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„Dein Kleid will mich was lehren“.
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„Dein Kleid will mich was lehren“.

„Tannen. Ein Porträt“

Ein astreiner Hoffnungsbaum

  • vonOlaf Velte
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Und doch auch eine große Unbekannte, von der manche um Anerkennung und Standort ringt: Die Tanne im Porträt.

Die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. Kaum ist nach wenigen Absätzen das auf „Dein Kleid will mich was lehren“ endende und wohlberühmte Volkslied vollständig abgedruckt, schon bringt die gegenüberliegende Abbildung jede vorweihnachtliche Jubelstimmung zum Verklingen. Auf einem zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Ölgemälde versammelt sich eine Männerschar, um „unter Fanfarenstößen“ eine der letzten Weißtannen des Thüringer Waldes niederzulegen.

Unversöhnliche Stimmungslagen, zwischen denen dieses „Tannen“-Portrait auf 150 Seiten heftig changiert: Wiederkehrende Freude an unserem „Baum des Herzens“ – Angst vor Zuständen, durch die „fast ein Nachruf“ notwendig wird. Mit aufklärerischem Eifer widmet sich Forstwissenschaftler Wilhelm Bode der entsprechenden Bandbreite, will hineinleuchten in die „vermeintliche Waldliebe der Deutschen und ihrer gleichzeitig eklatanten Unkenntnis von ihren heimischen Bäumen“. Warum er sich dabei stets auf des Bundesbürgers und der Bundesbürgerin ästhetische Vernunft beruft, bleibt indes ein Rätsel.

Obwohl das erste Kapitel ohne Umschweife den „Lichterbaum, Treuebaum, Christbaum, Weltenbaum“ als „geliebte Unbekannte“ ins zarte Adventslicht stellt, ruht das Tannen-Thema nicht lange in selig machender Unbeschwertheit. Während die saisonal verehrte Nordmanntanne das heimische Wohnzimmer festlich aufwertet, ringt draußen die Weißtanne – „unser mächtigster europäischer Baum“ – um Standort und Anerkennung. Längst hat sich Abies alba aus dem großen Forstgefüge zurückgezogen, den Herrscherstab an die flach wurzelnde Rotfichte weitergereicht. Auch dieser „Brotbaum“ aber hat sich innerhalb weniger Jahre zum „Notbaum“ entwickelt.

Ist etwas faul im Staate Deutschwald? – Wie sich der ausgewiesene Naturschützer und vormalige Staatsbeamte Bode der Misere hiesiger Holzbewirtschaftung schließlich annimmt, das ist von ausgreifender Besessenheit, gerne auch polemisch überwürzt. Ein Büchlein, das unter falscher Flagge segelt, besser „Wider die deutsche Forstwirtschaft“ oder „Über die Fichtenmanie“ betitelt gewesen wäre. Dass die Waldungen heute „verfichtet“ sind, ist zwar offensichtlich, muss aber keineswegs in undifferenzierte Tiraden münden. Sachlich-unaufgeregt buchstabiert dagegen ein Forstmann aus dem Taunus die zu fordernde Dreiheit: „Kleinere Betriebe, Rückkehr zum Handwerk, naturgemäßer Waldbau.“

Buchinfo

Wilhelm Bode: Tannen. Ein Portrait. Naturkunden Bd. 67. Matthes & Seitz. 155 S., 20 Euro.

Auch wenn in der Naturkunden-Neuerscheinung das immergrüne und hoch aufragende Kieferngewächs zuweilen aus dem Blickfeld gerät, darf es die interessantesten Textstellen unter seiner majestätischen Silhouette versammeln. In den zwei Jahrhunderten seit Erfindung des weihnachtlichen „Tannenbaumes“ nutzen auch preußische und nationalsozialistische Kriegstreiber seine Strahlkraft, behängen die Zweige mit gläsernen Pickelhauben und kleinen Hakenkreuzen. Propaganda und Trost, Scheinheiligkeit und Glaubenstiefe baumeln hier eng beieinander.

Heute findet sich der hell glänzende und in Teilen „astreine“ Tannenstamm mehrheitlich im Schwarzwald. Zu der kulturhistorischen Regionalbindung gehört mühevolles Tagwerk: Köhler und Glasbläser, Holzhauer und Schreiner sind ohne das geruchlose Nadelholz nicht denkbar, immense Bedeutung kommt der Flößerei zu, dem „Holländerhandel“ im 18. und 19. Jahrhundert. 300 Meter lange Flöße werden rheinabwärts dirigiert, wo sich Schwarzwaldtannen in Schiffsmasten und Grundpfähle verwandeln. Zur Stunde steht die Stadt Amsterdam noch immer auf diesem dauerhaften „Floßholz“.

Dass die Tanne nicht alleine in deutschen Gefilden wurzelt, erfährt der Leser leider nur nebenbei und am Ende des Bändchens. Entfalten darf sich dort der nordamerikanische Gebirgsreichtum mit Küsten-, Colorado- und Pazifischer Edeltanne. – „Hoffnungsbäume“ für die im Klimawandel dürstenden Forstschläge deutscher Prägung?

Mit Schweigen bedacht ist der kulthafte Aspekt des uralten Pflanzenwesens. Robert Graves’ „Die weiße Göttin“ soll aufgeblättert werden: „Der erste Baum ist die Silbertanne.“ Geweiht der für Entbindungen verantwortlichen Mondgöttin Artemis, und bis dato bedeutendster „Geburts-Baum“ Nordeuropas.

An die Heilige Nacht, dieses vorchristliche Mysterium, darf ebenso gedacht werden wie an jene „brennenden Tannenfackeln“, die auf Orkney dreimal um das frische Kindsbett gewirbelt wurden. – Auf dass die Menschheit gesundet, endlich.

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