Durs Grünbein

Durs-Grünbein-Lesung: Rom und Traum

Durs Grünbein in der Frankfurter Romanfabrik.

Rom zieht bekanntlich deutsche Schriftsteller und Künstler an, so in jüngerer Zeit Peter Stein, Luise Rinser, Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze, die alle in Roms Umkreis lebten oder leben. Urbaner in Rom selbst hockt und schreibt der Huchel-, Büchner- und Hölderlin-Preisträger Durs Grünbein, den die Neigung zu klassischen Registern früh die Fühler zum Tiber ausstrecken ließ. Sein Villa-Massimo-Stipendium 2009 und dessen literarische Frucht „Aroma“ beförderten den Lebensplan einer Heimat in Rom, den er seither verwirklichte. Schwang schon „Aroma“ sympathetisch mit Rom mit, gilt dasselbe jetzt für die römischen Anteile seiner Bände „Aus der Traum (Kartei)“ und „Zündkerzen“ (beide Suhrkamp).

Weißgrau die Haare, weiß der Wein, beanspruchte der entspannte Autor nach guten Worten Michael Hohmanns in der Frankfurter Romanfabrik die „Position des Barpianisten“, dem man zwanglos zuhört. Seine Gelegenheitsschriften „Aus der Traum (Kartei)“ nannte er ein Lesebuch. In „Fußnote zu mir selbst“ schilderte er zunächst seinen Weg durch die moderne Poesie. Rimbauds Hölle galt ihm in der DDR als realistischer Bericht.

Viel Raum widmete er dem ersten Kapitel, das den romantisch-poetischen Künstlertraum mit Freud-Schüler Ludwig Binswanger und Michael Foucault stärkte: der Traum als „seltenes Tier“ von eigener Eloquenz und Regie statt bloßer Wunscherfüllung à la Freud. „Sehen heißt die Bilder töten“, zitierte er komisch-erhaben Heiner Müller, den Freund und Förderer früher Jahre. Es folgten die (DDR-)Geschichte, ein Text über den Futurismus und einer über Goethes Italien antizipierenden „Fasanentraum“. Szenenapplaus für seine Traumdeutung der Goethe-„Fasanen“ als Frauen.

Unmerklich dann der Übergang zu „Zündkerzen“. Da war das Rom der Pinien erreicht, das Grünbein in Aberdutzende „P"-Laute auflöste: von der „Pinzettenform“ der Piniennadeln über die Zahl Pi bis „Persistenz“ und „Principessa“.

Interessantes auch im Publikumsgespräch, Hauptthema: die Fehde zwischen Grünbein und Uwe Tellkamp („Der Turm“) vor der Leipziger Buchmesse 2018, als sich Tellkamp und akademische Mitstreiter mit AfD-Propaganda „solidarisierten“. Der Zusammenstoß schien Grünbein noch zu bestürzen. Tellkamps Schlüsselsatz „Es geht ein Riss durch Deutschland, und ich will ihn vertiefen“ hing ihm nach. Wer Neues aus dem „Kriegsgebiet“ Dresden wissen wolle, so Grünbein, solle Marcel Beyer lesen.

Als Kenner Dantes wie Ezra Pounds, des großen Modernisten und aber faschistischen Ideologen, der 1944/45 im Käfig und der Psychiatrie landete, war Grünbein sehr bewusst, dass sich jeder seine eigene Hölle schafft.

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