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Ehre und Rache

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Von: Arno Widmann

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Orest, hier 2013 dargestellt durch den Bassbariton Evgeny Nikitin in Richard Strauss? "Elektra" an der Opera Bastille in Paris.
Orest, hier 2013 dargestellt durch den Bassbariton Evgeny Nikitin in Richard Strauss? "Elektra" an der Opera Bastille in Paris. © afp

"Die Würde des Menschen ist unantastbar" heißt es im Grundgesetz. In der Wirklichkeit sieht das ganz anders aus. Ein Blick 2500 Jahre zurück ins alte Griechenland.

Der verletzten Ehre folgt die Rache auf den Fuß. Gesellschaften, die um die Ehre kreisen, sind Rache-, gerne auch Blutrachegesellschaften. So haben wir es gelernt, so lesen wir es Tag für Tag, so habe ich es womöglich auch schon geschrieben. Tatsächlich gibt es Gesellschaften, oder doch Subgesellschaften, in denen die beiden so eng zusammengeführt sind. Ganz falsch aber wäre es, die Rache als einen Reflex auf verletzte Ehre zu sehen. „Wie ein Bein beim Schlag des ärztlichen Hammers auf die Patellarsehne unterhalb der Kniescheibe hochschnellt, sollen Menschen, in ihrer Ehre getroffen, aufschrecken.“ So charakterisiert diese Auffassung Philipp Ruch in seinem sie gründlich widerlegenden Buch „Ehre und Rache – Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“. 

Ruch zeigt in einer detaillierten Analyse der antiken griechischen Überlieferung, dass eine Reihe von Vorstellungen, die wir heute mit beiden Begriffen verbinden, damals nicht galten. Dass sie, genauer betrachtet, wohl auch heute nicht gelten. Heute sind Goldmedaillen in der Regel nicht aus Gold. In der Antike wurden Athleten mit gewaltigen Geschenken geehrt. Es war ein gutes Geschäft, in einem Wettrennen Sieger zu sein. Nach Ehre zu streben, war nicht das Gegenteil von Gelderwerb, sondern ein probater Weg dazu. Jemandem die Ehre streitig zu machen, hieß, ihm etwas von seinem Besitz wegnehmen. Zu dem natürlich auch die Ehefrau und das Personal gehörte.

Ehre war also kein Fantasieprodukt. Sie fand nicht nur in den Köpfen der Menschen statt. Sie war höchst real und war vor aller Augen sichtbar in prächtigen Anwesen, schönen Gemahlinnen, Goldgefäßen und vielem Bargeld. Das war, anders als heute, kein Fantasieprodukt, also nicht aus Papier, sondern aus Edelmetall. Manche machen sich heute lustig über den Stolz , mit dem einige unserer Mitbürger ihre Orden aus Stoff und Blech tragen. Immerhin hat der Staat, in dem wir andere – ungerechterweise – vor allem den Steuereintreiber erkennen, sie wahrgenommen. Aber ein antiker Grieche hätte es als Kränkung seiner Ehre empfunden, wenn man ihn mit ein wenig Lametta abgespeist hätte. Dass das bei uns nicht so ganz anders ist, darüber klärt Ruch in einer Fußnote auf: „Der ‚Ehrensold‘ ehemaliger Bundespräsidenten betrug im Jahr 2012 199 000 Euro.“ (Im Jahr darauf wurde er auf 217 000 Euro erhöht.)

Ja, die Fußnoten! Lesen Sie sie nicht! Sie werden Sie ablenken, Sie fortwährend auf andere Gedanken bringen. Lesen Sie erst das Buch. Oder doch das jeweilige Kapitel und erst dann die Fußnoten! Aber lesen müssen Sie sie dann unbedingt. Zum Beispiel diese: „Begegnen sich die Perser auf der Straße, so kann man sehen, ob sie gleichen Ranges sind, und zwar daran: Statt einander ein Grußwort zu sagen, küssen sie sich auf den Mund; ist der eine etwas geringer, küssen sie sich die Wangen“, erklärte Herodot im 5. vorchristlichen Jahrhundert. So belehrt, schaut man sich die sozialistischen Bruderküsse der zweiten Hälfte des 20. nachchristlichen Jahrhunderts doch gleich mit ganz anderen Augen an. Wenn Breschnew Honecker die Lippen reicht, dann ist das die Ehrerweisung eines Höhergestellten an den Rangniedrigeren. Wie Sie sehen, führen die Fußnoten nicht wirklich weg vom Gang der Argumentation, sondern immer wieder auch mitten in sie hinein. 

Ruch zitiert immer wieder auch nachantike Autoren, er setzt sich detailliert mit der aktuellen Forschung auseinander, spart nicht mit Lob und Tadel. Aber er tut das gerade weil er die altgriechischen Vorstellungen in aller Klarheit herauspräparieren möchte.

Ehre war also kein Ersatz für materielle Zuwendungen. Ehre war auch kein bloßes Gefühl, sondern ein Status. Die Herrschaft der Geldbürger nannte man im alten Athen Timokratie, von timé (Ehre) und krátos (Herrschaft). Das ist das Gegenteil unseres heutigen Ehrbegriffs. Ehre war auch nicht etwas, das nur der Einzelne hatte. Es gab ebenso die Ehre der Gruppe, des Staates und auch die der Menschheit. Diese Ehren müssen gegeneinander abgewogen werden. Wer die eigene Ehre über die der Gruppe, der Polis gar, stellt, der muss damit rechnen, aus ihr verwiesen zu werden. Wir alle erinnern uns an den gerade verstorbenen Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, der seine eigene private Ehre – sein angebliches Ehrenwort an die angeblichen Parteispender – über das Gesetz stellte. Athen hätte ihn ausgewiesen. Das ist mein Schluss aus der Ruch-Lektüre.

ei Ruch kommt Kohl nicht vor. Kohl hatte überhaupt nicht das Recht, sein Ehrenwort zu geben in einer Sache, die nicht ihn allein, sondern die Partei betraf. Er verletzte mit seinem Ehrenwort die Ehre der Partei. Es war nicht Kohls Stellvertreter Wolfgang Schäuble, der damals die Ehre der CDU rettete. Es war Angela Merkel, die es mit ihrem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22.12. 1999 tat. Ich schweife ab. Aber das tut man bei der Lektüre von Ruchs Buch in fast jeder Zeile. Der Autor bringt einen auf Gedanken, in dem er einen weg bringt von alten Gedanken.

Der Leser begreift zum Beispiel, dass die Ehre, die Ehrverletzung auch in der Antike schon als Vorwand verwendet wurde für Schweinereien, die man schon lange vorhatte. Gerade darum gab es schon damals eine so detaillierte Auseinandersetzung um sie. Vielleicht trug ja die Tatsache, dass sie mit so großen Aufwendungen verbunden war, auch ein wenig dazu bei. Aber die Hauptarbeit bestand in der Austarierung der Frage, wann denn eine Ehrverletzung vorlag und wie mit ihr umzugehen war. Es ging hier gerade nicht um Reflexe, sondern um Reflexion. Ehrenfragen, das macht Ruch überdeutlich klar, waren Rechtsfragen und mussten mit eben der Subtilität behandelt werden, die wir von unseren Rechtspflegern kennen. Aber auch mit der Brutalität, von der wir behaupten, wir hätten sie dem Machtmonopol des Staates übertragen, obwohl wir sie doch jeden Tag auch noch an zig anderen Stellen erleben.

Ruchs Lektüre der „Orestie“ macht deutlich, dass es sich dabei um einen raffinierten dramatischen Plot handelt, der gerade der Erzeugung der Gefühle dient, die dem Helden Orestes erst eingebläut werden müssen. Seine Mutter hat seinen Vater getötet. Orestes hat keine Rachegefühle. Er befolgt sakrale Gesetze. Vier Mal betont er im Drama, er töte seine Mutter „mit vollem Recht“. Am Grab seines Vater erklärt er: „Der Befehl Apollons führt mich her“. Kurz bevor er seine Mutter umbringt, sagt er ihr: „Du selbst bist es, die dich tödlich trifft, nicht ich.“ Das ist der Standpunkt des delphischen Gesetzes. Es handelt sich also nicht um eine sich endlos fortsetzende Blutrache, sondern um einen finalen Ausgleich. Bei Sophokles findet man einen ähnlichen Grundsatz: „Niemandem wird eine Strafe vom Schicksal zuteil, der vergilt, was er litt.“ Wir sehen das heute anders. Marianne Bachmeier, die den Mörder ihrer Tochter 1981 in einem Lübecker Gerichtssaal erschoss, wurde vor Gericht gestellt und verurteilt, allerdings nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags. Nach drei Jahren kam sie wieder frei. 

Zurück zu Ruch: „Das antike Racherecht ahndet nicht nur ein Zuviel an Gewalt, sondern auch ein Zuwenig.“ Auch die Racheunwilligkeit ist zu bestrafen. Das zeigt, so Ruch, dass die Gesetze nicht dazu da sind, die überschäumenden Affekte zu drosseln. Sie dienen auch dazu, sie zu erzeugen. Es gab Gesetze, die verlangten, dass bei einem Ehebruch nicht nur der Ehebrecher, sondern auch die Frau, selbst wenn sie vergewaltigt worden war, umgebracht werden musste. Ruch schreibt: „Was immer der Gedanke hinter der Verabschiedung eines Gesetzes zur Tötung der eigenen Ehefrau (oder Tochter) gewesen sein mag, es zeigt etwas, das an der griechischen ‚Blutrache‘ ganz allgemein zu beobachten ist: Das Recht ‚genehmigt‘ keine Gewalt. Es presst sie ab.“ Und weiter: „Die Entwicklung der Rache kann nicht einzig als „Geschichte der Domestizierung physischer Gewalt‘ (Niklas Luhmann) erzählt werden; für den Übergang von der homerischen zur archaischen Zeit handelt es sich vielmehr um die Geschichte der Evozierung physischer Gewalt durch das Recht.“ 

Zu lange hat das Bild vom blutdürstigen Wilden, der im Prozess der Zivilisation domestiziert wird, unser Geschichtsbild geprägt. Ruch zeigt, dass auch der Wilde das Produkt eines Zivilisationsprozesses ist. Dessen höchstes Ziel eben nicht die Gewaltreduktion ist. Aischylos, der Autor der „Orestie“, ist ein „Erkunder der Strenge der Rechtspflichten“, der „Entdecker der Tragödie des Müssens“. Das heute oft beschworene „Rachegelüst“, gegen das Gesetzlichkeit und das Machtmonopol des Staates beschworen werden, existiert in der von Ruch beschriebenen Welt nicht. Dort muss es durchs Gesetz erst hergestellt werden. 

Ehre und Rache sind keine anthropologischen Größen, sondern Rechtskonstrukte, die anderen Rechtskonstruktionen Platz machen können. Artikel 1 des Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nicht die Ehre. Die taucht dann im Artikel 5 auf. Die Freiheit der Meinungsäußerung endet beim „Recht der persönlichen Ehre.“ Die Rechtsprechung der letzten Jahre allerdings hatte meist zugunsten der Meinungsfreiheit entschieden. Das wird sich möglicherweise jetzt dank der Hassmails ändern. 

Der 14. Abschnitt unseres Strafgesetzbuches wird gerne „Straftaten gegen die Ehre“ genannt. Er beschäftigt sich mit „Beleidigung“, „Üble Nachrede“, „Verleumdung“ und „Verunglimpfung“. Das Wort „Ehre“ taucht, wenn ich richtig gelesen habe, an keiner Stelle auf. Das hindert Kommentatoren nicht daran, sie wieder einzuführen. Zum Beispiel sei eine Beleidigung „ein Angriff auf die Ehre einer anderen Person“. Der Witz ist aber doch, dass das Gesetz auf den Gebrauch des Begriffs der Ehre gerade verzichtet. Wir haben uns sehr weit von einer Ehrengesellschaft entfernt. Aber nicht nur das Beispiel des Kommentars, sondern auch das Helmut Kohls, oder das Ehrenwort von 1987 seines Parteigenossen Uwe Barschel, zeigen, dass selbst die Inhaber höchster Ämter in der Not gerne auf die von Ruch uns vor Augen geführte andere Rechtsordnung zurückgreifen. Sie tun freilich so, als handele es sich nicht um Produkte eines Rechtssystems, sondern gewissermaßen um vorgesellschaftliche Urtatbestände, denen sich eine so ephemere Erscheinung wie die Gesetze der Bundesrepublik unterzuordnen haben. Kohl gehörte auch zu denjenigen, die sich immer wieder gerne gegen die Idee eines Verfassungspatriotismus ausgesprochen haben. Er wusste warum. 

Philipp Ruchs Buch endet mit einer erschütternden Überlegung zum Ehrverlust des Grundgesetzes: „Da die Würde des Menschen als unverlierbar gedacht wird, bedarf es formallogisch – im Unterschied zur Ehre – keiner Wiederherstellung. Was den Begriff der ‚Würde‘ daher am deutlichsten von der Ehre trennt, ist die Abstraktion der Legitimität von Gewaltrechten.“ Man hat dem Bürger mit der Ehre das Recht auf Rebellion genommen. Und den Opfern, so Ruch, die Möglichkeit, die Täter konsequent zur Verantwortung zu ziehen.

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