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Fast alle ergriffen früher oder später die Flucht vor ihr.

Else Lasker-Schüler-Biografie

Das Eigenweltinhaftierte

Kerstin Decker hat Else Lasker-Schüler eine Lebensbeschreibung gewidmet, die die große Lyrikerin beim Wort nehmen will. Wie in so vielen Künstlerbiografien der letzten Jahre, ist Empathie einmal mehr Trumpf. Von Oliver Pfohlmann

Von Oliver Pfohlmann

"Ich langweile mich so!": Dieser verzweifelte Kinderschrei von oben muss, glaubt man Else Lasker-Schülers autobiografischen Zeugnissen, irgendwann in den 1870er Jahren in Elberfeld an der Wupper vorbeieilende Passanten erschreckt haben. Wer stehen blieb und nach oben sah, entdeckte vielleicht das kleine, schwarzhaarige Mädchen, das vom "Turm" seines Elternhauses herab der Welt sein Leid klagte. Gegen ihr Ungenügen an der bloßen Realität spielte die jüdische Bankierstochter, die hierzulande die Performancekunst erfand, bis zu ihrem Tod 1945 in Jerusalem mit einer Radikalität an, der nur wenige gewachsen waren.

Kerstin Decker hat der "größten Lyrikerin, die Deutschland je hatte" (Gottfried Benn), eine Lebensbeschreibung gewidmet, die Lasker-Schüler beim Wort nehmen will. Weshalb die Berliner Journalistin über jenen angeblichen Turm, dessen Nicht-Existenz die Germanistik längst nachgewiesen hat, beinah trotzig schreibt: "Wenn jemals ein Haus einen Turm besaß, dann dieses in der Sadowastraße 7 in Elberfeld."

Nicht dass Kerstin Decker mit den Fakten ebenso frei umginge wie die Dichterin, die ihr Geburtsdatum von 1869 erst auf 1876, schließlich gar auf 1891 verlegte. Vielmehr versteht es Decker, ein Verständnis für die "seelische Wahrheit" hinter diesem kreativen Umgang mit der Wirklichkeit zu wecken, der es der Forschung bislang so schwer gemacht hat.

1927 erfüllt Lasker-Schüler einem Verehrer in Wien die Bitte um ein Foto von sich - und schickt eines der elfjährigen Else: "Auch das ist Realismus", kommentiert die Biografin, "denn ein Teil von ihr ist nie älter geworden. Seelen altern nicht, nur Gesichter." Kerstin Decker kann so - deutlicher als ihre Vorgängerin Sigrid Bauschinger - den Blick auf die tragikomischen Aspekte dieser bedingungslosen Künstlerexistenz erst in der Berliner Boheme, dann im Exil in der Schweiz und in Jerusalem lenken - etwa auf die Verblüffung der Dichterin, als alle Welt ihr 1926 zum 50. Geburtstag gratulieren wollte.

Einmal mehr also ist Empathie Trumpf, wie in so vielen Künstlerbiografien der letzten Jahre. Fast möchte man von einem "empathic turn" sprechen; die Spannweite reicht von Rainer Stachs großer Kafka-Trilogie bis zum biografischen Kitsch einer Birgit Lahann.

Kerstin Decker, die bereits über Heinrich Heine und Paula Modersohn-Becker geschrieben hat, befindet sich irgendwo dazwischen. Ihr Motto lautet: "Biografie ist radikale Vergegenwärtigung". Lebensgeschichte wird bei ihr mit Sprachlust und Ironie aufgelöst in eine romanähnliche Abfolge von Szenen, mit der Folge, dass sich der Leser irgendwann zwischen all den Nahaufnahmen verloren fühlt.

Dominierendes Stilmittel ist die erlebte Rede ("Von ihrem Mann will sie kein Geld nehmen. Wenn sie ein Kind bekommt, geht das niemanden etwas an, schon gar nicht ihren Mann."). Heikel wird so viel Einfühlung spätestens dann, wenn Decker mehr zu wissen glaubt als ihre Figur ("Sie weiß gewiss nicht mehr, wann sie dieses Gedicht gemacht hat. Sie ist nicht ihr Buchhalter.").

Für Decker war Else Lasker-Schüler, die sich in wilden Kostümen mal als "Tino von Bagdad", mal als "Jussuf, Prinz von Theben" inszenierte, eine "Eigenweltbewohnerin, auch - darin liegen ihr Glück und ihre Tragik zugleich - eine Eigenweltinhaftierte". Ihre Geburtsstunde als Dichterin habe Lasker-Schüler nicht erst erlebt, als um 1898/99 der Dichter-Vagabund Peter Hille ihr Mentor wurde, sondern, so Decker, bereits acht Jahre zuvor, nach dem Tod ihrer Mutter, der für die damals 21-Jährige eine "kosmische Katastrophe" gewesen sei.

Den braven, aber allzu bürgerlichen Arzt Berthold Lasker habe sie 1894 nicht geheiratet, um an seiner Seite in die Großstadt ziehen zu können, sondern in der (vergeblichen) Hoffnung, in der Ehe einen Ersatz für die verlorene elterliche Geborgenheit zu finden.

Bereits 1903 ließ sich die Dichterin scheiden. Inzwischen ist sie Mutter eines außerehelich gezeugten Sohnes - als Vater vermutet Decker den Anarchisten Senna Hoy, zum mutmaßlichen Zeugungszeitpunkt ein gerade mal 16-jähriger Jüngling. Noch im Scheidungsjahr heiratete sie Georg Levin, einen glücklosen literarischen Tausendsassa, der mit seiner Zeitschrift "Sturm" den Expressionismus mitbegründete. Levin war neun Jahre jünger und hieß fortan Herwarth Walden.

Die Muster sollten sich von nun an wiederholen. So erhielt jeder, der in den Spielbereich der Dichterin gelangte, einen eigenen Namen. Karl Kraus zum Beispiel: "Verährter Dalai Lama van Wien on Omgägend", schrieb sie ihm in ihrem Elberfelder Platt. "Wat söll eck? In die Depesche warn Drockfähler On nu, lewen Se´ wöll, ming verehrter Dalai Lama on eck ende met Luther sing Sprüchsken: Hier stonn eck, helpen Se meck eck kann nicht anders. Wat nu?"

Und fast alle ergriffen früher oder später die Flucht vor der meist mittellosen, exzentrischen und wohl allzu anstrengenden Künstlerin, die ihre diversen Geliebten mit Briefen und Gedichten bombardierte. Herwarth Walden floh in die Arme einer blonden "Lockenundame" aus Schweden, in jeder Hinsicht eine "Anti-Else". Und mit dem jungen Gottfried Benn, ihrem "Giselheer", führte Lasker-Schüler vor den Augen der Kaffeehaus-Bohème eines der atemberaubendsten lyrischen Duette der Literaturgeschichte auf, ehe Benn, so Decker, "in das Inkognito einer bürgerlichen Randexistenz" entkam.

Bei anderen löste die Dichterin gleich zu Beginn Abwehrreaktionen aus. Als sie bei einem Pragbesuch als "Prinz von Theben" die Aufmerksamkeit eines Schutzmanns erregte, erklärte der danebenstehende Franz Kafka: "Das ist nicht der Prinz von Theben, das ist nur eine Kuh vom Kurfürstendamm!"

Dabei war Else Lasker-Schüler, die sich gern als Indianer oder orientalischer Krieger bezeichnete, nichts weniger als weltfremd. Bis zu ihrer Flucht ins Exil 1933 zog sie mehr als einmal ganz real in den Krieg, gegen ausbeuterische Verleger ebenso wie gegen Nazi-Rowdys. Im Dezember 1930 schrieb sie nach der "Nollendorfschlacht" um die Verfilmung von Remarques "Im Westen nichts Neues" stolz: "Noch eine Wunde am Oberarm und Unterfußgelenk, so hab ich mich geschlagen mit den Nazis."

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