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Lob des E-Books

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Jetzt ist die beste Zeit, um Bücher digital zu lesen. Wie kommt es, dass dafür kaum einer Werbung macht?

E-Books sind eigentlich ideal für Pandemiesituationen: Niemand muss für ihren Verkauf oder Verleih zur Arbeit gehen – nicht im Lager, nicht in der Auslieferung, nicht in der Buchhandlung, nicht in der Bibliothek. Niemand braucht das Haus zu verlassen, um sie zu erwerben oder auszuleihen. Auch wer keinen E-Reader besitzt (so wie ich), muss sich nicht unter Menschen begeben, um extra ein Gerät zu beschaffen, sondern kann E-Books auf dem Handy, am Tablet oder am Laptop lesen. Es ist unnötig, sich einen Vorrat anzulegen: Wenn ein Buch ausgelesen ist, lädt man das nächste herunter. Die Übertragung von E-Books belastet das derzeit stark strapazierte Internet viel weniger als das Streaming von Filmen. Und man braucht gar nicht erst darüber nachzudenken, wie lange Krankheitserreger wohl auf der Oberfläche einer digitalen Datei überleben können.

Trotzdem habe ich in den letzten Wochen keine solchen Hinweise aus der deutschsprachigen Buchbranche wahrgenommen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels forderte am 16. März eine Ausnahmeregelung von den Ladenschließungen für Buchhandlungen. „Einige meiner besten Freunde sind Bücher, aber Buchhandlungen gehören doch eher zu den Läden, in denen man länger herumstreunt und ständig irgendwas begrabbelt und dann zurücklegt. Deshalb: keine sehr gute Idee“, protestierte @innere_simone bei Twitter. (Offenlegung: @innere_simone ist unter anderem Literaturkritikerin, und wir sind befreundet.) Am gleichen Tag wendete sich Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins, „an ihre Kollegen und Kolleginnen in Buchhandlungen, Verlagen und im Zwischenbuchhandel“ und wünscht sich darin, die Politik möge erkennen, „wie relevant Bücher gerade in Zeiten von Schulausfall und Einsamkeit sind“. Offenbar haben diese Relevanz aber nur Bücher aus Papier, denn von E-Books war auch hier wieder nicht die Rede.

Der Börsenverein, so könnte man annehmen, verteidigt vor allem die Interessen des stationären Buchhandels, und der profitiert kaum vom E-Book-Geschäft. Theoretisch ist es zwar möglich, E-Books in Buchhandlungen zu kaufen, praktisch besteht dafür aber wenig Notwendigkeit. Die meisten Leserinnen und Leser decken ihren E-Book-Bedarf bei den großen Anbietern oder direkt bei den Verlagen. Die Verlage allerdings sind eine der drei Gruppen, die der Börsenverein eigentlich vertreten sollte, und zumindest aus ihrer Sicht gibt es meines Wissens keinen Grund, die Existenz von E-Books so konsequent zu verschweigen. Auch wenn ich Buchhändlerin wäre, würde ich mir von meiner Interessenvertretung eher Verantwortungsbewusstsein für meine Gesundheit und die der Kundschaft wünschen als Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs um jeden Preis.

Es ist nicht nur der Börsenverein, der so tut, als sei das E-Book noch nicht erfunden. Auch aus meinem Bekanntenkreis lese ich eine Aufforderung nach der anderen, sich jetzt noch schnell in Bibliotheken, Buchhandlungen oder bei Amazon mit Papierbüchern einzudecken. Ich glaube nicht, dass mein Freundeskreis eine zuungunsten des E-Books verzerrte Stichprobe darstellt und man überall dort, wo ich es nicht sehe, das Lob des E-Books singt. Vermutlich folge ich im Netz sowieso schon überdurchschnittlich E-Book-freundlichen Leuten. Außerdem haben dieselben Menschen in den vorangegangenen Jahren oft von den ungelesenen Büchern berichtet, die sich bei ihnen zu Hause stapeln. Echte Buchknappheit scheint also nicht zu herrschen. Vielleicht glauben insgeheim alle, dass der Strom oder das Internet ausfallen werden und nur das Papierbuch ausreichend Katastrophensicherheit bietet?

Das rätselhafte Schweigen über E-Books könnte einfach daran liegen, dass man beim E-Book eben nicht zu schnellem Handeln und Vorratshaltung auffordern muss. E-Books verhalten sich nicht wie Nudeln oder Klopapier, sondern eher wie Musik oder Filme. Beide kommen ins Haus – durch Radio, Fernsehen und Streaming –, und ich habe bisher keine Befürchtungen gelesen, dass diese Ströme demnächst versiegen könnten. Zudem ist es nach wie vor nur eine kleine Minderheit, die gern und regelmäßig E-Books liest. Es gibt also schon deshalb viel mehr Menschen, die öffentlich zum Kauf von Papierbüchern auffordern, als solche, die stattdessen das E-Book loben könnten. Deshalb habe ich das jetzt mal übernommen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich in den letzten zwei Wochen insgesamt kaum mehr als zwanzig Buchseiten gelesen habe, egal ob Papier oder E. In so einer Pandemie kommt man einfach zu nichts.

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