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Paris im Januar 2019, Gelbwesten ziehen durch die Stadt.

Literatur

Er stiehlt sein Essen vom Teller

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Édouard Louis zeigt in seinem Buch „Wer hat meinen Vater umgebracht“, wie Politik auch töten kann.

Der Franzose Édouard Louis ist 26 Jahre alt. Gerade ist sein drittes Buch auf Deutsch erschienen: „Wer hat meinen Vater umgebracht“. Die Originalausgabe kam bereits im vergangenen Mai heraus. Deshalb hat man in Frankreich sicher gleich verstanden, was es bedeutete, als der Autor Anfang Dezember eine Erklärung verfasste, die er überschrieb: „Wer eine Gelbweste beleidigt, beleidigt meinen Vater.“ Obwohl Vertreter der Bewegung wegen Homophobie und Rassismus in der Kritik standen, verteidigte er sie: „Weil sie etwas Richtiges, Dringendes, Radikales verkörpert. Weil sie endlich die Gesichter und Stimmen sichtbar und vernehmbar macht, die normalerweise in die Unsichtbarkeit gebannt werden.“

Und das ist es, was Édouard Louis selbst macht. So jung er auch ist, hat Édouard Louis sich schon den Rang eines bedeutenden Autors erschrieben. Was er in einen dringlichen Rhythmus kleidet, tut weh. Erzählte er zunächst, 2014, „Das Ende von Eddy“, also das Ende des Jungen Eddy Bellegueule, der er einst war, wegen seiner Homosexualität schon als Jugendlicher gemobbt, schrieb er in dem Roman „Im Herzen der Gewalt“ davon, wie er sich selbst unter dem Eindruck eines Missbrauchs- und Mordversuchs veränderte. Wo andere aus Scham und Machtlosigkeit schweigen, durchläuft Édouard Louis die Qualen noch einmal, um die Muster aufzubrechen: Man kann einen Fremden dafür beschuldigen, was er getan hat, ohne dadurch xenophob zu sein. Man muss benennen, wer wem gegenüber Gewalt ausübt. Louis schaut hinter den Schmerz.

Nun greift er das Thema von einer anderen Seite. Man kann sagen: von oben. Das neue Buch handelt von der herrschenden Klasse in seinem Heimatland und den Auswirkungen der Politik in die Familien hinein. Es ist einerseits eine nachgetragene Liebeserklärung an den Vater, andererseits eine Kampfansage an eine abgehobene Politik.

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. A. d. Franz. v. Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer 2019. 80 S., 16 Euro.

Wenn man Édouard Louis’ Buch über die Kindheit gelesen hat, staunt man über die Wärme, die er jetzt für seinen Vater aufbringt. Er schreibt, wie er nach seiner Flucht aus der Provinz in Paris nach dem Verhältnis zu seiner Familie gefragt wurde, und stets antwortete, „dass ich meinen Vater hasste“. Obwohl es nicht stimmte. „Ich wusste, dass ich dich liebte, aber ich hatte das Bedürfnis, den andern gegenüber zu behaupten, ich würde dich hassen. Warum?“ Édouard Louis spricht seinen Vater an, analysiert dessen Leben als ein „Dasein ex negativo“ und führt aus: „Du hattest kein Geld, du hast keine Ausbildung machen können, keine Reisen unternehmen, keine Träume verwirklichen können.“

Dahinter steht die selbstkritische Erkenntnis des Autors, sich von seiner Herkunft abgehoben zu haben. Er schreibt fort, was Annie Ernaux mit ihren sozialen Erkundungsromanen begonnen hat, führt weiter, was Didier Eribon mit der Recherche seiner Herkunft in „Rückkehr nach Reims“ (2009) so intensiv fragend betrieb.

Der Ich-Erzähler, der dem Autor entspricht, schildert eine Szene, da sein Vater fast vor seinen Augen zu Hause in einer Prügelei gestorben war. Das ist verstörend. Viel mehr greift jedoch an, wenn der Autor die Maßnahmen seitens der Politik schildert, die Lebenskraft und Lebensmut seines Vaters zerstörten. Durch einen Arbeitsunfall behindert, war der auf Medikamente und Unterstützung angewiesen. Doch die Sozialpolitik, so liest es sich hier, verwandelte sich in Frankreich in eine asoziale Politik.

Wenn jemand von „den Politikern“ spricht, ist Vorsicht geboten. Gerade heute, da Populisten mit einfachen Lösungen die da oben gegen die da unten ausspielen. Doch Édouard Louis erzählt ja von seinem Vater. Unterbrochen von erinnernden Miniaturen aus der Kinderperspektive beschreibt er in klaren, überzeugenden Sätzen Schritt für Schritt, welche Entscheidungen welche Auswirkungen für seinen Vater hatten. Ein Beispiel: Im August 2017 strich die Regierung fünf Euro pro Monat von der Wohnungsbeihilfe für die Ärmsten und kündigte zugleich eine Absenkung der Vermögenssteuer für die Reichsten an. Die Frage, ob man weiß, was fünf Euro bedeuten, macht den Klassenunterschied aus. „Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“

Wer hat seinen Vater umgebracht? Der Autor nennt die Namen der Täter: François Hollande, Manuel Valls, Myriam El Khomri, Martin Hirsch, Nicolas Sarkozy, Emmanuel Macron, Xavier Bertrand, Jacques Chirac. „Literatur muss kämpfen“, sagt Édouard Louis, „für all jene, die selbst nicht kämpfen können.“ Literatur muss gar nichts. Aber so, wie Louis sie als Waffe nutzt, möchte man ihr eine Wirkung wünschen: ein Umdenken, ein Mehr an Aufmerksamkeit.

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