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Unterwegs im Schnee - wohin?
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Unterwegs im Schnee - wohin?

Russische Literatur

In Durows Mäusebahn

  • VonKatrin Hillgruber
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Michail Schischkin wagt die "Eroberung von Ismail" und bringt sich und seine Leser dabei auf Touren.

Das Wörtersammeln und das Kinderzeugen betrachtet der russische Schriftsteller Michail Schischkin als die besten Mittel, um das Leben bezwingen, wie er in einem Interview verriet: „Die Freude am Wort und die Freude am Kind macht dieses aus Leben und Tod bestehende Leben unterm Strich sehr schön.“

Und so durchziehen sein Romandebüt „Die Eroberung von Ismail“ aus dem Jahr 2000, das erst jetzt in Andreas Tretners bravouröser Übersetzung auf Deutsch vorliegt, zwei zentrale Phänomene: zum einen seitenlange Zitatlawinen, die bei der leisesten literarischen oder historischen Anspielung losbrechen, so dass sich der Leser kaum in Sicherheit bringen kann; zum anderen narrative Passagen unbedingter, rührender Vaterliebe quer durch die Jahrhunderte. Diese stammen von zwei Ich-Erzählern, einem, dessen Name und Lebensdaten mit dem Autor übereinstimmen, und einem namenlosen Rechtsanwalt aus einer Provinzstadt an der Wolga im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Der Vater der behinderten Anetschka wird von der Redaktion des Lexikons russischer Gerichtsredner dazu aufgefordert, einen zweiseitigen Lebenslauf zu verfassen. Daraus entwickelt sich bei Schischkin, der sich seiner Virtuosität überaus bewusst ist, ein Großroman, der von Anfang an erhebliche Zentrifugalkräfte entwickelt: Ständig droht es einen bei der Lektüre aus der Kurve zu tragen. Der wiederholte Blick in den Anhang mit den unzähligen Erläuterungen des Übersetzers ist unerlässlich.

Schon der Prolog, der irreführend als „Siebte Lektion“ firmiert, hat es in sich: Eine beschwerliche Zugfahrt im Schnee – eine klassischen Erzählsituation der russischen Literatur – befördert den altslawischen Donnergott Perun und seinen Gegenspieler Weles, den Gott der Erde, zu einem Strafprozess irgendwo in der „tristen baschkirischen Finsternis“ – oder sind es Menschen, die diese Götternamen tragen? Das bleibt ungeklärt. Die Gerichtsverhandlung jedenfalls, bei der eine Mörderin dank des rhetorischen Geschicks ihres Anwalts freigesprochen wird, verleiht dem Roman sein diskursives Gerüst. Denn angeklagt ist keine Geringere als die russische Nation selbst. In den Zeugenstand treten weitere altslawische Gottheiten wie die Patronin der Jungfrauen Mokosch, der ihr Säugling von den Behörden weggenommen wird, Großredner der Antike, Bibel- und russische Sagengestalten und so fort. Das Ganze wird unterfüttert durch literarische „Zeugenaussagen“ berühmter Russlandreisender von Alberto Campensé im 16. Jahrhundert bis Madame de Staël. Bei der abschließenden Urteilsfindung hat Übersetzer Tretner mehr als 140 authentische historische Stimmen gezählt, die Schischkin zitiert: „Nicht Verstand regiert ihr Reich / gottlos ist das Wort und bleich. Denn alles lahmt und bleybt beim alten / wo Dummheit Noth und Sünde walten. – Überhaupt sind die Russen keine Mathematiker.“

Der Buchumschlag zeigt eine Herbstlandschaft vor einem Zugfenster – Hinweis auf Schischkins collagierendes Erzählen à la Joyce: Er arbeitet mit Übergängen, mit Überblendungen der Sprecherinstanzen und der Epochen. So schläft der erschöpfte Anwalt von der Wolga bei einer Zugfahrt ein. Zuvor hatte er seine Frau Katja in eine Heilanstalt bringen müssen, da sie mit der Behinderung ihrer Tochter und der Reaktion der Gesellschaft darauf psychisch nicht zurechtkam. Der Jurist erwacht als junger Zeitungskorrespondent Michail (Schischkin), der vom Dorfsowjet erwartet wird – noch ist die Sowjetunion nicht untergegangen. Und dann handelt es sich doch wieder um einen Traum: „Entgeistert sehe ich mich um. Der Platz ist bevölkert von sonderbaren Wesen. Es sind viele. Sie tragen Uniformmäntel. Doch von den Schultern aufwärts sind es Bären, Füchse, Wölfe und andere Bestien.“

„Die Eroberung von Ismail“ erhielt unter anderem den Booker-Prize für das beste russische Buch des Jahres. Zu diesem Zeitpunkt lebte der 1961 in Moskau geborene Schischkin mit seiner zweiten Frau Francesca, einer Schweizer Slawistin, bereits seit fünf Jahren in deren Heimat. Russland aber ließ ihn an der Limmat nicht los: Das Buch rekapituliert in weiten Teilen auch die Geschichte seiner eigenen Familie quer durch die brutalen Zeitläufte. Dabei erinnert sich der Schriftsteller und Putin-Kritiker an einen Rat seines Vaters: „Das Leben, Mischka, muss man erstürmen wie eine Festung!“

Dieser Schlüsselsatz ist wiederum mit den Erlebnissen des zweiten Ich-Erzählers verschränkt, des unglücklichen Anwalts. Der Strohwitwer verliebt sich in seine ebenso einsame Sekretärin Larissa. Deren Sohn Kostja ist begeisterter Hobby-Zoologe. Der Junge eifert dem Vorbild der berühmten Zirkusfamilie Durow nach, die ab 1912 eine „spektakuläre Mäusebahn“ betrieb. Kostja will seine Mäuse durch Käse dazu animieren, einen Pappmaché-Nachbau der türkischen Donau-Festung Ismail zu erobern, die 1790 vom russischen General Suworow erstürmt wurde: „Dressierte Mäuse würden Gräben überwinden, Mauern erklimmen und schließlich, nach Einnahme des Turmes, die türkische Fahne einholen und die russische hissen.“

Das klingt, als habe Michail Schischkin zugleich einen Verhaltenskodex für seine Leserschaft entworfen: Wer der „Eroberung von Ismail“ folgen will, fühlt sich irgendwann wie ein Protagonist in Durows Mäusebahn.

Michail Schischkin: Die Eroberung von Ismail. Roman. A. d. Russ. von Andreas Tretner. DVA, München 2017. 512 Seiten, 26,99 Euro.

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