Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Helmut Lethen.
+
Helmut Lethen.

Kulturwissenschaftler

Ein Aufklärer als Wurfgeschoss

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
    schließen

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen blickt auf sein bewegtes akademisches Leben zurück.

m Juni 1968 gehörte Helmut Lethen zu einer Gruppe von Studenten, die aus Protest gegen die Notstandsgesetze das Berliner Institut für Germanistik besetzt hielten. Alles sei tierisch ernst gewesen, so Lethen, bis die Kommune I Einzug hielt. Die Belegschaft der berühmtesten deutschen Wohngemeinschaft rückte mit riesigen Lautsprecheranlagen an und beschallte den Campus. Der Auffälligste von ihnen, Rainer Langhans, griff urplötzlich ins Regal und warf ein schweres Buch in Lethens Richtung. Der reagierte empört: „Es war ein Band der Wieland-Ausgabe, ein Aufklärer wurde weggeworfen.“

Langhans focht die wertkonservative Erwiderung nicht an. „Ihr Analerotiker“, gab er zurück, und das sollte wohl heißen: „Ohne Papier bringt ihr nichts zustande.“ Wenn man das psychoanalytische Motiv abstreift, räumt Lethen ein, hatte er vielleicht nicht unrecht. „Unsere Gewaltphantasien fanden sichere Unterkunft in der Literatur, von Burckhardt bis Enzensberger.“

Es ist diese leise Selbstironie, die Helmut Lethens Rückbesinnung auf sein bewegtes politisches Leben, in dessen Mittelpunkt jene heißen Jahre stehen, in denen aus der Theorie gleich nebenan eine oft erschreckende Praxis hervorging, zum Lesegenuss machen. Mit einem, der dabei war, kann man eintauchen in jene miefige Arbeitsgruppenrhetorik, aus der jederzeit die Revolution loszubrechen vermochte.

Die spürbare Ehrfurcht vor intellektuellen Autoritäten konnte schnell in erbärmliche Respektlosigkeit umschlagen. Lethen wechselt vom Modus des eleganten Plauderers in den des genauen Rechercheurs, wenn es darum geht, die Motive eines Überfalls auf Peter Szondis Institut im Januar 1969 zu ergründen. Das schnöde Ressentiment gegen das sogenannte Orchideenfach der Vergleichenden Literaturwissenschaft führte geradewegs in einen kriminellen Akt der Verwüstung. Das hielt Szondi nicht davon ab, die Täter aus prinzipiellen Erwägungen zu schützen.

Helmut Lethen hält sich strikt an die Stationen seines Lebens. Aus dem oft Anekdotischen eröffnen sich Zugänge zur allgemeinen Erkenntnis über eine Zeit des Umbruchs, über die nicht selten im Jargon der Verklärung berichtet wird. Dagegen ist der Distanzierungskünstler Lethen gefeit. Mit seinem Buch über „Verhaltenslehren der Kälte“ hatte er 1994 ein paradigmatisches Werk über theoretische Coolness geschrieben. Primär ging es um neusachliche Lebensentwürfe in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Tatsächlich aber hatte Lethen den Gegenentwurf zum Kult der Authentizität geschrieben, eine Art Abstandsgebot zur Therapie gegen allzu schnell verglühende Herzen.

Verdacht auf „Versöhnlertum“

Lethen ist ein souveräner Rückblick auf den Erfahrungshunger an der Schwelle zur akademischen Karriere gelungen, die für ihn früh zum Scheitern verurteilt schien. Weil er sich den an denkerischen Exerzitien reichen wie steinigen Umweg erlaubte, die maoistische Partei KPD/AO zu gründen, aus der er einige Jahre später wegen Verdachts auf Versöhnlertum ausgeschlossen wurde, bekam er Berufsverbot. Seinen spröden Kaderjahren schreibt Lethen aber die heilsame Funktion zu, die frei flottierenden politischen Energien nach 1968, die andernorts in unerbittliche Gewalt mündeten, vergleichsweise gesellschaftsschonend entweichen lassen zu haben.

Helmut Lethens erzählerisches Vermögen ermöglicht es, die Ebene des generationsbezogenen Rechenschaftsberichts zu verlassen und leidenschaftliche Lektüreerfahrungen nochmals zu vergegenwärtigen. Von Verrat und Renegatentum war mit Blick auf die Generation der 68er viel die Rede, Lethen unterstreicht die Möglichkeit einer Treue zu heiligen Texten Benjamins, Adornos & Co.

Der Titel der Erinnerungen ist Bertolt Brechts „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ entlehnt: „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Es schließt auch eine bittere persönliche Erfahrung am Ende eines um wissenschaftliche Erkenntnis ringenden Lebens ein.

Helmut Lethen ist verheiratet mit der 1975 geborenen Caroline Sommerfeld-Lethen, die als führende Aktivistin der rechtspopulistischen Identitären Bewegung gilt. In einer um Sachlichkeit bemühten Auseinandersetzung weist er die Annahmen seiner Frau über vermeintliche ethnische Einheiten als mythologisches Denken und Wunschfantasie zurück. Der innerfamiliäre Streit verrät viel über das heraufziehende gesellschaftliche Drama eines diskursiven Zerfalls. Auch im Hause Lethen drohen die Gespräche die Familie innerlich zu zerreißen.

So liest man nicht ohne Rührung und mit Skepsis auf guten Ausgang den emotionalen Schluss des Denkers der Coolness: „Aufgrund der politischen Position von Caroline wurden unsere Söhne aus der Waldorfschule ausgeschlossen. Auch wenn wir in fundamentalen politischen Fragen nicht übereinstimmen – ich liebe die Familie mit ihrem Pulsschlag des Daseins, dem Glück und den Mühen der Erziehung. Der Konflikt soll sie nicht zerreißen.“

Helmut Lethen:

Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Rowohlt Berlin 2020. 382 S., 24 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare