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Die deutsche TV-Moderatorin Jana Pareigis, Kuratorin Olumide Popoola und Autor Chris Abani (v.l.n.r.).

Berlin

Die eigenen Geschichten schreiben

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Afrikanische Literaturschaffende treten beim "Writing in Migration"-Festival selbstbewusst dem europäischen Blick entgegen.

Sein erstes Jahr in Schweden, sagt der nigerianische Autor Jude Dibia, habe er als „sehr widerwilliger Botschafter Afrikas“ verbracht. Wann immer etwas auf dem Kontinent passierte, habe man ihn um seine Meinung gebeten: „Dabei hatte ich gar keine Ahnung, was in Simbabwe gerade los ist.“ Ein Dilemma, dem sich viele afrikanische Autorinnen und Autoren ausgesetzt sähen, sagt die deutsch-nigerianische Schriftstellerin Olumide Popoola. Während europäische Literaturschaffende sich gerne auf eine unpolitische Position zurückzögen, werde von afrikanischen ständig verlangt, politisch zu sein. Als Kuratorin von Berlins erstem afrikanischen Literaturfestival „Writing in Migration“, das jetzt rund 30 Autorinnen und Autoren aus anglophonen Ländern und der Diaspora versammelte, sei es ihr deshalb auch darum gegangen, sich auf die Literatur an sich zu konzentrieren.

Drei Tage lang feierte das von der Literaturagentur „InterKontinental“ ausgerichtete Festival im Babylon-Kino das literarische Schaffen des Nachbarkontinents mit anregenden Diskussionen, Performances und Lesungen. Unpolitisch waren die Gespräche keineswegs. Doch das Politische war an den Stoff geknüpft, an die literarisch verhandelten Themen und die Produktionsbedingungen des globalen Buchmarktes, mit denen die Literaturschaffenden ringen.

„Als Autorin aus Afrika wird von dir erwartet, dem europäischen Publikum Afrika zu erklären“, sagte etwa die Südafrikanerin Henrietta Rose-Innes in einer Gesprächsrunde, die sich um die Renaissance der Kurzgeschichte drehte. Eben das aber, so die Nigerianerin Lesley Nneka Arimah, „sollte nicht von uns erwartet werden. All die falschen Narrative Afrikas haben wir nicht geschaffen – es ist nicht unser Job, sie zu korrigieren“.

Eine Korrektur der eingeschränkten Weltsicht auf die Literaturen Afrikas nahmen dennoch viele Festivalgäste vor. „Das Publikum weiß nicht zwingend, was es will, du musst neue Wünsche in ihm wecken“, sagte die Verlegerin Bibi Bakare-Yusuf, deren Verlag Cassava Republic aus Nigeria heraus nach Großbritannien und in die USA expandiert und auf diese Weise selbst bestimmt, welche Literatur es dem globalen Markt anbietet. „Europa ist besessen von Neuem und gerade scheint Afrika en vogue zu sein. Aber wir dürfen es nicht New York, London oder Paris überlassen zu definieren, was afrikanische Literatur ausmacht.“ Die südafrikanische Autorin Zukiswa Wanner stimmte ihr zu, dass es an der Zeit sei, auf dem Kontinent eigene Narrative zu formen – dafür sei es aber auch notwendig, über Sprachgrenzen hinweg in den Dialog zu treten und die Übersetzung auch in afrikanische Sprachen stärker zu fördern.

Die Frage der Sprache prägte überhaupt zahlreiche Gespräche – oft vor dem Hintergrund des einflussreichen Essaybandes „Dekolonisierung des Denkens“, in dem der kenianische Nobelpreisanwärter Ngugi wa Thiong’o einst über die Wiederaneignung afrikanischer Sprachen als Mittel der Befreiung von kolonialen Denkstrukturen sinnierte (und der stolze drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen nun auch endlich auf Deutsch vorliegt).

Sein Sohn Mukoma wa Ngugi hob den Wert von Sprache als Kulturträger hervor und fragte, „was verloren geht, wenn wir unsere eigenen Sprachen nicht nutzen“. – „Würde ich einen Roman auf Hausa schreiben statt auf Englisch, wäre es ein anderer, weil ich mir je nach Sprache eine andere Leserschaft vorstelle“, sagte auch der Nigerianer Helon Habila. „Welche Sprache du wählst, ist immer auch eine politische und ökonomische Entscheidung“, ergänzte die nigerianisch-britische Autorin Bernadine Evaristo, während der als Kind aus dem Kongo nach Großbritannien migrierte JJ Bola betonte, die Geschichte selbst verlange nach dem für sie jeweils passenden Idiom. „Ich glaube, wir geben der Frage der Kolonialsprachen zu viel Gewicht. Als Autor will ich einfach in der Sprache schreiben, in der ich mich am wohlsten fühle“, sagte Bola.

Ein Selbstbewusstsein der jüngeren Generation, das auch die finnisch-nigerianische Bloggerin Minna Salami vertrat: „Wichtiger, als die Sprache in der wir schreiben, ist mir, worüber gesprochen wird. Ich selbst spreche leider kein Yoruba. Aber ich kenne Menschen, die es tun und trotzdem einen kolonialisierten Geist haben.“ Salami als eine von vielen selbstbewusst-feministischen Stimmen des Festivals, betonte zudem, dass es eine Dekolonisierung des Denkens nur geben könne, wenn sie zugleich feministisch sei.

Auch Verlegerin Bakare-Yusuf hob hervor, dass es an der Zeit sei, über die „Trinität“ der alten Granden Chinua Achebe, Wole Soyinka und Ngugi wa Thiong’o hinweg zu denken und afrikanische Literatur unter Einbeziehung der wachsenden Zahl weiblicher und queerer Stimmen neu zu positionieren. „Ich nehme mir die Freiheit, in einem Land, das Homosexualität für illegal erklärt hat, die Geschichten queerer Frauen herauszubringen“, sagte Bakare-Yusuf mit Verweis auf die dieser Tage erschienene Anthologie „She Called me Woman“.

Und: „Das 21. Jahrhundert wird weiblich sein“, sagten sie und der nigerianische Schriftsteller Chris Abani an unterschiedlichen Punkten des Festivals fast wortgleich.

Die literarische Präsenz von Frauen war während der drei Tage überdeutlich. Sie schreiben etwa über eine lesbische Jugendliebe in Zeiten des Biafrakrieges (Chinelo Okparanta: „Under the Udala Trees“) oder darüber, was ungewünschte Kinderlosigkeit mit einer Ehe macht, wenn der Wert einer Frau an Mutterschaft geknüpft wird (Ayobami Adebayo: „Stay with me“). Sie erkunden die Lebensrealitäten schwarzer Sexarbeiterinnen in Belgien (Chika Unigwe: „Schwarze Schwestern“) oder den Nachbarschaftsstreit zwischen einer schwarzen und einer weißen Südafrikanerin (Yewande Omotoso: „Die Frau nebenan“) – um nur einige der erschreckend wenigen beim Festival vertretenen Werke zu nennen, die auch ins Deutsche übersetzt wurden oder in Kürze erscheinen.

Das afrikanische Literaturfestival, das künftig jährlich mit jeweils unterschiedlichem Fokus stattfinden soll, macht Hoffnung, dass ihr Schaffen auch hierzulande künftig stärker wahrgenommen wird.

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