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Ismail Kadare

Der edelste der Parteisekretäre

Schreiben in der Diktatur: Die Angst, die Anpassung. Ismail Kadares autobiografischer Roman „Die Dämmerung der Schattengötter“ führt in die Zeit des albanischen Schriftstellers am Moskauer Gorki-Literaturinstitut zurück.

Von Dorothee Wahl

Wie leben und arbeiten Schriftsteller in totalitären Systemen? Der autobiographische Roman von Ismail Kadare „Die Dämmerung der Steppengötter“ beschäftigt sich mit dieser Frage. Kadare verarbeitet in dem schmalen Band seine Zeit mit der literarischen Elite in Moskau und Dubulti. Er ist in seinem Heimatland Albanien bereits ein bekannter Lyriker, als er ab 1958 für drei Jahre das renommierte Moskauer Maxim-Gorki-Literaturinstitut besucht. An der Eliteschule für Schriftsteller, Dichter und Journalisten wird er unter anderem Zeuge einer umfassenden Hetzkampagne gegen Boris Pasternak, der 1958 den Literaturnobelpreis nicht entgegennehmen darf. Zurückgekehrt nach Tirana, beginnt er 1962 mit der Arbeit an dem Roman, der nun erstmalig auf Deutsch erschienen ist.

Die Geschichte beginnt jedoch nicht in Moskau, sondern im lettischen Dubulti, wo die gemeinsamen Sommerferien verbracht werden. Mit Kollegen und deren Familien ist der Ich-Erzähler im Schriftsteller-Erholungsheim an der Ostsee, der Alltag von monotonen Abläufen und einer „Herzensangst“ geprägt: „Wahrscheinlich hatte sie mit der nervtötenden Eintönigkeit der gemeinsam mit lauter Initialenträgern verbrachten Urlaubstage zu tun, die herumliefen wie Gedenksteine mit Inschrift.“

Aber noch gibt es den Weg hinaus. Eine Unbekannte erscheint im Heim, ein „lebendiger Mensch“, und der Lesende taucht in den vermeintlichen Beginn einer Liebesgeschichte ein: Er verbringt mit dem Paar eine Nacht, hört die leisen Wellen der Ostsee, lauscht albanischen Geschichten – wie der Balkanlegende über ein Versprechen, das über den Tod hinaus gültig ist.

Im Moskauer Wohnheim prägen unterdessen Misstrauen, Bespitzelung und Fatalismus die Stimmung der aus allen Teilen des Sowjetreichs versammelten Literaten. Es wird geschrieben, was der Staat wünscht, die eigenen antikonformen Textideen bleiben Wunschdenken. Man flüstert sie sich zu und füllt sie beim Auftreten vermeintlicher Spione mit neuem Inhalt: „‚Juri Gontscharow!‘ sagte jemand leise, und sofort erfuhren die Romane, Theaterstücke und Poeme eine dramatische Veränderung: Der großgewachsene, breitschultrige Parteisekretär schenkte sein Jackett einem frierenden Genossen; der Delegierte des Parteikomitees, der in der ersten Fassung noch Wodka schwarzgebrannt hatte, vergaß nun im ersten Akt, sein Gehalt abzuholen, und wenig später sogar das Abendessen, weil sein Sinnen und Trachten ausschließlich auf die Weltrevolution gerichtet war.“ Zuletzt bricht auch noch eine Pocken-Epidemie aus, die die Bewohner des Heims zur Quarantäne verpflichtet und die klaustrophobische Atmosphäre perfektioniert.

Die Liebe scheitert am Verrat

In fünf Kapiteln verwebt Kadare eine Geschichte von Verrat und Außenseitertum: der Verrat von Schriftstellern an ihren Ideen und der Verrat des Ich-Erzählers an sich und seinen Idealen, gespiegelt in einer scheiternden Liebesgeschichte. Er bleibt zudem in der russischen Gesellschaft ein Außenseiter und bekommt, im Zuge der politischen Entwicklung unter Chruschtschow, immer stärker das Misstrauen und die Ablehnung als Albaner in Russland zu spüren.

Man versteht, warum der in der Öffentlichkeit kaum präsente Autor seit Jahren einer der Anwärter auf den Literaturnobelpreis ist. Der von Joachim Röhm hervorragend übersetzte Roman besticht nicht nur mit seiner melodischen, bildhaften Sprache, die in den oft beklemmenden Inhalt einen eigenen Humor einfließen lässt. Er überzeugt auch durch den Aufbau eines Spannungsbogens, der die Düsternis des Schreibens in einer Diktatur schonungslos offenbart. Hier liegt ein Roman vor, der uns vor allen alten und neuen totalitären Strömungen warnt und deshalb auch und gerade heute hochaktuell ist.

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