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Eduard von Keyserling (1855-1918), wie der Maler Lovis Corinth ihn 1900 sah.
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Eduard von Keyserling (1855-1918), wie der Maler Lovis Corinth ihn 1900 sah.

Eduard von Keyserling

Eduard von Keyserling: „Kostbarkeiten des Lebens“ – Einladung ins Feuilleton

  • VonEberhard Geisler
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Das Dasein als lebendes Ganzes fühlen und sehen: Der Schriftsteller Eduard von Keyserling und das einzig ernstzunehmende literarische Genre.

Der Manesse Verlag ergänzt jetzt seine Schwabinger Ausgabe der Werke Eduard von Keyserlings mit einem gewichtigen Band, der Feuilletons und Briefe dieses Autors sowie reiches biographisches Material enthält. Während Unerfahrene sicher besser zunächst beispielsweise Keyserlings wunderbaren Roman „Wellen“ lesen sollten, von dessen tiefen Einsichten sich manche Schulweisheit nichts träumen lässt, ist das neue Buch für den, der den Autor bereits zu schätzen weiß, eine einzigartige, nahezu unverzichtbare Fundgrube.

Eduard von Keyserling, 1855 geboren, entstammte einem baltischen Adelsgeschlecht, und die Herkunft aus der Aristokratie bestimmte sowohl seinen Umgang mit anderen Menschen als selbstverständlich auch seine Prosa. Es gibt in diesem Band kurze Texte, die den aristokratischen Gestus des ne quid nimis – bloß nichts übertreiben! – auf das Schreiben übertragen und dabei von beeindruckender Sachkenntnis sind.

Mit zwei Sätzen, in einem Beitrag zu einem Almanach des Jahres 1905, charakterisiert er das Werk Friedrich Schillers auf eine Art und Weise, die, ohne dass ein böses Wort fiele, den Verdacht nahelegt, es handle sich dabei letztlich doch um einen etwas hohlen Idealismus: „Schiller gehört, wie die Religion, schon früh in unsere Jugend hinein. Auch bei ihm soll in die Zeit, da wir ihn verstehn, etwas von dem Glanze jener Zeit noch fallen, da wir ihm ganz glaubten, ohne ihn zu verstehn.“

Ähnlich konzise äußert er sich zur Philosophie Immanuel Kants, wobei er, um seinen eigenen Standpunkt klar zu machen, keiner umständlichen Abhandlung bedarf: „Kant hat die reinliche Scheidung der Oberfläche von der Tiefe vorgenommen, und weil wir, die in seiner Schule gesessen, die Oberfläche so deutlich als Oberfläche erkennen, deshalb, gerade deshalb müssen wir uns umso stärker nach der Tiefe sehnen. Kant lehrt uns, dass die Vernunft hier nicht beweisen und erklären kann. Aber ohne diese Tiefe, ohne einen letzten Grund unseres Daseins können wir nicht zu jener Einheit und Wirklichkeit gelangen, die dem Dasein für uns erst Wert und Sinn gibt.“

Das Buch

Eduard von Keyserling: Kostbarkeiten des Lebens. Schwabinger Ausgabe, Bd. 3. Manesse, München 2021. 912 S., 32 Euro.

Im Roman „Wellen“ gibt es Anzeichen dafür, dass dem Autor ähnlich wie Jahrzehnte später Heimito von Doderer und insbesondere Robert Musil Zweifel an der herkömmlichen Narrativik gekommen waren, die seines Erachtens allzu selbstverständlich Vorstellungen wie Kontinuität und chronologische Abfolge kolportierten, weshalb er dann gleichsam kleine Wirbel in den Gang der Erzählung eindrehte, in denen die Zeit stillzustehen scheint.

In dem neuen Buch findet sich eine magistral zu nennende Notiz, die den historischen Hintergrund zeigt, vor dem diese Zweifel entstanden sind und, wie wir erfahren, schlechterdings sogar entstehen mussten. Von Keyserling schreibt: „Das Pathos unserer Zeit ist die Erwartung, sie ist es immer in einer Zeit von Suchenden, und das Suchen nach neuen Lebensformen, neuen Wahrheiten, nach einer neuen Weltanschauung und einer neuen Kunst ist die Leidenschaft und das Fieber unserer Tage. Das 16. Jahrhundert gab der europäischen Menschheit eine nie geahnte Fülle neuer Perspektiven und neuer Gedanken. Aber die Menschheit von damals war eine Generation von Findern ... In jener Zeit war nie von einer auf eine ferne Zukunft gerichteten Sehnsucht oder Hoffnung die Rede. Das gab dem Renaissancemenschen seine Lebenssicherheit und jene vertrauensvolle Lust am Schaffen, die wir heute bewundern.“

Lothar Müller hat seinem Nachwort den Titel „Das Ende der Etui-Welt“ gegeben. Er spielt damit auf den Aufsatz von Walter Benjamin über den destruktiven Charakter an und hält somit treffend jenes hüllenartige Bewahrt-Sein im Gegebenen fest, das der Schriftsteller aus der Vergangenheit seiner adligen Familie in das eigene Leben hatte hinüberretten können. Müller schreibt über die Erzählungen des Autors: „Was den Figuren bleibt, ist der nicht-revolutionäre Ausgang aus der Etui-Welt.“ Eine neue Beschäftigung mit dem Werk von Keyserlings könnte bei diesem Satz einsetzen.

Von Keyserling litt bald unter zunehmender Blindheit und Lähmung, so dass er seine Texte nur noch diktieren konnte. Sicherlich war er eine bizarre Erscheinung und sich bewusst, dass er von abstoßender Hässlichkeit war; ein überliefertes Porträt von Lovis Corinth legt nah, dass diese Selbsteinschätzung der Wahrheit entsprach. Es ist klar, dass alle Besucher, die er empfing, von der geistreichen Unterhaltung mit ihm überaus angetan waren. Aber auch seine erstaunliche Gelassenheit bewunderten sie. Rainer Maria Rilke notierte nach seinem Besuch: „es ist, als übertrüge sich die Sesshaftigkeit des Gelähmten wunderbar auf seine Gäste, heimisch machend.“ Er sei, stellte ein anderer Besucher fest, „von großer innerer Heiterkeit, ja oft von kindlichem Frohsinn“ gewesen.

Von Keyserling selbst stammt das in diesem Band abgedruckte Bekenntnis, seine luzideste Zeit habe er als Gymnasiast gehabt, von diesem frühen Reichtum zehre er noch immer, und seither habe er nichts Neues gedacht. Sicher ist es gut, wenn man die Ahnungen der Jugendzeit später durch Bildung festigen kann, da man sie ja erst dann fundiert zum Ausdruck bringen kann. Aber in der Selbstgewissheit, mit der sich der Autor geweigert hatte, mit dem Strom zu mitzuschwimmen, ist dieses Bekenntnis dennoch bedenkenswert.

Von Keyserlings Texte sind derart überzeugend, dass man am Ende versucht ist, das Feuilleton für das einzig ernstzunehmende literarische Genre zu halten. Zur bloßen Form muss freilich noch etwas anderes hinzukommen. Wir lesen: „Aber in eine Weltanschauung, die das Dasein als lebendes Ganzes fühlt und sieht, gehört alles hinein, da braucht nichts übersprungen zu werden. Sie ist wie ein Scheinwerfer, der seine Lichtsäule über ein Land hinführt und alles, was in dieses Licht tritt, hat ein Recht darauf, gesehen zu werden, hat ein Recht auf dieses Licht.“

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