+
Samuel Beckett auf einer undatierten Fotografie.

Literatur

„Echos Knochen“ von Samuel Beckett: „Sie ist ein Alptraum“

  • schließen

Samuel Becketts Erzählung „Echos Knochen“ wurde einst abgelehnt – sie ist auch nur für Fans des Schriftstellers.

Sie, liebe Leserin, müssen Samuel Becketts Erzählung „Echos Knochen“ nicht lesen. Nicht nur, weil Sie überhaupt nicht müssen, sondern auch, weil es sich bei dieser Geschichte um eine nahezu ungenießbare Kost handelt.

1933 nahm der Londoner Verlag Chatto & Windus eine Reihe von Erzählungen des irischen Schriftstellers an. „Mehr Prügel als Flügel“ war der Titel der Sammlung. Der Lektor fand allerdings, eine weitere Erzählung – von etwa zehntausend Anschlägen – würde der Schmalbrüstigkeit der bisherigen Kollektion aufhelfen. Beckett lieferte die gewünschte neue Erzählung „Echos Knochen“ knapp sechs Wochen später.

Der ihm sehr gewogene Lektor las sie und schrieb Beckett: „Sie ist ein Alptraum... Macht es Dir was aus, wenn wir sie weglassen?... ,Echo’s Bones‘ würde, da bin ich mir sicher, das Buch eine Menge Leser kosten.“ „Echo’s Bones“ kam erstmals 2014 in die Buchhandlungen. Der Mann hatte recht und er hat es noch immer.

Ganz anders liegt der Fall natürlich bei Beckett-Enthusiasten. Wer jede Äußerung dieses Genies kennen möchte, wer sich wohlfühlt, einfach weil er in seiner Nähe ist, der muss diese Erzählung lesen. Vielleicht gerade, weil sie so missglückt ist.

Die Story geht so: Der tote Belaqua kehrt ins Leben zurück. Er trifft auf Zaborovna Privet, verbringt eine Nacht mit ihr. Dann sucht der impotente Lord Gall ihn auf und bittet ihn, ihm mit Lady Gall einen „Stammhalter“ zu zeugen. Es wird ein Mädchen. Am Ende folgt ein Dialog auf dem Friedhof mit dem Totengräber Doyle.

Vier Szenen mit vier Dialogen. Dazwischen fantastische Begebenheiten wie zum Beispiel ein „U-Boot, das sich tutend im Uferschlamm wälzte wie ein Tollhäusler und das Morgengrauen die Berghänge herabgestrauchelt kam.“ Was soll daran ungenießbar sein?

Samuel Beckett: Echos Knochen. Aus dem Englischen und Nachwort von Chris Hirte. Suhrkamp, Berlin 2019. 125 S., 24 Euro.

Samuel Beckett (1906-1989) war siebenundzwanzig, als er „Echo’s Bones“ schrieb. Aber es ist die Erzählung eines Pennälers. Vollgestopft mit Lesefrüchten. Er kommt sich großartig vor, wenn er auf möglichst viel anspielen kann. Dreizehn Erläuterungen helfen dem Leser allein schon bei der Lektüre der Seite 16. Man liest Becketts Text und glaubt den Autor zu sehen, wie er auf dem Pausenhof steht und inmitten seiner Klassenkameraden angibt.

Auch der Humor ist der eines Pennälers. Aus dem englischen Kleinwagen Austin 7, der Baby Austin genannt wurde, macht der doch schon siebenzwanzigjährige Beckett einen „Baby-Austen“. Man sieht ihn mit hochrotem Kopf sich schütteln vor Lachen. Die „New York Times“ schrieb, so lese ich auf dem Cover der deutschen Ausgabe: „Es ist das Manifest eines Punks, das uns erklärt, warum Beckett so unverändert wichtig ist... Mit „Echos Knochen“ kehrt Beckett der Unruhestifter zurück.“ Man kann den Text offenbar auch ganz anders lesen.

Da fehlt doch was? Richtig: der Sex. Mit den beiden Frauen hat Belaqua ihn. Der Genuss aber findet an einem anderen Ort und auf eine andere Weise statt. Als er auf einem Zaun saß, „traf ihn ein so wuchtiger Schlag auf sein ragendes Steißbein, diesen fidelen, kaum bekannten Knochen der Amativität, dass er fast vor Lust verging. Nie hatte er einen solchen Kitzel erfahren – so als würde einem der Podex mit einem Schlagring poliert.“

In jedem Satz spürt man den Autor und wie stolz er auf seine schönen Erfindungen ist: „Morgendämmerung, über die ganze Babyausstattung der Nacht abortierend. Pfui!“ Punkig? Wenn man es so lesen möchte.

In Wahrheit aber macht die Lektüre von „Echos Knochen“ deutlich, wie Beckett zu einem großen Autor wurde. Er hat sich verkleinert, hat ausgekehrt. Statt Schätze aus englischen, französischen, deutschen und italienischen Büchern, aus lateinischen, griechischen Klassikern zu zitieren, warf Beckett all das hinaus aus seinen Texten. Statt seiner Leidenschaft für entlegene Fremdwörter zu frönen, achtete er auf völlige Verständlichkeit jedes einzelnen Satzes.

Desto markanter wurde die Unverständlichkeit des Ganzen. Er verzichtete darauf, sie abzubilden. Desto sichtbarer wurde sie. Die Regisseure, die die Bühnen für seine Stücke leer räumten, taten nur das, was er vorher mit seinen Sätzen getan hatte. Keine pompösen, assoziationsreichen Perioden mehr, sondern Subjekt, Prädikat, Objekt, Punkt.

Als er zwanzig Jahre später, 1952, mit „Warten auf Godot“ die Bühnen der Welt eroberte, hatte er das pennälerhafte Imponiergehabe abgelegt. Er folgte der Devise: karg statt prächtig. Kein Wunder, dass Brecht das Stück wollte für sein Berliner Ensemble.

Die Lektüre von „Echos Knochen“ lohnt sich doch. Man begreift: Auch Samuel Becketts Kunst entstand durchs Streichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion