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Anne Tyler  fängt das Wahre ein.
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Anne Tyler fängt das Wahre ein.

Anne Tyler „Der leuchtend blaue Faden“

Die durchschnittliche Familie

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Anne Tylers feiner, unaufgeregter Familienroman „Der leuchtend blaue Faden“ braucht keine aufgerüschten Sätze, um das Unauffällige weniger unauffällig zu machen. Und doch wird man fasziniert sein von den Whitshanks und ihren Kindern.

Es gibt eine Schlichtheit, die ganz und gar trügerisch ist. Was und wer, scheint es (und scheint es eben nur), könnte alltäglicher sein, als die Geschehnisse und die Familien, von denen Anne Tyler erzählt? Nichts Besonderes passiert in ihrem Leben. Keine unerhörten Vorkommnisse ereignen sich, die sich nicht auch beim Nachbarn ereignen könnten. Und keine aufgerüschten Sätze und raren Wörter werden aufgeboten, um das Unauffällige weniger unauffällig zu machen. Die Romane der 1941 geborenen, in Baltimore lebenden Anne Tyler nähern sich leise. Und fangen einen dann mit Wahrhaftigkeit ein.

„Der leuchtend blaue Faden“ heißt der zwanzigste Roman Tylers; auch auf Englisch ist er in diesem Jahr erschienen als „A Spool of Blue Thread“. Es soll ihr letzter sein, wie sie in einem ihrer raren Interviews sagte. Vielleicht strengt sie die Langstrecke mittlerweile zu sehr an, vielleicht denkt sie, sie könne mit Mitte 70 ihr Niveau nicht mehr halten. Mit „Der leuchtend blaue Faden“ aber hält sie es allemal.

„Die Whitshanks waren keine melodramatische Familie“, heißt es ziemlich am Anfang. Und sie sind keine Familie, die auf einen stolzen Stammbaum blickt. Ihre Geschichten und Erinnerungen reichen gerade mal bis zu Junior, Handwerker, und seiner still und hartnäckig von ihm ungeliebten Frau Linnie Mae.

Im Zentrum des Romans aber stehen Red (Junior fand den Namen Redcliffe schick für seinen Sohn), der in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist und die kleine Baufirma übernommen hat, und seine Frau Abby, Sozialarbeiterin. Man kann Abby getrost einen Gutmenschen nennen. Wenn sie einsame Ausländer im Supermarkt aufliest und an den großen Whitshank’schen Esstisch einlädt, meint man, den Rest der Familie mit den Augen rollen zu sehen. Anne Tyler gewinnt nicht wenig Humor daraus.

Vier Kinder haben Red und Abby: Amanda, Jeannie, Denny und Stem. Dass Stem, der „folgsam und gutmütig und nett“ ist, von Abby nach dem plötzlichen Tod seines Vaters ohne Federlesens in die Familie Whitshank integriert wurde, enthüllt sich erst im Laufe des Romans. Er wächst auf, ohne auch nur zu ahnen, dass diese schrecklich peinliche Frau, die gelegentlich mit am Esstisch sitzt, seine leibliche Mutter ist. Mit seiner penetrant gutgelaunten und gläubigen Frau Nora zieht er, immer der Brave, bei den Eltern ein, nachdem Red einen kleinen Herzinfarkt hatte und bei Abby Gedächtnis-“Aussetzer“ beginnen.

Einen Satz wie einen Kiesel ins Wasser werfen

Braucht jede Familie ein schwarzes Schaf? Diese jedenfalls hat eines im irrlichternden, oft für Monate abtauchenden Denny. Die erste Szene des immer mal vor- und zurückschlendernden Buches spielt 1994, der 19-jährige Denny ruft spätabends bei seinen Eltern an und sagt, er sei schwul. Er ist es nicht, aber es scheint ihm ein Genuss zu sein, den Satz wie einen Kiesel ins Wasser zu werfen – und gleich wieder aufzulegen.

Wie tektonische Platten, die man nicht sieht, die aber die Erde erbeben lassen können, wenn sie sich bewegen, so sind die Konflikte in dieser Familie. Allerdings ist dieser Roman ein Buch der Andeutungen, die Beben sind winzig bis klein: mal gibt es einen Streit, eine verbale Rangelei, einmal auch eine kurze Prügelei zwischen den beiden jungen Männern. Denny neidet dem so unerwartet in der Familie aufgetauchten Stem die Fürsorge. Und seine zwei Schwestern werfen Denny bei einer späten Abrechnung vor: „Du hast jeden einzelnen Funken Aufmerksamkeit unserer Eltern beansprucht und für uns nichts übrig gelassen.“ Abby – wie auch anders? – beschwichtigt mal hier, mal da. Red gibt den souveränen Patriarchen.

Meist tun die Whitshanks, was man von ihnen erwartet, so sind sie, so sind schließlich die meisten Menschen. Red zum Beispiel heiratet Abby, denn er kennt sie, seit sie zwölf war. Als seine Eltern tot sind, zieht er mit ihr ins „Whitshank-Haus“, als gäbe es keine Alternative. Auf die übliche Weise ziehen sie ihre Kinder groß, auf die übliche Weise gründen diese wiederum Familien – außer Denny – und kümmern sich um die Eltern, als diese gebrechlich werden. „An den Whitshanks war nichts Bemerkenswertes. Keiner von ihnen war berühmt. Keiner von ihnen konnte außergewöhnliche Intelligenz geltend machen. Und was das Äußere betraf, waren sie nicht mehr als Durchschnitt.“

Bemerkenswert an den Whitshanks aber ist, dass die feine, unaufgeregte, aber auch konturenscharfe Prosa Anne Tylers so von ihnen erzählen kann, dass sie für die Dauer eines Buches die faszinierendste aller Familien sind.

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