich die Bildfläche als geöffnetes Fenster vorgestellt. Solche Fenster können den Blick aber auch nach innen lenken wie Schaufenster, die das Verborgene enthüllen. Immer aber sind sie Schwellen, die zwei Reiche gleichermaßen trennen und verbinden wie einst das Arkane vom Alltäglichen: Das macht sie zu einem klassischen Medium.

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