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Anita Djafari mit den Erzeugnissen, die ihr Leben bestimmen: Bücher.

Bücherfrau des Jahres

Ehrung für Anita Djafari

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Anita Djafari ist „Bücherfrau des Jahres“. Seit 1980 kämpft sie für Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika.

Die letzten Stunden vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Die Anspannung wächst beim 100-köpfigen Team im Haus des Buches an der Braubachstraße. Vor dem Eingang werden unermüdlich Lastwagen beladen, die Richtung Messegelände aufbrechen. Anita Djafari wirkt im Trubel gelassen und entspannt. Wie jemand nur sein kann, der seit mehr als 35 Jahren in Afrika, Asien und Lateinamerika unterwegs ist, dort für die Buchkulturen kämpft.

Nur eines kann die Geschäftsführerin der Gesellschaft litprom tatsächlich aufregen: Wenn jemand diese Länder noch unter dem Schlagwort „Dritte Welt“ zusammenfasst. Das empfindet die 63-Jährige als Diskriminierung: „Diese Worte sollte man wirklich nicht mehr verwenden.“

Seit 1980 ist die Literaturwissenschaftlerin nun in der Fremde unterwegs auf der Spur ferner Buchkulturen. Unterstützt Verlage, Autorinnen und Autoren zwischen Nigeria und Haiti, Kolumbien und Indonesien. Ohne dabei selbst allzu sehr ins Rampenlicht zu treten. Das ändert sich nun: Djafari wird am Donnerstag auf der Buchmesse als „Bücherfrau des Jahres“ 2016 in Deutschland ausgezeichnet. Als „unermüdliche Netzwerkerin mit leidenschaftlichem Engagement“, wie es der Verein BücherFrauen (Women in publishing) formuliert. Ohne sie, „ihre Überzeugungsarbeit, ihre Beharrlichkeit, ihren Sachverstand und ihre langjährige Erfahrung wäre das kulturelle Leben Deutschlands, wenn nicht der ganzen Welt, ein ganzes Stück ärmer“, heißt es weiter.

Djafari ist viel auf Reisen

Von der Auszeichnung erfuhr die Tochter eines Bergbauern aus der Rhön in einer für sie typischen Situation – kurz vor dem Abflug auf dem Rhein-Main-Flughafen, diesmal zur Buchmesse nach Teheran. Den gesellschaftlichen Aufbruch im Iran unterstützt sie mit besonderer Vehemenz, ist sie doch mit einem Iraner verheiratet. „Da schlägt mein Herz – da tut sich was“, sagt Anita Djafari mit strahlendem Lächeln.

Sie spricht leise, aber bestimmt. Und blättert im Gespräch eine erstaunliche Karriere auf, die im Bergstädtchen Thann in der Rhön ihren Ausgang nahm. Zu Hause, auf dem Bauernhof, gab es nur ein einziges Buch, den „Struwwelpeter“, aus dem der Vater seiner Tochter stets vorlas. Die Eltern erlaubten der Tochter schon früh, den kleinen Raum im Bürgermeisteramt aufzusuchen, in dem einige Bücherregale standen – das war die öffentliche Bibliothek. Und Anita las sich quer durch die gesamte Literatur – von Michael Ende bis Selma Lagerlöf.

Mit 17 brach sie auf aus der provinziellen Enge. „Fulda war mir zu schwarz und zu konservativ – Frankfurt war meine Stadt!“ Die junge Frau fand eine Anstellung in einem Reisebüro. „Ich war nie zuvor in Urlaub gefahren, so was gab es in der Rhön nicht.“ Jetzt arbeitete sie plötzlich in der Fernreiseabteilung in einer Neckermann-Filiale. Und reiste tatsächlich. Im Alter von 19 Jahren kam sie zum ersten Mal nach Afrika, nach Tansania, um Hotels zu testen. Zu Hause in Frankfurt war die 68er Revolte in vollem Gang: Demonstrationen, die Goethe-Universität wandelte sich zur Karl- Marx-Uni, wurde besetzt.

Die angehende Reisekauffrau wohnte in einer WG in Bad Soden, die den schönen Namen „Villa Sanssouci“ trug. Immer neue Destinationen lernte sie kennen: Kenia, Thailand, Malaysia, Hongkong, Singapur. Djafari veränderte sich: Sie wusste, dass das Reisebüro nicht die Endstation sein sollte, holte das Abitur auf dem Abendgymnasium nach, studierte Germanistik und Anglistik. Das Radio zog sie magisch an, die politische Journalistin Ulrike Holler wurde ihr Idol. Aber auch Hanns Verres, legendärer Moderator des Hessischen Rundfunks, begeisterte sie. „Ich wäre gerne Radio-Moderatorin geworden.“ Noch heute beschreibt sie das Radio als „Refugium“: „Wenn ich zuhöre, ist das eine Art Zuspruch für mich, da werde ich ganz ruhig.“

Kampf um Rechte von Frauen nötiger denn je

Bei ihren Fernreisen lernt sie heimische Autorinnen und Autoren kennen, von denen niemand in Europa weiß, liest die wenigen englischen Übersetzungen, etwa von Romanen der Nigerianerin Buchi Emecheta. Anita Djafari verfasst ihre Examensarbeit an der Frankfurter Universität zu afrikanischer Frauenliteratur. Als 1980 „Schwarzafrika“ zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse wird – eine heute undenkbare Kategorie – gehört die Weitgereiste zum Team.

1980 gründet sie mit anderen Frauen die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Am Anfang ist das kleine Team in völlig heruntergekommenen Räumen der Buchmesse an der Konstablerwache untergebracht. Doch Djafaris prägende Charaktereigenschaft ist Beharrlichkeit: Nach und nach baut sie ein weltweites Netzwerk von Kontakten auf. 1987 wird erstmals der Liberaturpreis vergeben, gedacht für Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt.

Anita Djafari macht sich nichts vor. „Der Kampf um die Rechte von Frauen ist härter und notwendiger denn je“, sagt sie unumwunden. Dabei spricht sie nicht nur vom Vordringen islamistischer Bewegungen, für die Frauen rechtlos sind. „Schauen Sie sich die Äußerungen des US-Präsidentschaftskandidaten Trump an – ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist!“

Nur wenigen aus den Litprom-Ländern ist literarischer Erfolg vergönnt. Die Algerierin Assia Djebar, Liberaturpreisträgerin, bleibt eine Ausnahme.
Es kommt die Sprache auf Haiti. „Was von diesem kleinen, gebeutelten Land an großer Literatur kam und kommt, ist umwerfend“, sagt Djafari. Und nennt Namen: Edwige Danticat, Yanick Lahens, Gary Victor. Lesetipps von einer Frau, die es wissen muss.

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