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Der kontroverse französische Schriftsteller Michel Houellebecq.
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Der kontroverse französische Schriftsteller Michel Houellebecq.

Michel Houellebecq im Interview

„Ehrlich gesagt, ist mir das ein wenig egal“

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq über seinen neuen Roman "Karte und Gebiet", die Vorzüge der Prostituion und seine Haltung zu den Volksaufständen in Nordafrika

Herr Houellebecq, erfreut, Sie an einem Stück anzutreffen!

Freut mich auch.

Wie ist es, in einem Roman seine eigene Ermordung und Zerstückelung zu beschreiben?

Das ist ziemlich leicht. Es ist auch keine besondere Schwierigkeit, sich seinen Tod bildhaft vorzustellen.

Früher trug eine Ihrer Figuren schon Ihren Vornamen; jetzt tauchen Sie als der Schriftsteller Michel Houellebecq auf.

Das ist eine Romanfigur wie jede andere auch, nicht einmal die Hauptperson.

Gerade freundlich gehen Sie mit sich nicht um. Unter anderem beschreiben Sie sich als Einzelgänger voller Menschenverachtung, der „ein bisschen stank“.

Ein paar gute Dinge sage ich auch von mir, sonst klänge das Ganze unglaubwürdig. Aber die in dem Buch beschriebene Person ist nun einmal eine Darstellung, zu der ich das gleiche Verhältnis habe wie zu jemandem, den ich vom Fernsehen oder seinen Büchern kenne.

Franzosen nehmen sich nicht gern auf die Schippe, Sie hingegen schon. Vielleicht, weil Sie vor allem in Irland und Andalusien leben?

Keine Ahnung. Humor ist für mich keine Leistung, und wenn, dann besteht er oft darin, sich über sich selbst lustig zu machen. Das erfolgt bei mir nicht sehr überlegt.

Amüsieren Sie sich gelegentlich beim Schreiben?

Ja, wenn mir etwas Lustiges einfällt. Auch wenn das beim Durchlesen nicht anhält. Wenn man einen Scherz zum zehnten Mal liest, lacht man nicht mehr. Dann muss man aufpassen, dass man die Stelle nicht wieder streicht. Man muss als Autor spüren, was zum Lachen bringt, auch wenn man längst nicht mehr lacht.

Ihrem neusten Roman haftet etwas Trostloses an. Frankreich beschreiben Sie in einer nahen Zukunft als eine Art museales Disneyland, wo reiche Russen und Chinesen Tourismus – auch Sextourismus – betreiben oder sich auf dem Land niederlassen.

So sehe ich nun mal die Entwicklung. Frankreich wird nicht mehr produzieren, sondern zur Tourismusdestination. Die Franzosen werden sich aufs Land begeben, da sich die Wohnbedingungen in den Großstädten ständig verschlechtern. In Paris zwängen sich Familien heute zu Horrorpreisen in winzige Wohnungen.

Die Landbewohner sind bei Ihnen „ungastlich, aggressiv und dumm“.

In meiner Zukunftsvision werden sie aber liebenswürdig, um die wohlhabenden Städter und Touristen zu empfangen und bewirten. Und wenn man eine solche Rolle spielen muss, nimmt man sie schließlich an.

Das einzige Wort, das die Hauptfigur Jed während eines Monates sagt, ist das „Nein“ auf die Frage der Supermarktkassiererin, ob er eine Kundenkarte habe.

Ja.

Schmerzlich auch die Kommunikation mit seinem Vater, bevor dieser Sterbehilfe in Anspruch nimmt. Die Sterbehilfe-Organisation Dignitas ist offensichtlich nicht Ihr Fall: Im Buch versetzt Jed einer Verantwortlichen der Organisation einen Kinnhaken.

Stimmt, das ist eine ziemlich gelungene Szene in meinem Buch.

Warum sind Sie gegen Sterbehilfe?

Ganz einfach, weil das Mord ist.Das kann man leider nicht anders nennen: Beihilfe zum Selbstmord ist eine Art von Mord.

Dignitas ging gerichtlich – erfolglos – gegen die Buchpassagen vor. Was antworten Sie?

Nichts. Ich bin gegen Dignitas, weil Sterbehilfe Mord ist, das ist alles. Ich will nicht gegen sie argumentieren, ich will sie bekämpfen.

Waren Sie für die Recherchen in Zürich bei Dignitas?

Ich wollte hinfahren, habe es dann aber sein lassen. Als ich das Kapitel zur Euthanasie fertig hatte, war ich zufrieden damit. Ich wusste, dass ich es verändern würde, wenn ich hinreisen würde, also ließ ich es sein. Ich schaute auf Google Maps nach, wo Dignitas liegt. In der gleichen Straße stieß ich übrigens auf ein Bordell, dessen Namen ich übernehmen konnte. Das hat mir gefallen.

Wobei Sie nicht verhehlen, dass die Angaben aus dem Internet stammen. Sie übernehmen ganze Wikipedia-Einträge. Es sind keine Plagiate, da Sie dazu stehen. Handelt es sich eher um eine zeitgenössische Form des Schreibprozesses?

Zeitgenössisch? Lautréamont machte das schon im 19. Jahrhundert, später auch Perec oder Danilo Kis. Wenn Sie eine Mücke beschreiben wollen und in einem alten Nachschlagewerk oder Wikipedia suchen, finden Sie in etwa dieselben Informationen.

Spielen Sie mit den Bruchstellen zwischen den Wikipedia- und den literarischen Passagen?

Nein, das ergibt sich einfach so. Ich mag solche Stellen, aber ich will sie auch nicht übertreiben. Manchmal versuche ich, Sätze aus Gebrauchsanweisungen einzubauen, doch das ist schwierig. Von der kroatischen Insel Hvar habe ich hingegen Fremdenverkehrsangaben im Internet gefunden, die ich verwenden konnte.

Altern Ihre Romane schnell? Einzelne der von Ihnen genannten Prominenten dürften nicht gerade in die Geschichte eingehen.

Gerade deshalb nehme ich sie in das Buch auf! Ein Roman muss altern. Er spielt zu einer gegebenen Zeit, an einem bestimmten Ort. Er ist keine Poesie, sondern handelt vom Zustand der Welt. Eines der großen Vergnügen beim Lesen besteht doch darin, in eine bestimmte Zeit einzutauchen. Wenn ich Balzac lese, freue ich mich auch, wenn er Zeitgenossen porträtiert.

Anders als Balzac nennen Sie ihre Namen. Sie mögen das Namedropping: Kate Moss, George Clooney, Jeff Koons, Angelina Jolie, Silvio Berlusconi. Warum nicht Sarkozy?

Da bot sich kein Anlass. Politiker erwähne ich ohnehin ungern.

Ich dachte an den Rolex-Träger Sarkozy, als Sie das legendäre Uhrmodell Oyster Perpetual Day-Date erwähnen.

Rolex existiert bedeutend länger als Sarkozy! Ich habe diese Uhrenmarke erwähnt, weil sie gut klingt, weil sie ein Luxusobjekt ist. Und diese Uhr reicht am ehesten an die Perfektion und Zuverlässigkeit einer idealen Uhr heran.

Lieben Sie den Luxus?

Das interessiert mich nicht.

Stimmt, Sie nehmen ja auch Ryanair...

Aber nicht, weil es billig ist.

Zwischen Irland und Paris wäre doch ein Privatjet praktisch.

Das ist sehr teuer. Zu teuer für mich.

Haben Sie sich erkundigt?

Ja, aber vor allem, weil ich viel rauche. Das erschwert das Fliegen sehr.

Unschwer zu erraten ist, dass Sie Landkarten mögen. In Ihrem Buch sagen Sie, die seien interessanter als das jeweils abgebildete Gebiet.

Ich habe eine Leidenschaft für Landkarten. Die sind pittoresk, poetisch....

Sie, der sicher viel Zeitung liest...

Ich lese fast nie Zeitung.

...was halten Sie denn vom „arabischen Frühling“?

Nichts. Ehrlich gesagt ist mir das ein wenig egal.

Aber Sie, der gerne auf dem Islam herumhackt, müssen doch feststellen, dass junge Araber das Gleiche wollen wie junge Europäer – Demokratie, Freiheit, Wohlstandsverteilung.

Wenn die Leute genug haben von ihren Machthabern, von der Korruption, müssen sie etwas tun, um das zu ändern. In einigen Ländern würden oder werden sie vielleicht islamistische Parteien wählen. Dann werden sie ja sehen.

Was denken Sie als ausgebildeter Ingenieur (Bereich Agronomie) über das nukleare Desaster in Japan?

Die Japaner enttäuschen mich ein wenig. Bei Tschernobyl musste man mit einem Unfall rechnen. Aber in Japan ist das erstaunlich.

In Ihrem Buch ist der Tod, auch der Niedergang omnipräsent. Denken Sie, dass die Technik unser Verderben sein wird?

Nicht unbedingt. Ich bin weiterhin für die Technik und die Atomkraft. Ich stehe der Umweltbewegung nicht sehr nahe.

Vor wenigen Tagen haben Sie die Grünen in Israel als „Kollabos“ beschimpft, ein Wort für Nazi-Kollaborateure. Eine typische Houellebecq-Provokation?

In Israel wirkte das gar nicht wie eine Provokation. Dort denkt man, dass alle Europäer gegen die Israelis seien, was in meinem Fall nicht stimmt. Die Grünen sind hingegen schon antiisraelisch.

Die Moslems provozieren Sie aber gerne.

Jede Religion organisiert das Zusammenleben, und der Islam besonders wirkungsvoll. Darum kommt er auf eine viel höhere Geburtenrate als Europa oder Japan. Ich sage nur, wie die Dinge liegen, und was ich von ihnen halte, ohne die Provokation zu suchen. Ich denke, mein Image als Provokateur ist überzeichnet.

Stimmt, in Ihrem Buch schreiben Sie nur über den Hintern von Afrikanerinnen beim Gebet oder den Aufpreis für Analverkehr bei Prostituierten. Neuerdings nennen Sie sie Escort Girls...

Die gibt es in Ländern wie Frankreich, wo die Prostitution verboten ist, im Unterschied etwa zu Deutschland, wo es noch Bordelle gibt. In Paris arbeiten sie mit Telefon und Internet. Das mag ich eher. In dem Buch geht es dem Escort Girl auch gut.

Hat die Prostitution also auch gute Seiten?

Nur gute. Zum Glück gibt es sie.

Sie haben für Ihr jüngstes Buch den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, den Goncourt, erhalten. Eine Ehrung für den Bürgerschreck?

Ich sehe darin eine Bestätigung und eine Ehrung. Dazu eine Orientierungshilfe für Leute, die nur ein Buch im Jahr kaufen.

Sartre hatte den Nobelpreis zurückgewiesen.

Dazu muss man einen Grund haben. Ich frage mich, welchen Sartre hatte. Erinnern Sie sich?

Nicht genau, ich glaube, es hatte was mit der Zurückweisung westlicher Symbole in Zeiten des Kalten Kriegs zu tun. Das führt mich zu der Frage: Was bewegt Sie zum Schreiben?

Sagen wir, es beruhigt.

Interview: Stefan Brändle

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