Durchschwommene Nächte

Der Wasserliebhaber Paul Morand testet die guten Eigenschaften des Planktons

Von THOMAS LAUX

Dieser Mann wäre bestimmt auch ein guter Surfer gewesen. Wenn man das Meer, die Wellen, das Sich-im-Wasser-Tummeln so sehr liebt wie der legendäre Schriftsteller und bekennende Hedonist Paul Morand, dann hätte man ihm auch diese sportliche Betätigung selbst im hohen Alter noch zugetraut. Morand, 1888 in Paris geboren und 1976 ebendort gestorben, war nicht nur Liebhaber schneller Autos und Ehemann einer rumänischen Prinzessin, sondern in der Tat ein "notorischer Schwimmer", leidenschaftlich bis zur Sucht.

Vielleicht müsste man für dieses irgendwie beinahe neurotisch anmutende Verhalten noch einen klinischen Begriff finden. Denn sowie dieser Mann des Meeres ansichtig wurde - er beschreibt es selbst -, entledigte er sich umgehend seiner Kleider und sprang nackt in die Fluten, sommers wie winters. Das soll ihm erst mal jemand nachmachen.

Phänomenologie des Ufers

In den jetzt erstmals auf deutsch erschienenen "Schwimm-Aufzeichnungen" berichtet Morand von seinen zahllosen Reisen an die europäischen Gestade, und da scheint er kaum eine wichtige Küste ausgelassen zu haben. Er erschafft gleichzeitig, neben einer topographischen Verzeichnung der sehenswertesten Strände (Stand allerdings: 1960), so etwas wie eine Phänomenologie des Ufers mit seinen dort liegenden Ortschaften oder Besonderheiten. Das Ganze ist unterhaltsam-intertextuell vernetzt; Morand zeigt, wie die Dinge diesbezüglich bei anderen schwimmenden Kollegen liegen, etwa bei Michel Déon (der sich auch dem Thema der schwimmenden Romanheldin verschrieben hat), bei Pieyre de Mandiarques, bei Nourissier, oder weiter zurück in der Literaturgeschichte: bei Aristophanes, Cicero (den das Meerwasser von seinem "Brustleiden" befreit haben soll), dann vor allem bei Chateaubriand, bei Michelet und Maupassant, und natürlich - ein anderer großer Verrückter in diesem Bereich - bei Victor Hugo.

Woher kommt eigentlich diese Faszination für das Meer, fragt sich Morand und unternimmt den Erklärungsversuch gleich selbst. Seine Antwort bleibt freilich etwas vage im Vulgärpsychologischen verhaftet; der Mensch liebe das Meer aus Gründen, die zu tun hätten "mit Mutterbrust und Fruchtwasser". Nein, das führt nicht wirklich weiter, und Morand hält sich auch glücklicherweise nicht lange bei derartig verschwurbelter Theorie auf. Viel wichtiger erscheint ihm allerdings der Gesundheitsaspekt des Wassers ("Ich glaube an die guten Eigenschaften des Planktons"), er setzt auf die entschlackenden Wirkungen des Salzwassers und lässt sich dann einfach nur noch gehen - beziehungsweise treiben, und das am liebsten auf dem Rücken.

Dieses Buch kommt mit wunderbarer Leichtigkeit und einer kleinen Prise Selbstironie daher. Man sieht Morand förmlich vor sich, sich nicht ganz ernst nehmend, insbesondere, wenn er berichtet, wie er die einzelnen Schwimmstile durchprobiert und etwa versucht hat, den Kraul-Stil zu erlernen ("Mund offen halten, Kehle mit dem Zäpfchen verschließen"), wie viel Mühe ihn das Ganze gekostet hat.

Als es ihm dann endlich gelang, war es zu spät: Da rauchte er schon zu viele Zigarren und war bereits zu alt, um in dieser Disziplin noch brillieren zu können. Auch am Schmetterlingsstil, so berichtet er, wollte er sich nicht mehr versuchen.

Kultiviertes Fernweh

Wenn Morand im zweiten Teil dieses Buches all die seinerzeit noch eher unberührten, vom Tourismus unverseuchten Strände aufzählt, sei es in Italien, Portugal oder Frankreich, da wird einem richtig schwer ums Herz. Eine diffuse Nostalgie wird einen dann erfassen, auch wenn man vermutlich an den meisten Küsten nie gewesen ist. Diese einst so malerischen Orte sind irreparabel verschwunden, bilden lediglich noch Rudimente unseres lieb kultivierten Fernwehs.

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